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Krise der Akademie : Nobelpreis-Leak

  • -Aktualisiert am

Alleinstellungsmerkmal Literaturnobelpreis: die Schwedische Akademie feiert Kazuo Ishiguro Bild: dpa

Der Literaturnobelpreis steckt in einer Krise – die Empörung über die vorherrschenden Zustände innerhalb des Vergabegremiums wächst stetig. Wie soll es weitergehen mit Schwedens Akademie?

          Es stürmt um die altehrwürdige Schwedische Akademie, die im Ausland vor allem mit den seit 1901 von ihr vergebenen Literaturnobelpreisen verbunden wird, und dieser Sturm hält auch Tage nach dem denkwürdigen Geschehen vom Freitag an. Da hatten gleich drei der achtzehn Mitglieder der Akademie, die am Donnerstag tagte, aus Empörung über die vorherrschenden Zustände ihren Hut genommen: die Schriftsteller Klas Östergren und Kjell Espmark sowie der Historiker Peter Englund.

          Sie sind bestürzt darüber, wie die Akademie auf die unterschiedlichsten Enthüllungen um einen in Stockholm lebenden französischen Künstler und seine Frau reagierte: Der Mann, dem 18 Frauen im November über „Dagens Nyheter“ sexuelle Übergriffe vorwarfen und der in schwedischen Zeitungen oft nur „eine bekannte Kulturpersönlichkeit“ genannt wird, ist zwar selbst nicht Mitglied der Akademie. Doch wurde eine von ihm geführte Kultureinrichtung, in der nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll, bis November von der Akademie gefördert. Und er ist mit der Lyrikerin Katarina Frostenson verheiratet, die seit 1992 einen der (eigentlich unkündbaren) Stühle der Akademie innehat. Damit lagen, was das Verhältnis zwischen Akademie und Frostenson betrifft, heikle finanzielle Fragen auf dem Tisch, begleitet von Gerüchten, ihr Mann habe jungen Frauen die Namen einiger Nobelpreisträger bereits vor der offiziellen Bekanntgabe verraten.

          Kein Ehrgefühl mehr

          Die Beschuldigten tauchten ab. Die Akademie schaltete Juristen zur Untersuchung der Vorwürfe ein. Der Versuch, Frostenson per Abstimmung aus dem Kreis der Akademie-Mitglieder zu werfen, scheiterte an einer Mehrheit von Mitgliedern, die zu Frostenson hielt – der Tropfen, der das Fass aus Sicht von Östergren, Espmark und Englund zum Überlaufen gebracht hat. Seither folgt eine Schlagzeile der nächsten, wobei sich das Nachrichtenbild trotzdem nur Steinchen für Steinchen zusammensetzt. Gestern zum Beispiel meldete sich über „Expressen“ Horace Engdahl zu Wort, ständiger Sekretär von 1999 bis 2009 und Inhaber des Akademiestuhls Nummer 17. Er warf den drei Abtrünningen vor, „schlechte Verlierer“ der Abstimmung zu sein. Sie hätten die Verpflichtung zur Verschwiegenheit in noch größerem Maße gebrochen als Frostenson. Sara Danius, die aktuell ständiger Sekretär der Akademie ist und zu den Befürwortern eines Ausschlusses von Frostenson zählte, bezeichnete er als schlechtesten Sekretär seit 1786. Über ihre Zukunft im Amt soll offenbar am Mittwoch von den verbliebenen Mitgliedern diskutiert werden.

          Krimi-Autor Leif GW Persson wiederum, der kein Mitglied der Schwedischen Akademie ist, nahm Danius in Schutz. Er erinnerte Engdahl daran, dass Frostenson nicht zuletzt im Fokus der Kritik stehe, weil auch sie in den Betrieb des „Forums“ ihres Mannes involviert war. Und geleakte Preisträgernamen könnten auf dem Wettmarkt ja theoretisch durchaus eine Rolle spielen. Kjell Espmark warf Engdahl vor, kein Ehrgefühl mehr zu haben.

          Zwischendrin kommen neue Details zutage wie die Namen der Nobelpreisträger, die von „der bekannten Kulturpersönlichkeit“ weitergeflüstert worden sein sollen. „Dagens Nyheter“ sprach früher einmal von dreien. Nun ist in der Zeitung, die Teile des Anwaltsberichtes einsehen konnte, der bislang nicht veröffentlicht worden ist, von insgesamt sieben die Rede: Wislawa Szymborska, Elfriede Jelinek, Harold Pinter, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Patrick Modiano, Svetlana Alexijewitsch und Bob Dylan.

          Vom staatlichen Amt für Wirtschaftskriminalität ist am Nachmittag unterdessen zu lesen, eine Privatperson habe das „Forum“ angezeigt, für eine Voruntersuchung mangle es derzeit jedoch an Konkretem.

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