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Empfehlung gegen Rechtspopulismus : Wir brauchen mehr Gefühl

Wie es geht: Vor einer Gerichtsverhandlung Ende Oktober zeigt Geert Wilders ein Bild der Fotografen, die ihn fotografiert haben. Bild: AP

Was hilft gegen die Methoden von Rechtspopulisten wie Geert Wilders? In Berlin lehrt der niederländische Kulturhistoriker Robin van den Akker seine Zuhörer das Gruseln.

          „Narrativ“ hieß früher einmal „Lesart“, noch früher „Deutung“. Das war zu Zeiten, als es noch genügte, eine Sache zu verstehen (den Beruf, das Leben, den eigenen Platz im Weltgeschehen), aber niemand befürchten musste, für irgendetwas ein „Narrativ“ zu brauchen. Die Bauern in der Eifel zum Beispiel kommen bis heute ohne Narrativ aus. Talkshows dagegen nicht. Hinter dem modischen Anglo-Blödsinn steckt das „grand récit“ der französischen Theorie, die „große Erzählung“, unter der man im Ernstfall nicht nur Erklärungs-, sondern auch Rechtfertigungsgeschichten versteht.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Auch von den Podien der allgemeinen Debattenkultur schallt es neuerdings herunter, die Demokraten hätten offenbar kein „Narrativ“ mehr, das sich den schlicht gestrickten Parolen des neuen Rechtsnationalismus entgegensetzen ließe; man brauche deswegen dringend ein neues. Eine der wichtigsten Selbstverständlichkeiten, die wir haben, ist fast schon das Gegenteil jedes Narrativs. Sie heißt „Komplexität“: die Zumutung etwa, ständig neue Zusammenhänge verstehen zu müssen; die Komplexität Europas als vielfältigen Sprach- und Kulturraum; das Anstrengende, manchmal Heroische, oft auch Komische, das in dem Versuch liegt, 28 ziemlich unterschiedliche Länder davon zu überzeugen, dass Kompromiss und Einigung auf lange Sicht besser sind als 28 (demnächst 27) Solonummern.

          Sogar seine Verurteilung nutzte Wilders

          Die demokratischen Gesellschaften brauchten nicht nur ein neues Narrativ, sondern auch neue Methoden, um die Populisten mit den eigenen Waffen zu schlagen: Das forderte jetzt der niederländische Kulturhistoriker Robin van den Akker auf der Tagung „Turning the Tide“ der Universität der Künste in Berlin, auf der Künstler und Intellektuelle aus einem halben Dutzend Ländern über Gefahren für die Demokratie diskutierten. Van den Akker lehrte seine Zuhörer das Gruseln: Ausgerechnet die Niederlande, das sprichwörtliche Vorbild für Toleranz und Bürgerkultur, habe in den vergangenen Jahren eine unfassbare Vergröberung der Sitten erlebt. Der Populist Geert Wilders habe die traditionelle Politik nicht nur mit seinen schlichten Thesen, sondern auch mit einer neuen digitalen Verlautbarungskultur in die Ecke gedrängt; er überspringe klassische Medien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio und teile sich durch Twitter und Facebook direkt der Fanbasis mit. Diese reagiere mit ähnlich reger Tätigkeit im Netz.

          Tatsächlich hat allein das Thema Ukraine-Referendum in den Niederlanden drei neue Protestparteien hervorgebracht. Aus einem populären Blog wie „Geenstijl“ in der Zeitung „De Telegraaf“ ist die Splitterpartei GeenPeil hervorgegangen, die sich für mehr direkte Demokratie einsetzt und auch bei den Parlamentswahlen am 17. März antreten will. Während sich bei den Kleinen eine große Zersplitterung abzeichnet, die eher Premierminister Mark Rutte in die Hände spielen dürfte, nützen Wilders und seiner islamfeindlichen Partei für die Freiheit (PVV) auch schlechte Nachrichten wie die Verurteilung des Parteichefs im Hassreden-Prozess vor acht Tagen. Wilders blieb dem Gerichtsverfahren demonstrativ fern und kommentierte den gegen ihn geführten „politischen Prozess“ nur über die sozialen Medien, was ihm in Umfragen abermals gesteigerte Popularität einbrachte.

          Kein Wort von der politischen Mitte

          Van den Akker stellte dem Berliner Tagungspublikum auch Wilders’ Parteiprogramm vor: Es besteht aus einer einzigen Seite. Für die PVV völlig ausreichend. Mit planhafter Komplexitätsreduktion und der „Gruppenpolarisierung“ seiner Anhänger im Netz übt Wilders auf die Politik so hohen Druck aus, dass gewöhnliche parlamentarische Verfahren als langweilig und ineffizient empfunden werden. Als Lösung schlug van den Akker einen Populismus von links vor, der sich ähnlich grober Methoden bedienen solle. „We need emotion!“, sagte der Kulturwissenschaftler, man lebe in Zeiten von „post-truth politics“ (hierzulande „postfaktische“ Verhältnisse genannt). Auch von „Nation“ und „Führer“, so van den Akker, müsse wieder die Rede sein dürfen.

          Nur von der politischen Mitte sprach in Berlin niemand. Dabei lehrt die Geschichte der Weimarer Republik, aber auch die Radikalisierung Spaniens vor dem Bürgerkrieg, dass die gewaltsame Entladung politischer Konflikte wahrscheinlicher wird, wenn das Zentrum sich ausdünnt und moderate Positionen keine parlamentarische Vertretung mehr finden. Klingt nicht besonders sexy, wäre aber Stoff für eine weitere Tagung.

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