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Literaturkritik Das Lesen ist schön

03.04.2006 ·  Wie populär, wie leidenschaftlich, wie biographisch darf Literaturkritik heute sein? Ein Buch Volker Weidermanns hat eine Debatte ausgelöst. Der Autor über lebendiges Erzählen und langweilige Literaturgeschichten.

Von Volker Weidermann
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Natürlich tut es mir leid, daß Wolf Biermann wegen meines Buches den Verlag Kiepenheuer & Witsch verläßt. „Lichtjahre“, eine kurze Geschichte der deutschen Literatur, die gerade im selben Verlag erschienen ist, enthält am Ende des Eintrags über den Dichter und Sänger die Beobachtung, daß es in den letzten Jahren sehr still um ihn geworden sei. Biermann sagt nun, das stimme nicht, und er habe in den letzten Jahren jede Menge Bücher und Texte veröffentlicht. Von Stille könne keine Rede sein. Ich kann nur sagen: Ich habe ihn nicht gehört.

Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, weswegen sich die meisten Literaturgeschichten erst dann mit Schriftstellern beschäftigen, wenn sie schon tot sind. Dann kann man schön in Ruhe kanonisieren, weglassen, streichen, hervorheben - für die Ewigkeit. Und kein Dichter ist da, der widersprechen könnte. Höchstens eine Witwe. Aber der große Ärger bliebe einem wohl auch dann noch nicht erspart. Denn die Kritikerkollegen sind glücklicherweise immer da. Und jeder dieser Kollegen hat einen eigenen Kanon im Kopf beziehungsweise: Jeder hat den einen wahren Kanon im Kopf. Solange man den nicht aufschreibt, kommt man gut miteinander aus. Wenn man ihn aber aufschreibt, ist die Aufregung groß.

Eine solche Debatte versteht kein Mensch

Nun habe ich aber in „Lichtjahre“ keineswegs einen Kanon aufgestellt oder auch nur behauptet, den wahren Kanon zu kennen. Ich habe eine Geschichte der deutschsprachigen Literatur der letzten sechzig Jahre geschrieben, eine von unendlich vielen möglichen. Trotzdem saß ich schon am Tage des Erscheinens meines Buches auf einem Podium mit einigen arrivierten Herren des Betriebs, von denen jeder eine lange Liste vor sich ausgebreitet hatte mit all den Autoren, die in meinem Buch leider fehlen. Andere Kritiker zählen jetzt in ihren Rezensionen des Buches die Seiten nach, die ich einzelnen Schriftstellern einräume, vergleichen sie mit anderen und leiten daraus ihr Urteil ab.

Ein besonders abseitiger Teil der Debatte beschäftigt sich mit der Frage, wie leidenschaftlich Literaturkritik sein darf, wer unter den Kritikern eine „Scheinleidenschaft“ verkörpere und wer die wahre Leidenschaft. Nein, eine solche Debatte versteht kein Mensch außerhalb des Literaturbetriebs, und sie interessiert auch niemanden. Eine Literaturkritik, die eine solche Frage ernsthaft diskutiert, hat sich von den Lesern längst verabschiedet. Sie will keine Öffentlichkeit. Sie will unter sich bleiben. Das ist ihr gutes Recht.

Das ist doch das Ziel

Und es ist das Recht der anderen, an ebenjene Öffentlichkeit, an die Leser zu denken und nach Wegen zu suchen, wie man das oftmals trockene Geschäft der Literaturkritik populärer machen kann, wie man die eigene Begeisterung für die Literatur vermitteln kann, ohne immer nur unter sich zu bleiben. Das ist doch das Geheimnis! Das ist doch das Ziel! Denn erst die Leidenschaft macht den Literaturkritiker sehend. So bin ich in meinem Leben mehr durch die Leidenschaft eines Marcel Reich-Ranicki für die Welt der Literatur gewonnen worden als durch jedes germanistische Seminar und jede Literaturgeschichte.

Denn unter all den wenig gelesenen Büchern der Welt gehören „Literaturgeschichten“ wahrscheinlich zu den am allerwenigsten gelesenen. Weil sie meist unendlich langweilig sind, weil sie es allen recht machen wollen, weil sie von den Kanzeln einer angeblich ewig gültigen Urteilskraft herunterpredigen, weil sie den Weg zu den Büchern mit Fachbegriffen versperren, den sie doch angeblich freiräumen wollen.

