http://www.faz.net/-gqz-7ou1e

Ostukraine in Angst : In Slawjansk herrscht Terror

  • -Aktualisiert am

Riesiges Waffenarsenal in unbefugten Händen: Ein prorussischer Freischärler zeigt einem Kind in Slawjansk sein automatisches Gewehr Bild: Kommersant via Getty Images

Die Welt blickt auf die ukrainische Stadt Slawjansk. Was es heißt, in diesen Tagen Bürger einer Stadt zu sein, in der jeder, der eine Waffe wollte, auch eine bekommen hat.

          Stellen Sie sich vor, Sie kommen von der Arbeit, und vor Ihrem Haus lehnen an einer Straßensperre drei junge Männer, fast noch Jugendliche; sie haben sich am nahen Kiosk mit Bier versorgt, und einer von ihnen hat eine MP umgehängt. Sie wissen nicht, wer diese Leute befehligt, was sie vorhaben, wann sie schießen.

          In Slawjansk ist das heute eine alltägliche Situation. Das trotz 120000 Einwohnern bislang eher verschlafene Städtchen kennt man mittlerweile aus den Nachrichten. Ich habe den Sturm „prorussischer Separatisten“ auf die dortige Miliz in einem kurzen Video im Netz gesehen: Das sind „grüne Männchen“ wie auf der Krim, straff organisierte und bis an die Zähne bewaffnete Profis, keine Spur von „Selbstverteidigungskräften“.

          Wir haben Angst

          Als eine der ersten Aktionen der Besetzer wurden Waffen aus dem Bestand der Miliz an jeden ausgeteilt, der eine haben wollte. In der Stadt ist ein riesiges Waffenarsenal in unbefugten Händen. Unsere in Slawjansk lebenden Bekannten erzählen: Wenn man in die Stadt fährt, muss man mehrere Straßensperren mit bewaffneten Posten passieren, die ohne jede Frage erst einmal den MP-Lauf ins Autofenster halten.

          „Wer steht da eigentlich?“, frage ich nach. Die Antwort: Es seien nicht die militärischen Profis (die sitzen in der besetzten Stadtverwaltung oder im Milizgebäude und kommen kaum heraus), sondern Leute aus dem Ort oder der Umgebung, in der Regel ältere oder ganz junge Männer, viele, denen man die Trunksucht ansehe, Deklassierte, Arbeitslose, die sich jetzt gebraucht fühlen, ein Abenteuer erleben wollen. Andere ließen durch Sprache und Verhalten deutlich erkennen, dass sie zu kriminellen Gruppen gehören.

          Die Stadt ist nicht mehr, was sie einst war: Statt bunter Wochenmärkte sind Angst, Terror und Trauer alltäglich in Slawjansk
          Die Stadt ist nicht mehr, was sie einst war: Statt bunter Wochenmärkte sind Angst, Terror und Trauer alltäglich in Slawjansk : Bild: REUTERS

          Etliche haben Tischchen improvisiert, auf denen die Wodkaflasche und saure Gurken Platz finden; man sägt die Bäume am Straßenrand ab, um sich auf Lagerfeuern Schaschlik zu braten. Ein Idyll, wären da nicht die geladenen Waffen. Mittlerweile sind allein drei Bekannte unserer Freunde durch Schusswaffen verletzt worden: Eine Frau wurde aus unklaren Gründen in einem Taxi beschossen, ein Ehepaar bei einem Raubüberfall im eigenen Haus verletzt. „Wir haben Angst, auf der Straße, zu Hause“, sagt eine Freundin.

          Totale Anarchie

          Ende letzter Woche hatte es einige panische Tage gegeben, in denen der Antiterroreinsatz der ukrainischen Streitkräfte erwartet wurde. Da sei die Stadt ausgestorben gewesen, wird uns erzählt, und die Hubschrauber über der Stadt, die Flugblätter mit Verhaltensanweisungen abwarfen, machten die Menschen verrückt. Eine Bekannte saß ein paar Stunden mutterseelenallein in der Aufnahme eines Krankenhauses: Kein anderer Patient ließ sich blicken. Schulen und Kindergärten waren geschlossen.

          Mittlerweile wird Normalität gespielt: Alexander Subarjow, der Leiter des Schulamts von Slawjansk, erklärte am Montag auf der Website Slavgorod.com.ua, es gebe keinen Grund, sein Kind nicht zur Schule zu schicken: Alles gehe seinen gewohnten Gang. Hinter verschlossenen Türen tagte der Stadtrat von Slawjansk (42 von sechzig Abgeordneten waren anwesend) und beschloss, die Männer auf den Barrikaden zu legalisieren – eine echte Volksmiliz solle gegründet werden, mit Papieren.

