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Lehren aus dem Wahlkampf 1972 : Eine bessere Welt ist immer noch möglich

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Vor dem gescheiterten Misstrauensantrag gegen die Regierung Brandt-Scheel im April 1972: Solidaritätskundgebung auf der Hamburger Moorweide Bild: picture-alliance / dpa

Politik der Empathie: Was die Opposition heute vom Wahlkampf „Willy wählen“ aus dem Jahr 1972 lernen kann.

          Vor der Bundestagswahl am 19. November 1972 trafen sich die damaligen Parteivorsitzenden Brandt, Barzel, Strauß und Scheel zur sogenannten Elefantenrunde bei ARD und ZDF. Diese über zweistündige Diskussion wurde von fast sechzig Prozent der deutschen Wahlberechtigten verfolgt. Das politische Interesse war groß. Hunderttausende von Deutschen engagierten sich in diesem Wahlkampf. Sie trugen Buttons, hatten Aufkleber auf ihren Autos und Plakate in ihren Fenstern. Sie verteilten Flugblätter und Broschüren und diskutierten selbst mit ihnen fremden Personen.

          Die Wahlbeteiligung lag am 19. November 1972 mit 91,1 Prozent so hoch wie nie zuvor und nie danach. Die SPD lag vor der Union und erzielte mit 45,8 Prozent der Zweitstimmen ihr bisher bestes Ergebnis. Auch Wahlforscher, die der SPD nicht nahestehen, wie Elisabeth Noelle-Neumann vom Institut Allensbach, führten den Erfolg vor allem auf die hohe Mobilisierung und den Willen und die Fähigkeit vieler Menschen zum politischen Gespräch zurück. Das taten sie nicht für ein paar Kröten mehr in der Tasche. Sie verbanden mit Willy Brandt die Hoffnung auf eine bessere Welt.

          Aufbau einer Gegenöffentlichkeit

          War das große politische Engagement ein einmaliger Vorgang und nicht wiederholbar? Sozusagen ein historischer Ausreißer? Geht es heute nicht mehr um Weichenstellungen von grundsätzlicher Bedeutung und um brisante Themen wie damals mit der Ostpolitik Brandts? Bevor ich die Dankesrede Barack Obamas in Chicago hörte, war ich geneigt anzunehmen, die Politisierung von 1972 und das Engagement unzähliger Menschen für nicht wiederholbar zu halten. Zu vieles ist anders als vor vierzig Jahren. Aber Obama und seine Leute haben wenigstens im Ansatz Ähnliches vollbracht wie Willy Brandt und die SPD. Mit „Schuh- und Mundwerk“ beschreibt Matthias Rüb das Erfolgsrezept des Obama-Teams in der F.A.Z.. Obama hat in seiner Dankesrede vor seinen Anhängern in Chicago diesen Eindruck unterstrichen. Auffallend lange und mit Tränen in den Augen preist er das Engagement seiner Sympathisanten und Wahlhelfer.

          Die Bereitschaft vieler Menschen, „das Maul aufzumachen“ und für den Wahlsieg viele Schritte zu gehen, war auch die Basis des SPD-Erfolgs von 1972. Wir nannten das damals bei unserer Wahlkampfplanung den „Aufbau einer Gegenöffentlichkeit“. Diese zu schaffen war die einzige Möglichkeit, um gegen eine mächtige Bastion von Medien mit Springers „Bild“ an der Spitze und gegen die teuer bezahlte Propaganda wirtschaftlicher Interessen und anonymer Gruppen zu bestehen.

          Warum nicht auch hierzulande?

          Barack Obamas Dankesrede erinnert in einigen Elementen direkt an den deutschen Wahlkampf von 1972. Zur Beschreibung dessen, was im Umgang der Menschen untereinander und der Politik mit ihnen nötig ist, verwendet er am 7. November 2012 in Chicago den gleichen Begriff wie Willy Brandt bei der Wahlkampferöffnung in Dortmund am 12. Oktober 1972: „Compassion“ - mitfühlen, mitleiden, für andere Menschen mitdenken und einstehen. Solidarität.

          Wenn diese Werteorientierung heute in Amerika erfolgreich ist, warum sollte es dann als Gegenposition zu dem allgegenwärtigen Egoismus und der Glaubenslehre der neoliberalen Bewegung nicht erfolgreich sein können? Der nächste Bundestagswahlkampf in Deutschland könnte (!) zu einer großen Auseinandersetzung um den Geist und die Werte, die unser Zusammenleben prägen sollen, und damit zugleich eine Generalabrechnung mit der neoliberalen Ideologie werden.

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