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Geschichte Litauens : Leiden macht uns nicht besser

Idyllisch und grün liegt Litauens Hauptstadt Vilnius da Bild: Handl/F1online

Im Zuge des Holocaust haben die Nazis auch in Litauen Unsagbares getan. Eine Geschichtsreise durch Litauen, wo die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts noch sehr präsent sind.

          Zwischen einem europäischen Land und dem anderen wechseln nicht nur Sprache und Landschaft, sondern auch Träume, Fixierungen und historische Stereotype. Jedes Land kennt ein „Wir“, das zur Sprache kommt, wenn vom Eigenen die Rede ist, statt des alles überwölbenden europäischen Dachs. Die litauische Identität zum Beispiel ist hart erkämpft – als Geschichte von Widerstand, Entkommen und Neuanfang. Die Unabhängigkeit vom sowjetischen Imperium vor gut fünfundzwanzig Jahren bedeutete für Litauen die Chance, das Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Bis heute gilt der „Baltische Weg“ – eine Demonstration der drei baltischen Staaten am 23. August 1989, dem fünfzigsten Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts – als längste Menschenkette der Geschichte. Zwei Millionen Personen auf rund sechshundert Kilometern zwischen Vilnius und Riga sagten, dass sie nicht mehr dominiert werden wollten.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wer auf dem Weg Litauens nach Europa die ganze Tiefe des Jahrhunderts spüren will, muss eine Zeugin wie Irena Veisaite besuchen. Ein graues Wohnhaus in einer ruhigen Straße von Vilnius. Kabel sind über dem Putz verlegt und verschwinden in der vielfach ausgebesserten Wand. Darüber sind zahlreiche Einschüsse zu sehen. Wer das war, kann man sich aussuchen: 1940 fiel die Rote Armee ein, 1941 kamen die Nationalsozialisten, 1944 wieder die Sowjets. Im oberen Teil des Hauses sind ein paar Fenster geöffnet, die Luft ist sommerlich. Fünf Stufen führen in den Hausflur, dann geht es hinauf zur berühmtesten Bürgerin von Vilnius.

          Irena Veisaite, 89 Jahre alt, ist eine Überlebende des Gettos von Kaunas. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und hat in Vilnius als Beauftragte der Soros-Stiftung gearbeitet, doch ihr Ehrentitel müsste Kulturvermittlerin und Versöhnerin lauten. Als solche – und als ehemalige Präsidentin des Thomas-Mann-Kulturzentrums in Nidden auf der Kurischen Nehrung – wurde sie 2012 mit der Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.

          Im Wohnzimmer sitzt eine Frau mit klarem Blick und fester Stimme, der man ihr Alter nicht anmerkt. Auf dem Tisch stehen Tee und Brote, Frau Veisaite scheint den kleinen Rummel zu genießen. Von den düsteren Wendungen der Geschichte erzählt sie mit einer gewissen Frechheit, zumindest für die Ohren eines Deutschen. „Stalin“, sagt sie unvermittelt, „war ein Tartuffe, er hat immer gelogen. Die Deportationen nach dem Zweiten Weltkrieg geschahen ja angeblich, um die Juden vor dem ‚Zorn des Volkes‘ zu bewahren.“ Frau Veisaite hält nicht inne, prüft auch nicht die Wirkung ihrer Worte. „Hitler war in dieser Beziehung immerhin aufrichtig. Er hat gesagt, was er dachte.“

          Vilnius als Zentrum jüdischen Lebens

          Litauer erzählen eben von zwei Formen des Bösen, nicht nur von einer, und litauische Juden erst recht. Das „Jerusalem des Nordens“, wie man die Hauptstadt Vilnius auch genannt hat, war ein Zentrum jüdischen Lebens in Osteuropa, seine Multikulturalität und Toleranz gab den Juden mehr Schutz vor Pogromen als jede andere Großstadt. Mit der Einverleibung Litauens ins sowjetische Großreich 1940 erfolgte der erste Schlag für das kleine baltische Land. Mit dem Einfall von Hitlers Wehrmacht 1941 der zweite. Irena Veisaite verlor durch den Holocaust ihre gesamte Familie. Sie zeigt uns ein paar Textseiten. Es ist eine Rede, die sie 2008 auf Einladung des Priesters in einer Kirche gehalten hat. Ob sie zu der Frage sprechen könne: „Was bedeutet für mich der Holocaust?“

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