28.05.2009 · Seit der Enttarnung von Kurras tobt ein Kulturkampf um die Deutung des 2. Juni 1967. Die Achtundsechziger haben wieder ein Thema, das sie spaltet. Dabei zeigt sich, wie sehr die ideologischen Konstruktionen von damals in die Gegenwart hineinwirken.
Von Wolfgang KraushaarDer Polizist, der Ohnesorg erschoss: ein Spitzenagent der Stasi. Noch vor einer Woche wäre eine derartige Behauptung als exemplarischer Fall für eine Verschwörungstheorie abgetan worden. Doch die Aktenlage ist erdrückend. Lässt sich die Meldung in vorhandene Erklärungsmuster integrieren, oder muss sie als Störfaktor abgewehrt werden? Ist gar eine historische Revision vonnöten? Schließlich geht es um die Deutung des 2. Juni 1967, eines Schlüsseldatums der alten Bundesrepublik. Wenn der Anfang der Studentenbewegung anders verlaufen wäre, hätte dann nicht auch die weitere Geschichte einen anderen Verlauf nehmen müssen? Sicher, eine außerparlamentarische Opposition hätte sich auch an anderen, weniger monströs aufgeladenen Anlässen entzünden können. Doch wäre es überhaupt zu dieser spezifischen Radikalisierung der Bewegung gekommen, in der der Staat als Ausgeburt des Faschismus wahrgenommen und eine Institution nach der anderen als feindliche Einrichtung verdammt wurde? Und hätte es ohne diesen Radikalisierungsschub zum Terrorismus kommen können?
Angesichts dieser dramatisch anmutenden Aufladung einer Angelegenheit, die formal betrachtet zunächst einmal kaum mehr als eine Personalie ist, kann es nicht verwundern, dass es in der Öffentlichkeit umgehend zu einer ebenso tiefen wie weitreichenden Spaltung gekommen ist. Vordergründig geht es um die Rekonstruktion der Tat; dahinter geht es jedoch um die Fortsetzung eines seit Jahren anhaltenden Kulturkampfes um Rolle und Stellenwert von „68“. Am deutlichsten zu erkennen ist das an den konträren, immer noch unversöhnlichen Haltungen von „Bild“ und „taz“, dem Goliath und dem David der deutschen Presse. Während sich die auflagenstärkste Zeitung des Springer-Verlags wie kaum eine andere an die Fersen des einundachtzigjährigen Kurras geheftet hat, als wolle sie nun ihr damaliges Schreckbild vom „Hetzblatt“ dementieren, lässt die 1979 als Spätprodukt der Achtundsechziger-Bewegung entstandene „tageszeitung“ nichts unversucht, um die Rolle der Staatssicherheit zu relativieren und das alte Bild vom Polizeistaat aufrechtzuerhalten.
Indizien für den autoritären Staat
Seit die Kurras-Meldung draußen ist, geht jedoch nicht nur ein Meinungsstreit durch den Blätterwald, sondern ein Riss durch die ehemaligen Achtundsechziger. Während die einen an ihrem alten Welt- und Feindbild unverändert festhalten, meinen die anderen, dass ihre bisherigen Einstellungen revidiert werden müssten. Nicht wenige ehemalige Aktivisten, die sich den Zielen der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) verpflichtet fühlten, erklären nun freimütig, dass sie bei dieser Nachrichtenlage gewiss nicht in die DKP eingetreten wären. Eine frühere SDS-Aktivistin bekannte gar, sie müsse nun einsehen, dass ihre Politisierung auf einer „Lebenslüge“ aufgebaut gewesen sei. Es scheint, als habe die Kurras-Nachricht viele aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Aufnahme der so überraschenden Nachricht ist insofern ganz gewiss auch als eine Probe auf die politische und historische Urteilskraft zu betrachten.
