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Lebensmittelskandal Man hat uns Tier ins Fleisch gemischt!

Die carnivorische Verblendung: Wäre Huhn statt Pferd in der Lasagne gewesen, hätte es keine Debatte gegeben. Sie zeigt einmal mehr, dass man Tier- und Verbraucherschutz auseinanderhalten muss.

© dpa Vergrößern Das Pferd kennt man als Freund und Sportgerät, das Rind eher vom Teller.

Mir und vielen anderen Inhabern eines halbwegs gesunden Menschenverstandes drängt sich angesichts des aktuellen Pferdefleischskandals folgende Frage auf: „Na und?“ Es geht um Etikettenschwindel? Ach, kommt, Leute! Wäre Huhn statt Pferd ins Rind geschmuggelt worden, hätte das ja wohl kaum jemanden interessiert. Aber Pferd zu essen scheint etwas ungleich Schrecklicheres zu sein, als Rind zu essen. Warum, wird nirgends erklärt. Sehen wir uns die beiden, Rind und Pferd, doch einmal auf der Weide an, so wie sie uns beim Spaziergang begegnen: beide gleich groß, beide in etwa gleich schlau (oder blöd), beide in etwa gleich niedlich, vielleicht sogar mit leichten Vorteilen bei der Kuh. Wir kommen so also nicht weiter.

Es muss etwas anderes sein. Dieses andere ist gleichzeitig so banal und so tief, dass es von der Berichterstattung nicht erfasst werden kann. Das Skandalöse am Verzehr von Pferdefleisch ist: Man kennt das Pferd nicht als Fleisch, sondern nur als Pferd. Das Rind kennt man als Rind und als Fleisch. Das Rind als Rind und das Rind als Fleisch sind zwei vollkommen verschiedene Wesen. So wie jedes Wort, etwa „Schlupfloch“, oft genug wiederholt, seine Realität verliert, ist der Komponente „Rind“ in „Rindfleisch“ in einem langwierigen Entfremdungs- und Abstumpfungsprozess ihr Bezug zum realen Tier abhandengekommen; sie bezeichnet jetzt nur mehr eine Geschmacksrichtung.

Ein Scherz aus Feigheit

Der Sportreporter Werner Hansch sagte einmal: „Ich weiß, dass ich sterbe, aber ich glaube nicht daran.“ Der moderne Fleischkonsument befindet sich in einer ganz ähnlichen Paradoxie: Er weiß von der seinen Konsum ermöglichenden Grausamkeit, aber er glaubt nicht an sie. Besuchen wir noch einmal die Kuh. Diesmal sind wir nicht allein, ein Mann steht am Elektrozaun. Die Kuh schnüffelt ihm entgegen, er streichelt im Gegenzug die Kuh. Er sagt: „Ja, eine ganz Liebe bist du, eine ganz, ganz Liebe.“ Aber dann sagt er plötzlich, ohne den Tonfall zu ändern: „Und ein ganz tolles Steak könnte man aus dir machen.“ Dann grinst er und sieht sich beifallheischend nach uns um.

Was ist hier passiert? Der Mann dachte, er habe, männlicher Mann, der er sei, eine harte Wahrheit unerschrocken mit einem Scherz ans Licht gebracht. In Wirklichkeit war es aber genau andersrum. Er hat mit dem Verstand die Identität zwischen dem Rind als Rind und dem Rind als Fleisch festgestellt. In einer tieferen Schicht seines Bewusstseins blieben beide aber getrennt, und um den Ernst der sie trennenden Schlucht zu überspringen - aus Feigheit also, nicht aus Mut -, machte der Mann den Scherz.

Der Fall Pferdefleisch ist der Fall in die Schlucht. Dem Pferd hat der carnivorische Verblendungszusammenhang kein essbares Schattengeschwister erschaffen. Es ist kein Teekesselchen. Ein Stück Pferdefleisch ist ganz unmissverständlich nichts anderes als ein Stück ermordeter Körper. Das ist der Skandal: Man hat uns Tier ins Fleisch gemischt.

Einmütig für die Steigerung der Fleischproduktion

Vor zwei Jahren plädierte ich in entfernt verwandtem Zusammenhang dafür, die Instrumente sauber zu halten. Ich wehrte mich gegen die Vermischung und Verwechslung von Tier- und Verbraucherschutz. Wir sehen nun, dass beide Positionen fallweise sogar in direkte Gegnerschaft geraten können. Der Schutz des Verbrauchers vor der Zumutung, geschmacklich und gesundheitlich unbedenkliches, aber von der Idee her halt irgendwie falsches Fleisch zu essen, kostet ebenso viele Tiere das Leben, wie zur Produktion der zurückgerufenen Menge erforderlich sind. Wer die abertausend Tonnen auch nur grob zurück in Pferde und Rinder überschlägt, muss doch einfach in Ekel geraten vor der blöden kapriziösen Kuh von Verbraucher, in deren Namen ein derartiges Massaker veranstaltet wird.

Medien und Politik diskutieren nur, wer schuld am angeblichen Unglück ist und wie man es um Himmels willen in Zukunft vermeiden soll. Das skandalisierte Produkt selbst ist von einem derart mächtigen Gegenzauber umgeben, dass niemals ein Verantwortlicher auch nur im Traum darauf käme, einmal zu fragen, ob nicht irgendjemand die Lasagne, Pferd hin, Pferd her, doch vielleicht noch haben will (umetikettieren, Freundschaftspreis, fertig). Nein, darüber, dass das Zeug natürlich schnellstmöglich „raus aus den Regalen muss“, herrscht gruselige, posthypnotisch anmutende Einigkeit.

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Nicht einmal den Menschen im Trikont, die doch beim Skandal ums Gammelfleisch noch offiziell als dessen standesgemäße Abnehmer galten, will man die heiße Pferdeware antun. Lieber steigert man die Fleischproduktion und vermehrt, da kein Tier so viele Menschen satt machen kann wie die Pflanzen, die es frisst, den Hunger in der Welt.

Jens Friebe ist Musiker, Autor und Vegetarier.

Quelle: F.A.Z.

 
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