01.12.2006 · Der Giftmord an dem früheren Spion Alexander Litwinenko lähmt die Vernunft und läßt Gespenster von der Leine. Nichts gedeiht in einem Klima der Angst besser als Verschwörungstheorien. Kerstin Holm berichtet aus Moskau.
Von Kerstin Holm, MoskauDer Giftmord an Ex-Spion Alexander Litwinenko lähmt die Vernunft und läßt Gespenster von der Leine. Während das weite Rußland, aber auch Moskauer Normalbürger vom Tod des früheren Geheimdienstmanns im fernen London gar nichts mitbekommen, versucht die Elite der Denkenden zu fassen, was in ihrem Land anders geworden ist.
In allen Köpfen überblenden sich drei Überzeugungen. Jeder meiner Gesprächspartner wußte und weiß felsenfest, daß wir die Wahrheit über dieses Attentat nie erfahren werden. Was die selben Leute nicht daran hindert, todsicher zu sein, daß natürlich der russische Geheimdienst dahinter steckt. Denn der Überläufer Litwinenko war Vaterlandsverräter, zudem ein solcher, der nicht still saß, sondern in seinem Buch „Der FSB sprengt Rußland in die Luft“ die Geheimdienst-Alma Mater von Präsident Putin anklagte, die Explosionen in Moskauer Wohnhäusern selbst veranstaltet zu haben. Solche Leute werden weggeräumt.
Ein Teil des Spiels
„Und dazu gehört auch, daß unsere Leute jede Beteiligung leugnen“, erklärt die Geschäftsfrau Natalja Semjonowa. „Das ist obligatorischer Teil des Spiels“. Obligatorischer Teil jeden Diagnoseversuchs ist aber auch die Figur des Ex-Oligarchen Boris Beresowski, der einst Putin in den Präsidentensattel half und von seinem Londoner Exil aus einen persönlichen Krieg gegen ihn führt. Jeder Russe traut dem mephistophelischen Genius Beresowskis zu, seinen Getreuen Litwinenko ins Jenseits zu befördern, wenn er damit Putin, zumal zum Zeitpunkt des Europäischen Gipfeltreffens in Helsinki, einen Tiefschlag versetzen kann.
In dem Erkenntnisdunkel hält man sich an die Frage, wem die Affäre nützt. Dies ist die Lieblingsfrage in der russischen Politik, wo sich die Vorrechte der Machthaber dadurch potenzieren, daß sie sich nie für etwas verantworten müssen. Verantwortung für politisches Handeln wird ersetzt durch vermeintliche Begünstigung als Schuldindiz - eine Einladung zu Manipulation und Demagogie. Die Doktrin, daß Rußland schon deshalb an dem Litwinenko-Mord unschuldig sein muß, weil es daran Schaden leide, formulierte in der Duma der Leiter des Komitees für Auswärtiges, Kossatschow. Die Journalistikprofessorin Tatjana Kuibyschewa stimmt ihm zu. Nach der ungeschriebenen Regel der „Organe“ bleibt bei wichtigen politischen Terminen ein Zeitfenster von etlichen Wochen attentatsfrei, weiß Frau Kuibyschewa. Die Dozentin erblickt in der Putin-Mannschaft vor allem zukunftsblinde Ölpreisprofiteure; doch der Agentenmord ist für sie eindeutig das Werk einer ausländischen Verschwörung gegen ihre unter Putin wiedererstarkte Heimat.
Ein „geheimer Plan des Westens“
Die Verschwörungstheorie erhält durch die Vergiftung des liberalen Ökonomen Jegor Gaidar, der am Tag nach Litwinenkos Tod als Konferenzgast in Dublin bewußtlos zusammenbrach, neue Nahrung. Gaidar, dem es inzwischen besser geht, wurde in ein Moskauer Krankenhaus überführt. Sein Pressesprecher wies Meldungen zurück, wonach auch Gaidar radioaktive Stoffe verabreicht wurden. Der Journalist und Abgeordnete des „Einigen Rußland“, Chinstein, der sich gern zum Geheimdienstsprecher macht, wittert einen geheimen Plan des Westens, durch Übergriffe auf Putin-Kritiker Putin zu diskreditieren. Dazu scheint die Verhaftung des einstigen Yukos-Anwalts Gofstein in Madrid zu passen. Gofstein werden Geldwäsche und Verbindungen zur russischen und georgischen Mafia vorgeworfen, berichtet sein Moskauer Partner Genrich Padwa, dabei sei Gofstein „lupenrein“. In Spanien wurde Padwa nicht zu dem Häftling vorgelassen. Haben russische Sicherheitsbeamte ihre spanischen Kollegen erfolgreich bearbeitet?
Nachdenken über Politik schade der Gesundheit. Von den Spielen der Geheimdienste sähen wir immer nur die Spitze des Eisbergs, philosophiert der Schriftsteller Vladimir Sorokin. Das ist eine geschlossene unmenschliche Welt für sich, sagt Sorokin, den vor allem das radioaktive Mordinstrument schockiert, das weitere Opfer in Mitleidenschaft zieht. Die Lyrikerin Alina Wituchnowskaja ist entsetzt über das Operettenszenario vom vermeintlichen Drahtzieher Beresowski, das die Machthaber dem von ihnen tief verachtete Volk vorsetzen. Für die Journalistin Julia Latynina gleicht das radioaktive Polonium 210, das nur in staatlichen Geheimlabors hergestellt wird und außer für Vergiftungszwecke unbrauchbar ist, der Visitenkarte, die der Mörder am Tatort liegenläßt. Frau Latynina zweifelt nicht daran, daß hier eine aggressive Fraktion von Putins Geheimdienstfreunden vorgeprescht ist.
Wir erleben einen technischen Entwicklungssprung, sagt Frau Latynina. Heute scheiden sich die Staaten in solche, die ihre Feinde nicht mit Polonium 210 umbringen und solche die es tun. Die Botschaft des Litwinenko-Mordes, daß Rußland von Geheimdienstlern regiert wird, richtet sich, so Julia Latynina, vor allem an Putin, um seinen internationalen Integrationsmanövern Einhalt zu gebieten. Litwinenko war nicht die letzte und nicht die spektakulärste Feindbeseitigung, ist die Journalistin überzeugt. Ich würde viel dafür geben, fügt sie hinzu, unrecht zu behalten.