Inzwischen haben sich drei prominente Ex-Achtundsechziger zu Wort gemeldet. Mit Oskar Negt hat sich ein ehemaliger Kopf der Neuen Linken in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ geäußert. Der Soziologe, damals Assistent von Jürgen Habermas, war im Juni 1967 kurz nach dem Tod Ohnesorgs auf einer Kundgebung aufgetreten und hatte auf dem Frankfurter Römerberg erklärt, dass der Germanistikstudent „Opfer eines Mordanschlags“ geworden sei. Die planmäßige Polizeiaktion sei, legte er damals seinen Zuhörern nahe, „mit einem Dolus eventualis“ durchgeführt worden. Damit meinte er, dass die Berliner Polizei mit einem Eventualvorsatz, wie es im Juristendeutsch heißt, gehandelt habe. Soll heißen, es sei mehr als nur Fahrlässigkeit im Spiel gewesen. Für ihn stand also nicht der Täter, sondern der Kontext seiner Tat im Vordergrund. Polizei und Staat waren die Adressaten seiner Vorwürfe. In Kurras sah er nur das ausführende Organ.
Nun, 42 Jahre später, scheint sich daran kaum etwas geändert zu haben. Die Frage, ob durch die neuen Erkenntnisse nicht auch die Tat neu bewertet werden müsste, wehrt er nun mit dem Argument ab, in der Achtundsechziger-Bewegung sei man „schon immer“ davon ausgegangen, „dass autoritäre Strukturen auf kritische Öffentlichkeiten mit Gewalt“ reagierten - in West- wie in Ostdeutschland. Er habe es allerdings, räumt er ein, nicht für möglich gehalten, dass Kurras ein Stasi-Spitzel gewesen sei. Auf die Zusatzfrage, was man daraus lernen könne, reagiert er mit der Feststellung: Das zeige nur „die völlige Vertrocknetheit von Systemen“. Letzten Endes seien Springer-Presse und Stasi „in gewisser Weise auf einer Linie“ gewesen. Beide hätten „kritischen Austausch“ verhindert. Dass Kurras ein Spitzel gewesen sei, zeige, „dass autoritäre Systeme ortsunabhängig tätig“ seien. Der Kriminalobermeister samt seiner Doppelexistenz im Geflecht eines Geheimdienstes erscheint ihm nur als Indiz für einen autoritären Staat, ob diesseits oder jenseits der Elbe.
Die verrückte Stasi?
Kurzum, die Enttarnung stellt in Negts Augen am Ende doch keine Überraschung dar. Als Achtundsechziger habe man schließlich gewusst, dass West wie Ost gleichermaßen abzulehnen gewesen seien. Für die These von der Äquivalenz eines westlichen Pressekonzerns mit einem östlichen Geheimdienst muss ein allgegenwärtiger Begriff des „Autoritarismus“ herhalten. Es kann nur irritieren, wie gerade jener Sozialwissenschaftler, der zu Beginn der siebziger Jahre zusammen mit Alexander Kluge eines der einflussreichsten Bücher über den Begriff der Öffentlichkeit vorgelegt hatte, auf jede qualitative Unterscheidung zwischen einem Rechtsstaat und einer Diktatur, zwischen Boulevardpresse und Spitzelsystem meint verzichten zu können.
Dem Ex-Achtundsechziger und Schriftsteller Peter Schneider kann man nicht vorhalten, dass er mit seiner neuesten, im vergangenen Jahr rechtzeitig zu „40 Jahre 1968“ erschienenen Publikation „Rebellion und Wahn“ die Bewegung habe idealisieren wollen. In der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ hat er jedoch den angestrengten Versuch unternommen, Kurras und den Anteil der Staatssicherheit für absurd zu erklären; er hat vor allem die Rolle des Todesschützen so weit wie möglich heruntergespielt. Sein Essay trägt den bezeichnenden Titel: „Ein armer, aggressiver Tropf“. Der Polizist, schon immer ein besonders krasses Beispiel für Unbelehrbarkeit, wird nun in einem fast schon mitleiderheischenden Ton gezeichnet. Er eigne sich vielleicht sogar, meint Schneider, als Romanfigur.