          Tatsächlich ist in Slawjansk nichts normal. Typisch ist eine Marktszene, von der unsere Bekannten erzählt haben. Einer Frau wird von zwei Maskierten der Gewehrlauf in den Rücken gepresst: „Gib schon her, zur Unterstützung der Selbstverteidigungskräfte.“ Die Frau gab – am helllichten Tag, mitten in der Menge der Marktbesucher – ihren Schmuck heraus, die Räuber verschwanden. Anarchie, totale Anarchie, sagen unsere Freunde.

          Planung von außen

          Die sieben weiterhin gefangen gehaltenen OSZE-Beobachter scheinen für die Slawjansker kein wichtiges Thema zu sein. Im Gespräch darüber entschlüpft einem Gewährsmann der Satz: „Manchmal kommt mir das alles wie Zirkus vor. Wie Theater.“ Neben der Unwirklichkeit des ganzen Geschehens drückt er damit auch aus, wie sehr alle Beteiligten Rollen spielen: die Straßenposten, die zu schützen vorgeben, aber eine massive Bedrohung darstellen, die „Selbstverteidigungskräfte“, die offen Menschen berauben.

          Es ist nicht so, dass die schweigende Mehrheit von Slawjansk loyal zur ukrainischen Staatsführung stünde. Im Osten ist man traditionell misstrauisch gegenüber den Sapandenzern, denen aus dem Westen. Hier surfen die meisten Leute nicht im Internet, sie schauen – wie in der russischen Provinz – vor allem fern. So konnte die russische Propaganda mit den Greuelgeschichten über die „Faschisten in Kiew“ ihre Wirkung tun.

          Umfragen jeder Art und Richtung während der letzten Wochen und Monate besagen aber auch, dass die überwältigende Mehrheit der Bürger des Ostens nicht für einen Anschluss an Russland und nicht einmal für eine weitgehende Autonomie der Region sind. Man ist hier langsamer, zurückhaltender, ungeübter im Äußern eines politischen Willens als im europäischer geprägten Westen des Landes. Die zentral organisierte, handstreichartige Besetzung von Schlüsselstellen in einer ganzen Anzahl von Orten zur selben Zeit weist eindeutig auf Planung von außen hin. Der schloss sich eine Handvoll Slawjansker Bürger an, vor allem kamen jedoch Kämpfer aus Russland, von der Krim und aus anderen Teilen der Ukraine hinzu. Seit dem 14. April herrscht in Slawjansk Terror.

          Entführen, foltern, morden

          Ich hier im friedlichen Deutschland – fern, aber durch die persönlichen Beziehungen doch ganz nah dran – bin seitdem ohnmächtig fassungslos. Dazu trägt die große Kluft zwischen dem, was ich von Menschen aus Slawjansk erfahre, und dem, was in den deutschen Medien wiedergegeben wird, bei. Wir sprechen täglich mit unseren Bekannten und informieren uns durch eine Vielzahl russischer und ukrainischer (oft lokaler) Quellen, dank Internets zeitnah und umfassend: „Ukrainskaja Pravda“, die Nachrichtenagentur Unian, „Informazionnoe soprotivlenie“, „Novosti Donbassa“, grani.ru, „Novaja gazeta“, „Ežednevny žurnal’“, die Gebietsstadt-Portale (061.ua für Saporoschje, 062.ua für Donezk und so fort) und diverse Blogs.

          So erfahren wir, dass das selbsternannte Slawjansker „Stadtoberhaupt“ Wjatscheslaw Ponomarjow die Bevölkerung auffordert, ihm verdächtige Personen zu melden, vor allem solche, die Ukrainisch sprechen – die Staatssprache. Ponomarjow war neben der Gefangennahme mehrerer Journalisten und der OSZE-Beobachter indirekt oder sogar persönlich an der Folterung des Abgeordneten Wladimir Rybak und des Studenten Juri Poprawko beteiligt. Seit der Besetzung der Stadt haben schon zweimal Überfälle auf die Roma-Viertel von Slawjansk stattgefunden. Drei politisch keineswegs engagierte Geschäftsleute sind in Slawjansk verschwunden; ein winziger Protest auf dem Marktplatz wurde von Bewaffneten auseinandergejagt. Am 28. April kam die Meldung, dass die Leiche eines weiteren offenbar gefolterten Mannes im Wasser des Sewerski Donezk gefunden wurde.

