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Lebensplanung : Ich kann doch nichts dafür!

„Beruf und Familie“, sagte jüngst Ministerin Schwesig und fuhr fort: „Mit einem guten Kita-Platz, einer Ganztagsschule und einem Arbeitergeber, die Mütter nicht aufs Abstellgleis schiebt, gelingt die Vereinbarkeit“. Ist es so? Bild: dpa

Wir wollen immer mehr, nur nicht mehr Verantwortung. Die Ansprüche steigen, die Ausreden nehmen zu. Verlieren wir auf der Suche nach dem perfekten Leben das Gespür für unsere Grenzen?

          All jenen, die sich fragen, weshalb ihre Karriere nicht so phänomenal wie erwartet verlaufen ist, und den Schuldigen bislang nicht identifiziert haben, sei ein Artikel des Online-Magazins „Slate“ ans Herz gelegt. Die Überschrift lautet: „Es sind nicht Ihre Kinder, die Ihre Karriere gebremst haben, es ist Ihr Ehemann“. Diese Erkenntnis stammt aus der Lektüre einer aktuellen Studie der Harvard Business School, die zeigt, dass viele leistungsstarke Absolventinnen ebendieser Schule ihre mit Mitte zwanzig gesetzten Karriereziele nicht erreicht haben - und zwar nicht, weil sie Mutter geworden sind, sondern weil ihr Partner seiner Karriere stets Vorrang einräumte, anstatt seine Partnerin zu unterstützen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Praktische an Studien ist ja, dass man nur lange genug suchen muss, um eine zu finden, die das eigene Argumentationsgerüst stützt und dem durch eine Niederlage verwundeten Ego Erleichterung verschafft. Demnach wäre genauso gut eine Studie vorstellbar, die den mittelmäßigen Erfolg verheirateter Männer mit dem fehlenden Verzichtswillen der Partnerin erklärt. So oder so gilt: Für das eigene Scheitern sind immer die anderen verantwortlich. Odo Marquard spricht von der „Kunst, es nicht gewesen zu sein“.

          Auch die Kindheitskarte wird gerne gezogen

          Ich habe zu wenig Zeit für mein Kind, und meine Work-Life-Balance kippt ins Ungleichgewicht? Mein Arbeitgeber muss mir Home-Office-Tage bewilligen! Der Wert meines hochriskanten Aktienpakets stürzt ab? Der Banker hat mich falsch beraten! Die Finanzkrise? Ein anonymer Systemfehler! Ich bin nicht glücklich? Mein Partner ist schuld!

          Auch die Kindheitskarte wird gerne gezogen, wenn es darum geht, die Komplexität der eigenen Persönlichkeit zu untermauern und sich gleichzeitig aus der Verantwortung für sein Handeln zu stehlen: Ich bin ein Scheidungskind! Ich bin ein Sandwichkind! Meine Eltern haben mir zu wenig Liebe gegeben, deshalb bin ich beziehungsunfähig! Ich leide unter der Berühmtheit meines Vaters! Das Lebenshilfe- und Ratgebergeschäft, das für jedes Problem ein Erklärungsmodell parat hält, läuft nicht zufällig hervorragend.

          Man könnte diese „Schuldverschiebungsstrategie“, wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann es nennt, als nachvollziehbaren Eigenschutz abtun, als natürlichen Abwehrmechanismus, wäre sie nicht ein Symptom unserer Gesellschaft. Die Komplexitätsreduktion ist zu einer Art Routine geworden, sei es in der Politik, der Wirtschaft oder im Privaten. Anders formuliert: Dass der freie Mensch für sein Handeln sowie für die sich daraus ergebenden Konsequenzen auch selbst verantwortlich ist, leuchtet offenbar nicht mehr jedem ohne weiteres ein.

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