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Lehren aus Kopenhagen Erspart uns doch endlich den Kitsch!

20.12.2009 ·  Nicht die Welt ist in Gefahr - es sind die Menschen. Und wer den Klimawandel bekämpfen will, hat in Kopenhagen nur eines gelernt: Vergesst die Politik! Man kann nicht gleichzeitig großmütig klingen wollen und für das Klima streiten. Die Menschen müssen selber etwas tun.

Von Nils Minkmar
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Nach zehn Tagen Kopenhagen kann man die Welt nicht mehr ertragen. Nicht als Ballon, nicht als dreidimensionale Projektionsfläche für Klimasimulationen und schon gar nicht mehr auf einem Poster. Es mag nur die Werbung für ein harmloses Reisebüro gewesen sein, dieses Plakat mit der schönen Erdkugel, das da am Bahnsteig leuchtete, aber ich hätte es am liebsten eingetreten: Blaue Heuchelei.

Es war aber auch schon spät, und ich hatte das dumme Gefühl, auf diesem Klimagipfel einer großen Täuschung beigewohnt zu haben. Denn die Welt ist kein bisschen in Gefahr. Dieser Felsen dreht sich noch ewig weiter. Es sind die Menschen und ihre Lebensumstände, für die es eng wird; für einige sehr eng, für andere nicht. Doch weil sich darüber so schwer streiten lässt, wenn man großmütig klingen möchte statt wie schlimme Bälger im Sandkasten – was aber der Wahrheit näher käme und uns den ganzen Kitsch ersparte –, redet man von der Welt.

Den ganzen Freitag trat ein Staatschef nach dem anderen ans Podium und beschwor seine Liebe zur Welt und zu den Kindern und den Bäumen und den Tieren. Es sprachen einhundertundsechzig Staats- und Regierungschefs, die größte Ansammlung von Mächtigen seit Menschheitsgedenken, fast nur Männer, und alle wollten das Blaue vom Himmel. Nicht wenige von ihnen hätte man gleich an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag überweisen müssen. Vor dem Konferenzzentrum froren sympathische äthiopische Regimekritiker und erinnerten an die Verbrechen ihrer Regierung. Der sudanesische Staatschef wird wegen des Bürgerkrieges in Darfur beobachtet. Und doch sind beide Länder in Kopenhagen ganz vorne dabei, die ganze Welt zu retten, was ja den Fokus auf die eigenen Dissidenten und Minderheiten angenehm unscharf werden lässt. Und je mehr also die Welt beschworen und liebkost wurde, desto mehr kam einem die Szene aus „Asterix bei den Schweizern“ in den Sinn, wo der korrupte Präfekt den Quästor aus Rom dadurch erledigen will, dass er ihm möglichst viele Ärzte ans Bett ruft, von denen jeder eine andere Kur vorschlägt, die jede für sich schon tödlich wäre; zusammen aber garantieren sie den Exitus.

Plötzlich kam Bewegung in die Szene

Die viel gescholtene Rede von Barack Obama hatte genau das zum Gegenstand: Vierzehn Tage dauere diese Konferenz, zwanzig Jahre dauern schon die Klimaverhandlungen, und man habe doch wenig vorzuweisen außer einer drastischen Beschleunigung der Klimawandeleffekte.

Es war ein Eimer kaltes Wasser in das weite Auditorium. Kopenhagen war wirklich ein Weltfamilientreffen. Und wenn die ganze Welt eingeladen ist, dann sind das nicht nur viele Leute, dann potenziert sich auch die Psychodynamik, und das Ganze ähnelt bald dem schönen dänischen Familienfilm „Das Fest“, in dem einer der Gäste beim Bankett an den fortgesetzten Missbrauch durch den Jubilar erinnert. Alle Psychos waren da, und so kam es, dass Irans Präsident es am Freitagnachmittag auch noch schaffte, vor der Bedrohung der Menschheit durch den Zionismus zu warnen.

