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Russische Importverbote : Patrioten essen keinen Parmesan

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In der Nähe der russischen Stadt Belgorod werden illegal importierte Lebensmittel vernichtet. Bild: Reuters

Erst Knappheit, dann Völlerei und jetzt Lebensmittelvernichtung: In Russland war Nahrung schon immer ein Herrschaftsinstrument. Und Kiewer Kotelett nennt sich nun paniertes Hühnerbein.

          Ein liberaler russischer Politikwissenschaftler aß in einem deutschen Restaurant holländischen Hering. Dieser schmeckte ihm so gut, dass er auf Facebook schrieb, der russische Hering sei eine schwache Kopie des holländischen Originals, des platonischen Hering-Eidos, so wie viele andere russische Delikatessen übrigens auch. Und dann blieb ihm dieser Hering im Hals stecken. Die patriotische Facebook-Öffentlichkeit tobte wie die Nordsee im Winter. Den Eidos-Vergleich fand sie nicht sonderlich witzig, dafür hochgradig verräterisch und geradezu debil: so seien sie eben, die Liberalen, sie hassen und verleumden alles Russische, sei es auch nur der Hering. Offenbar traf der Autor einen wichtigen russischen Magendarmnerv.

          In Russland isst man eigentlich nie einfach so, sondern meistens irgendwie politisch. Immer wieder fällt irgendeinem Lebensmittel eine besondere symbolische Bedeutung zu. Heute ist es zum Beispiel der verbotene Parmesankäse. Und in der halbhungrigen Zeit Ende der achtziger Jahre war es die Wurst. Die Wurstzüge und Wurstbusse brachten nach Moskau oder Leningrad Wursttouristen aus der Provinz, die die sprichwörtliche Wurst und andere ganz normale Lebensmittel aufkauften, so dass die Sowjetregierung zum Schluss überall Einkaufsausweise für Einwohner einführte.

          „Drei Ähren“ lautete das Todesurteil

          Wer nicht in einer halbwegs gut versorgten Metropole wohnte, musste sich mit fauligen Kartoffeln, Birkensaft und zu Matsch zerkochenden „Makkaroni-Erzeugnissen“ begnügen. Auf diese Erzeugnisse, diese Verhöhnung des italienischen Maccheroni-Eidos, komme ich noch zu sprechen. Die damalige Massenauswanderung nach Israel und in den Westen nennt man heute noch verächtlich „die Wurstemigration“. Der Wunsch, gut zu essen, hat in Russland keinen guten Ruf. Als die Lage zu schlimm wurde, kam der Westen zu Hilfe mit tiefgefrorenen „Bush-Schenkeln“ aus Amerika und der „Humanitarka“ aus der Bundesrepublik. Zu aller Erniedrigung weckten die grauen Laster der Bundeswehr, die die humanitäre Hilfe transportierten, ungute Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

          Die Lebensmittelknappheit der späten Sowjetzeit war keineswegs ein tragischer Zufall, sondern vielmehr die logische Folge der sowjetischen Praxis, Nahrung als Herrschaftsinstrument einzusetzen. In nur wenigen Jahren nach dem Oktoberputsch im agrarischen Russischen Reich zerstörten die Bolschewiken mit ihren Enteignungen, dem Kriegskommunismus und der Kollektivisierung die Landwirtschaft, um aus reaktionären Bauern fortschrittliche Industriearbeiter zu machen. Da es trotzdem nicht ganz klappte, orchestrierte Stalin 1932-33 eine Hungersnot, die bis zu acht Millionen Menschen, vor allem auf dem Land, das Leben kostete. Die NKWD-Einheiten nahmen den Hungernden, die ihre Wohngebiete nicht verlassen durften, alle Vorräte und das Saatgut weg; wer buchstäblich „drei Ähren“ vom Kolchosfeld mitnahm, wurde erschossen.

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