Besonders auffällig ist dabei, wie Schneider die Staatssicherheit der DDR bewertet. Sie sei „wohl die aufgeblasenste und die verrückteste Geheimdienstorganisation in der Geschichte der Menschheit“ gewesen. Nun, das MfS war gewiss eine bizarre, zur Monstrosität neigende Organisation. Aber verrückt? Das unterschlägt, dass sie für die SED hocheffizient sein konnte. Allein die Tatsache, dass es ihr gelang, den Sturz Willy Brandts beim Misstrauensvotum 1972 durch Stimmenkauf zu verhindern und damit indirekt die Anerkennungspolitik der DDR zu stabilisieren, widerspricht diesem Bild und zeigt, wie wichtig die Staatssicherheit für die Staatspartei gewesen sein muss.
Manipulative Zugriffe auf die Studentenbewegung
Diese Fehleinschätzung passt zu Schneiders Urteil, im vergangenen Jahr gegenüber der „Welt“ geäußert, die APO habe definitiv keine Geldmittel aus Ost-Berlin erhalten. Doch das Gegenteil ist richtig. So wurden etwa der Republikanische Club mit Finanzmitteln der HVA gegründet, der 1967 als Organ linker Gegeninformation aufgebaute „Extra-Dienst“ von den Desinformanten des MfS finanziert und im Frühjahr 1968 einem „Solidaritätsfonds der Freunde der außerparlamentarischen Opposition“, zu dem der SDS und der Republikanische Club zählten, von der SED 20.000 DM gespendet, um eine „Sozialistische Mai-Kundgebung“ durchzuführen. Der Autor, der so brillant seine Erinnerungen auszubreiten versteht, vergaloppiert sich bei der historischen Bewertung von längst geklärten Sachverhalten.
Schneider war kein SDS-Mitglied, aber einer der Aktivisten der „Enteignet Springer“-Kampagne. Bis heute hält er daran fest, dass diese eine selbständige Unternehmung der Neuen Linken in West-Berlin gewesen sei. Doch auch dies ist mehr als fraglich. Die Wurzeln dieses Aktionszusammenhangs reichen bis in die frühen sechziger Jahre zurück. Und sie führen eindeutig nach Ost-Berlin. Die SED hatte Springer wegen dessen Initiativen in Sachen Wiedervereinigung schon seit längerem aufs Korn genommen. In einem Ost-Berliner Verlag war 1963 eine populärwissenschaftliche Analyse zu „Umfang und Struktur des Springer-Trusts“ erschienen, und im April 1966 hatte Walter Ulbricht in der Ost-Berliner Dynamo-Sporthalle zum zwanzigsten Gründungstag der SED eine Festrede gehalten, in der er vor Tausenden von Zuhörern forderte, „die Macht der Herren solcher Meinungsmonopole, wie des Springer-Konzerns zu beseitigen“. Solange derartige „Meinungsfabriken“ herrschten, könne von „Freiheit der Meinungsbildung“ - so Ulbricht weiter - keine Rede sein.
Vielleicht hat es auch etwas mit narzisstischen Kränkungen zu tun, dass es einem sprachgewandten Zeitgenossen wie Schneider im Nachhinein so schwerfällt, sich einen manipulativen Zugriff auf eigene politische Aktivitäten vorstellen zu können.
Anders verhält es sich mit Uwe Timm. Von ihm war nicht nur bekannt, dass er zusammen mit Benno Ohnesorg Abitur gemacht und über seine Freundschaft mit ihm ein eigenes Buch verfasst hat, sondern auch, dass er Mitglied der DKP war. Für ihn hätte die Enttarnung von Kurras als einem Stasi-Agenten im Gegensatz zu Negt und Schneider noch eine ganz besondere Dynamik freisetzen müssen. Schließlich hatte er sich einem politisch-weltanschaulichen Lager angeschlossen, aus dessen Geheimdienst der Mörder eines seiner engsten Freunde stammte.