In Kopenhagen haben die Tagungsräume Vor- und Nachnamen. Für künftige Veranstaltungen dieser Art wäre es angemessen, einen Saal nach Lars von Trier, dem Regisseur der „Idioten“, zu benennen, am besten jenen, vor dem sich am Freitag verzweifelt Reporter und Kameraleute drängelten, um irgendwas zu hören über die Rettung der Welt durch die glorreichen Zwanzig. Ein marokkanischer Kameramann stand mit beiden Händen an seinem schweren Gerät ohne Sicherung auf einem schmalen Geländer, hinter ihm ging’s abwärts. „Was soll’s“, rief er, „ich habe keine andere Chance“ – so äußerten sich viele Vertreter der Entwicklungsländer in anderem Zusammenhang. Plötzlich kam Bewegung in die Szene, ein Japaner legte sich über mehrere Schultern, um sein Aufnahmegerät ins Epizentrum der Verkündigung zu halten. Es war aber zum Glück nicht Barack Obama, der heraustrat: Der dann losbrechende Andrang hätte den Marokkaner das Leben gekostet; es war Sarkozy, der originellerweise auf die Chinesen schimpfte.

Der dickste Umschlag ersetzt keine Herzenswärme

Das ist die eine welthistorische Lektion, die Kopenhagen bereithielt: Es war erschütternd, wie wenig Europa, Russland und die Vereinigten Staaten auf China vorbereitet waren. China hat über Jahre eine Allianz mit afrikanischen Staaten geschmiedet, was umso besser funktionieren dürfte, als man sich gegenseitig die nervigen Menschenrechtsthemen erspart. Und China hat vor, echte Anstrengungen zu unternehmen: Der kommende Fünfjahresplan sieht eine grüne Revolution vor. Dennoch ist die Forderung der Chinesen, den Luftverpestungsanteil pro Kopf anzurechnen, nicht illegitim. Weshalb sollte es einem Bewohner der reichen Länder weiterhin gestattet sein, mit dem Geländewagen den Hund auszuführen, Leine aus dem Fenster, innen behaglich geheizt und laute Musik, wenn der Rest der Welt Energie verbraucht, um zu heizen und zu kochen?

Und erst am vergangenen Donnerstag gab es überhaupt eine Antwort auf die Beobachtung der Chinesen, dass der Westen immer langfristige Reduktionsziele bis ins Jahr 2050 verlangt, selbst aber nur Geld für die nächsten drei Jahre bereitstellt, um den Wandel dort auch zu finanzieren. Diese Antwort überbrachte eine aufgeräumte Hillary Clinton. Sie war offenbar in der Laune, aus einer Torte herauszuspringen. Sie versprach sehr viel Geld, die berühmten 100 Milliarden Dollar pro Jahr, die es ab 2050 geben solle, falls in Kopenhagen was zustande käme. Auch wenn sie nicht sagen wollte, wer das zahlen werde und wie viel davon wirklich die Vereinigten Staaten zu tragen bereit wären, es bleibt, wie sie selber stolz fand: „eine Menge Geld“.

Dieses Geld und das Geld der Europäischen Union werden vor allem für Anpassungsmaßnahmen bereitgestellt – eine erweiterte Katastrophenhilfe, was immerhin ein leises Eingeständnis dessen ist, dass es für viele Gegenden zu spät ist und der Klimawandel unbeeindruckt und schneller als gedacht voranschreitet. So löblich all diese Geldgeschenke sind – auch hier ist es wie an Weihnachten: Noch der dickste Umschlag ersetzt keine Herzenswärme. Etwas prosaischer kommentierte es der „Guardian“: „Es ist wie wenn einer lieber auf eine Lebertransplantation spart, als mit dem Trinken aufzuhören.“

Die frohe Botschaft von Kopenhagen

Auch was die symbolische Dimension politischen Handelns betrifft, gaben die Chinesen den Ton an. Obama musste ins Hotel der chinesischen Delegation reisen, um mit Ministerpräsident Wen sprechen zu können. Später blieb Wen gleich zwei von Obama anberaumten Treffen fern. Es war schließlich so, dass Obama zu einer Runde der Chefs von China, Südafrika, Brasilien und Indien dazustieß – einige sagen, er sei geladen gewesen, andere schreiben, er habe sich selbst Zutritt verschafft. Dort wurde dann das finale Papier aufgesetzt. Dem interessierten Beobachter mag auffallen, dass die Europäische Union – von dem ein oder anderen uns bekannten Nationalstaat gar nicht zu reden – in dieser Runde der Mächtigen gar nicht mehr vorkam. Auch das werden die Historiker einmal zur Kopenhagener Klimakonferenz notieren. Zwischendrin sah es so aus, als werde die Konferenz nie enden und wie der ewige Reichstag immer weiter tagen. Doch das Ende, so peinlich und quälend es auch kam, war ein Segen. Der komplizierte UN-Prozess passt nicht zur Dringlichkeit des Themas, es gehört dorthin, wo es auch landete: in einen erweiterten G-20-Kreis.