Auf den Spuren Klabunds

In der Geschichte der deutschen Literatur gibt es einen, der es anders gemacht hat. Der Dichter, Übersetzer und Literaturvermittler Klabund hat in den zwanziger Jahren ein Buch geschrieben („Die deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“), in dem er auf weniger als hundert Seiten durch die Geschichte der deutschen Literatur pflügt, hier den Namen eines Schriftstellers kurz emporreißt, dessen Werk in zwei, drei Zeilen charakterisiert, zum nächsten weitereilt, bei einem plötzlich für ein paar Seiten verweilt, den Zeitgenossen Thomas Mann in drei Zeilen weglobt, ungerecht oft, manchmal böse, immer leidenschaftlich. Ein großartiges Buch. Das keinen Kanon ersetzt, kein Lexikon, kein Gesetz. Sondern ein Buch, das subjektiv einteilt, das aufregt, zum Widerspruch herausfordert und zum Lesen bewegt. Das hatte ich im Sinn, als ich mich an die Arbeit machte.

Beim Schreiben meiner kurzen Literaturgeschichte der letzten sechzig Jahre stand die Begeisterung am Anfang. Die Begeisterung für eine Geistesepoche, die so zahlreiche interessante, bedeutende und radikal unterschiedliche Werke von Autoren hervorgebracht hat wie wenige Epochen zuvor. Gleichzeitig wurde mir in Gesprächen mit Freunden, die dem Literaturbetrieb fernstehen, bewußt, daß das nicht jedem so geht, daß im Gegenteil viele nichtprofessionelle Leser den Eindruck haben, in der deutschsprachigen Literatur nach dem Krieg sei neben der „Gruppe 47“ und Thomas Bernhard nicht allzuviel passiert. Eine graue Zeit, in der es nicht viel zu entdecken gebe.

Blindheit gegenüber der Gegenwart

Und dann gibt es ja auch durchaus ernstzunehmende Literaturprofessoren, die behaupten, nach 1950 sei im deutschsprachigen Raum eigentlich gar nichts Bedeutendes mehr entstanden. Dieser Blindheit gegenüber der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit, gegenüber so großartigen Autoren wie W.G. Sebald, Gert Ledig, Hubert Fichte, Undine Gruenter und vielen, vielen anderen wollte ich begegnen, indem ich die Geschichte der deutschen Literatur als Lebensgeschichte ihrer Protagonisten, als Lebens- und Werkgeschichte der deutschsprachigen Schriftsteller geschrieben habe.

Denn das hat mich immer interessiert beim Lesen von Büchern: Was ist das für ein Mensch? Wer ist das, der da schreibt, was für eine Geschichte steckt dahinter? Und beinahe jede der mehr als hundertdreißig Lebensgeschichten, die ich für dieses Buch aufgeschrieben habe, ist eine tragische. Ist die Geschichte eines Mangels, einer Wut, einer Versehrtheit, einer existentiellen Not, die den Autor zum Schreiben trieb, und die den Hintergrund bilden für all die notwendigen, wahren, Leidenschaft vermittelnden, großen Bücher dieser Epoche.

Ein richtiger Publikumserfolg

Der Streit, der jetzt in Kreisen der Literaturkritik ernsthaft geführt wird, wieviel Leidenschaft erlaubt ist und wieviel Erkenntnis nötig, das ist ein Streit, der in der deutschen Literatur seit einigen Jahren aufs einfachste gelöst worden ist. Denn seit viele deutsche Autoren die Theorie des Erzählens nicht mehr als Selbstzweck und unter Ausschluß möglichst vieler Leser betreiben, sondern den theoretischen Hintergrund als selbstverständliche Basis ihrer neuen Erzählfreude betrachten, seitdem ist die deutsche Gegenwartsliteratur nicht mehr unverkäuflich, sondern ein richtiger Publikumserfolg.

Schriftsteller wie Daniel Kehlmann, Ingo Schulze und Feridun Zaimoglu sind ja genau deshalb so erfolgreich, weil sie dies in ihren Büchern aufs wunderbarste miteinander verbinden: Leben und Theorie, Herz und Kopf, Erkenntnis und Leidenschaft! Die Kritik glaubt immer noch, die Autoren müßten von ihr lernen. Ich glaube, es ist umgekehrt.

Quelle: F.A.Z., 03.04.2006, Nr. 79 / Seite 37
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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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