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Veröffentlicht: 16.03.2010, 06:46 Uhr

Landerziehungsheime Was bleibt von der Reformpädagogik?

Das Landerziehungsheim als pädagogisches Kloster, aufgeladen mit den Ideen der Jugendbewegung, ist ein Nimbus. Die Vorkommnisse in der Odenwaldschule konfrontieren diesen Nimbus mit der Realität. Was bleibt von der Reformpädagogik?

von Jürgen Oelkers
© dpa Die Odenwaldschule im hessischen Heppenheim

Die deutsche Reformpädagogik vor dem Ersten Weltkrieg ist in weiten Teilen ein konzeptionelles Gemisch aus Platonismus, Lebensreform und reaktionärer Gesellschaftstheorie. Die „neue Erziehung“ war gekoppelt an eine Erlösungsrhetorik, die ständig einen pädagogischen Eros beschwor, der die alternative Praxis bestimmen sollte. Theosophie und Anthroposophie zogen die Sucher der „neuen Erziehung“ an, die sich dann mit dem „Geist“ der Elitenbildung umhüllen konnten. Demokratie war nur bei den wenigen Sozialisten angesagt, die erst nach 1918 eigene Schulen gründeten und nach 1933 in Vergessenheit gerieten.

Die Schulgründer der ersten Generation waren oft gefallene protestantische Theologen, die nach Glaubensersatz suchten und ihn in „Landerziehungsheimen“ fanden. Zu ihnen zählten ein bekennender Päderast und Antisemit (Gustav Wyneken), ein antisemitischer Chauvinist (Hermann Lietz) und ein selbsternannter pädagogischer Seher (Paul Geheeb), dessen Schule seine Frau geführt hat. Politisch bewegten sich einige der Gründer am rechten Rand, was für viele Reformpädagogen gesagt werden kann, die von der Idee der geschlossenen „Volksgemeinschaft“ ausgingen und damit antidemokratische Führungsphantasien verbanden. Eine deutliche Nähe zum Nationalsozialismus zeigte etwa Peter Petersen, der mit seiner Jenaplan-Pädagogik bis heute Beachtung findet. Der Berliner Schulreformer Berthold Otto dachte sich die künftige Gesellschaft als sozialistische Monarchie, was es ihm leichtmachte, kurz vor seinem Tod noch die Machtergreifung Hitlers zu begrüßen.

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Reformpädagogik in Deutschland ist nicht auf die Landerziehungsheime zu reduzieren, aber stark geprägt von ihrem Nimbus. Landerziehungsheime waren gedacht als Zufluchtsstätten vor gesellschaftlicher Dekadenz. Die Grundidee stammt von dem englischen Sekundarlehrer Cecil Reddie, der 1889 in Abbotsholme ein Jungeninternat gründete. Hier sollte abgeschlossen von der Welt die Erziehung neu erfunden werden; faktisch entstand ein pädagogisches Kloster, das in Deutschland mit den Gemeinschaftsideen der Jugendbewegung aufgeladen wurde.

Vom Faschismus zur Theosophie

Praktisch sah der Internatsbetrieb der frühen Landerziehungsheime einen genau geregelten Arbeitstag vor, ließ faktisch keine Freiheiten zu und führte die „Zöglinge“ in eine große emotionale Abhängigkeit, die bewusst gesucht wurde. Die Insel der neuen Erziehung war gedacht in scharfer Abgrenzung zur gewöhnlichen Erziehung, was oft mit einem penetranten Sendungsbewusstsein verbunden war und Fehlerkontrolle faktisch nicht zuließ. Nur hier sollte es die „wahren Pädagogen“ geben, ein Grundzug der Geschichte nicht nur der Reformpädagogik. Nur wer die Gesellschaft vermeidet, erzieht richtig, lehrte schon Rousseau. Das Elysium war abhängig vom Charisma der Gründer, die sich verehren ließen und nichts dagegen hatten, wenn sie als pädagogische Genies oder die „neuen Pestalozzis“ bezeichnet wurden. „Große Pädagogen“ sind freilich auch leicht zu entlarven, wenn sich erst einmal Risse im Denkmal zeigen. Deswegen besteht ein starkes Interesse, den Schein zu wahren und nicht genau hinzuschauen. Der Zürcher Publizist Johann Heinrich Pestalozzi ist fast zwei Jahrhunderte lang als der größte deutsche Pädagoge gefeiert worden, ohne je einen Blick auf seine mäßige Praxis zu werfen.

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