Das Scheitern war, wie das englische Sprichwort lautet, ein verkleideter Segen. Eine Rettung des Gipfels durch den ein oder anderen Superhelden der Politik, diese intendierte Weihnachtsbotschaft hätte einen narkotisierenden Effekt gehabt. Denn Klimawandel geht nicht allein die Politik etwas an, es geht da um Geld, Technologie, Zivilcourage und Engagement. Kohlendioxid, farb- und geruchlos wie es ist, dringt überallhin, berührt jede Dimension der menschlichen Existenz. Noch in der letzten Sekunde des letzten Stündleins sind wir vielleicht nicht mehr viel, aber immer noch Kohlendioxid-Emittenten. Darum verlangt die Übersättigung der Atmosphäre eine fundamentale, anthropologische Herangehensweise. Die frohe Botschaft von Kopenhagen ist: So ein Prozess ist längst im Gang. In Dänemark hat jedes Taxi und jedes Hotel Tabellen und Hinweisschilder über die jeweilige Kohlendioxid-Bilanz. Der amerikanische Abgeordnete Ed Markey bemerkte, Wirtschaft und Technologie stünden bereit, die „größte ökologische Revolution der Geschichte“ einzuleiten. So wie sich in den vergangenen zehn Jahren unser Kommunikationsverhalten verändert habe, so werde sich auch unsere Art des Umgangs mit natürlichen Ressourcen wandeln. Schon bald müssten Kinder im Geschichtsbuch nachlesen, was das denn einmal gewesen sei, die Klimakatastrophe.

Erwachsene bei der Arbeit

Rettung, insofern mochte man ihm zustimmen, kommt, wenn überhaupt, dann sicher nicht von der Politik allein. Das Spektakel von Kopenhagen, in dem Repräsentanten aus aller Welt zwölf Tage dramaorientiert herumsaßen, bevor die Regierungschefs einflogen und sich panisch daranmachten, in diesem Psychodrom noch irgendein Stück Papier zustande zu kriegen, das konnte selbst Freunde der Realpolitik und des diplomatischen Pragmatismus nur anwidern. Das UN-Verfahren ist derart überflüssig, dass deren Delegierte in der Nacht zum Samstag einfach wieder zu tagen begonnen haben. Sie wählten Ausschüsse und Untervorsitzende, einfach, um sich zu beschäftigen. Währenddessen wurde über ihnen, im Tagungsraum „Søren Kierkegaard“, ihre düstere Zukunft ausverhandelt. Wie mag dieses ganze Theater des Schreckens auf die Tausende von Engagierten gewirkt haben, denen die Bekämpfung des Klimawandels eine Herzenssache ist, ihr Einstiegsthema ins politische Leben? So gesehen war es vielleicht ganz vernünftig, dass die Dänen die Nichtregierungsorganisationen nicht mehr hereingelassen haben, als die Regierungschefs kamen. Das wäre nicht gutgegangen.

Am letzten Tag hatten sie einen riesigen weißen Vorhang zwischen den Politikern und den Medien aufgezogen, einen, wie er im Krankenhaus die Betten der Patienten voneinander trennt, nur halt größer. Denn nicht nur die Chefs, auch die Journalisten waren am Durchdrehen. Plötzlich rannte einer zum Raum der Pressekonferenzen, und weil es ein Amerikaner war, rannten alle hinterher. So saßen Hunderte auf Bänken und Stufen, alle digitalen Instrumente blinkten ihre Bereitschaft. Wie wurde er da herbeigesehnt, der die Welt rettende Obama, es war wie in früheren Zeiten, als Bauern überall Kaiser Barbarossa erblickten. Er gab aber gar keine Pressekonferenz, es war bloß ein Gerücht gewesen.

In den Fluren und Sälen des Kopenhagener Bella Centers wurde Barack Obama allein am Freitag öfter gesehen als Elvis in einem Jahr.

Wenn er dann mal kam, war es ganz anders als im Märchen. Ich hatte mich in den hörsaalartigen Pressesaal zum Schreiben zurückgezogen. Da spazierte er hinter mir, eine bis dahin abgeschlossene Tür nutzend, einmal quer durch den Saal. Ich sah, weil ich wie ein Autist auf meinen Bildschirm starrte, nur noch die Spitzen seines Sakkos, dann Hillary Clinton und jemanden, der vielleicht Premier Wen war. Einfach Erwachsene bei der Arbeit.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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