          In deutschen Medien liest man nichts von Terroristen, sondern von prorussischen Aktivisten oder gar Demonstranten in Slawjansk, während der Versuch der ukrainischen Regierung, ihre Bürger vor Terror und Willkür zu schützen, als „Antiterroraktion“ in Anführungszeichen gesetzt wird. Äußerungen des russischen Außenministers Lawrow bekommen dagegen keine Anführungszeichen, und wenn er von „Nationalisten und Extremisten“ spricht, die Kiew nicht kontrollieren könne, meint er nicht die Freischärler, die in ostukrainischen Städten Menschen entführen, foltern und ermorden, sondern jenen mystischen „Rechten Sektor“, der seit den Majdan-Kämpfen in Kiew, also seit mehr als zwei Monaten, nirgends in Erscheinung getreten ist und schon gar nicht im Osten des Landes. Im Diskurs über die Ukraine wird die Sprache pervertiert. Eskalation, Deeskalation, Opfer, Aggressor, Angriff, Schutz – die Begriffe verschwimmen, werden in ihr Gegenteil verkehrt.

          Die geistige Freiheit erstickt

          Das führt in Russland zu einem sozialen Schulterschluss, der bei der überwältigenden Mehrheit in unbedingte Unterstützung des Präsidenten mündet und bei der winzigen kritischen Minderheit Angst vor weiteren Diffamierungen und Repressionen auslöst. Der Graben zwischen ihnen scheint unüberbrückbar. Eine Dolmetscherin erzählt mir, sie könne mit der Hälfte ihrer ehemaligen Studienkollegen mit der Arbeitssprache Russisch nicht mehr kommunizieren. Ähnliches berichten mir russische Emigranten: Ihr Freundeskreis habe sich nach der Krim-Annexion mindestens halbiert.

          Ich selbst bekam am 15.April, einen Tag nach der Erstürmung der Amtsgebäude in Slawjansk, von einer russischen Bekannten (sie hat einen Hochschulabschluss und mehrere Auslandsreisen gemacht) eine hysterische E-Mail voller Großbuchstaben und Ausrufezeichen, die in einer Bemerkung von sonderbarer Ironie gipfelte: „Aber nein, wir sind ja Masochisten. Nehmt nur unser Gas umsonst und schlagt die russischsprachige Bevölkerung tot.“ Auch ein prorussischer Demonstrant in der Frankfurter Innenstadt schrie kürzlich der ukrainischen Kundgebung entgegen: „Wir haben euch das Gas umsonst gegeben!“ Die Welt, soll das heißen, nützte also die Gutmütigkeit Russlands aus. Die Wucht, mit der jetzt das imperiale und in dessen Gefolge das xenophobe, antipluralistische, antidemokratische Denken aus Sowjetzeiten wieder einrastet, bestürzt mich.

          Meine russische Bekannte schrieb in ihrer E-Mail: „Ich habe solche Angst, dass in Russland dasselbe passiert!“ Sie meinte damit die vermeintlichen Untaten angeblich vom FBI gekaufter Mörder des Rechten Sektors. Der Satz drückt sehr genau aus, was man in Russland am meisten fürchtet, weshalb die Regierung bereit ist, mit einer solchen Brutalität jede geistige Freiheit zu ersticken, und weshalb die große Mehrheit sich dem so bereitwillig anschließt: Was auf dem Majdan passiert ist – dass Bürger sich die Freiheit erkämpft haben –, eröffnet zu viele Möglichkeiten. Es ist ein anstrengender Weg, der dem Einzelnen eine Menge abverlangen würde. Zuallererst: selbst zu denken.

          Christiane Körner ist Übersetzerin aus dem Russischen, sie lebt in Frankfurt am Main.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Kubicki zweifelt am Sinn der Russland-Sanktionen

          FDP-Vizechef : Kubicki zweifelt am Sinn der Russland-Sanktionen

          Vor den Koalitionsverhandlungen mit Union und Grünen bringt sich die FDP bei der Russland-Politik in Stellung. Der stellvertretende Parteivorsitzende Kubicki will statt Sanktionen mehr Dialog mit Moskau – und kritisiert die Nato-Präsenz an der russischen Grenze.

          Österreich rückt nach rechts Video-Seite öffnen

          Angst vor Einwanderung : Österreich rückt nach rechts

          Am Sonntag finden in Österreich Parlamentswahlen statt. Umfragen sagen einen Sieg der ÖVP mit ihrem Spitzenkandidaten Sebastian Kurz voraus. Mit einem konsequenten Rechtskurs könnte es dem 31- Jährigen am ehesten gelingen, aus der Angst vieler Wähler vor Einwanderung Kapital zu schlagen. Die rechtspopulistische FPÖ könnte ihm zur Regierungsmehrheit verhelfen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.