Aber seine Antworten auf Fragen nach einer politischen und persönlichen Revision fallen jedoch, um es vorsichtig zu formulieren, außerordentlich zurückhaltend aus (siehe Schriftsteller Uwe Timm: Es wäre trotzdem zur Protestbewegung gekommen). Will er sich einer Neubewertung der damaligen Konstellation entziehen? Auf die Frage, was anders gelaufen wäre, wenn man Kurras bereits damals hätte enttarnen können, reagierte er defensiv, fast abwehrend. Er sei sich sicher, dass es auch mit einem solchen Wissen zur Protestbewegung gekommen wäre, „aber vielleicht nicht mit dieser Vehemenz, mit dieser Wucht“. Es sei um „ein Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen in der Gesellschaft“ gegangen, die eine Kritik an den entsprechenden Strukturen in der DDR durchaus eingeschlossen hätte.
Die Antwort kommt einer Vernebelung gleich. Denn die Achtundsechziger waren in ihrem Verhältnis zu DDR und SED tief gespalten. Nur mit Mühe gelang es den undogmatischen Kräften 1967 die Oberhand über die Orthodoxen, mit dem Sowjetkommunismus Sympathisierenden zu gewinnen. Ein Jahr später kam es dann zu einer regelrechten Abspaltung. Wegen eines gewaltsam ausgetragenen Konflikts bei den Weltjugendfestspielen wurde eine Reihe sogenannter „Traditionalisten“ ausgeschlossen. Im Schatten der zum selben Zeitpunkt gegründeten DKP führte das zu einer eigenen Studentenorganisation, dem Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB), der sich bezeichnenderweise kurz nach dem Mauerfall auflösen musste.
Spaltung im moralischen Urteilsvermögen
Und direkt auf Kurras angesprochen, erklärt Timm, damals hätte man wahrscheinlich gesagt, er sei „typisch für eine autoritäre Persönlichkeitsstruktur“ gewesen. Damit stellt er die Verbindung zu Negts Ausführungen her. Auch Timm geht es darum, sich mit Hilfe des Autoritarismusbegriffs einer Auseinandersetzung mit der SED-Politik und seiner eigenen politischen Biographie zu entziehen. Wie war es eigentlich möglich, dass sich ein ziviler und kluger Kopf wie Timm vor dreieinhalb Jahrzehnten einer von Ost-Berlin gesteuerten Partei wie der DKP anschließen konnte? Darüber würde man doch gerne mehr erfahren.
Die Empörung über die immer noch ungeklärte Erschießung Benno Ohnesorgs ist damals zu Recht so außerordentlich stark ausgefallen. Dass es zu dieser unseligen Tat hat kommen können, lag gewiss nicht allein daran, dass ein Kriminalobermeister des West-Berliner Staatsschutzes ein Doppelleben führte. Der Versuch, Proteste gegen den Staatsbesuch eines Satrapen wie des Schahs von Persien mit allen Mitteln, legalen wie illegalen, zu unterdrücken, trug in der Tat, wie es in Enzensbergers „Kursbuch“ hieß, Züge eines „nichterklärten Notstands“. Was sich am 2. Juni 1967 abgespielt hat, ist trotz aller Anstrengungen bis heute nicht vollständig aufgeklärt - und deshalb ist auch das Echo dieses Schusses noch nicht verhallt.
Bei den Hunderten, die wie Peter Fechter an der Mauer abgeschossen wurden, war jedoch kaum jemals auch nur ein annähernder Grad an Empörung zu vernehmen. Die abschreckenden Bilder, die in den sechziger Jahren in der Presse und in den Wochenschauen zu sehen waren, wurden in der Linken meist mit dem Verweis auf einen vermeintlich postfaschistischen Staat namens „BRD“ neutralisiert, in dem man selbst lebte.
Diese Aussparung stellt eine beunruhigende Spaltung im moralischen Urteilsvermögen dar. Niemand würde Autoren wie Negt, Schneider und Timm, die hier nur aus exemplarischen Gründen für ein bestimmtes Milieu genannt worden sind, die Rechtfertigung politischen Unrechts oder gar Verbrechen unterstellen wollen. Es irritiert jedoch, wie sich in ihren Kommentaren immer noch ideologische Konstruktionen spiegeln und insofern bis in die Gegenwart nachwirken.Die Spaltung in den Köpfen ist immer noch nicht ganz überwunden. Auch dies wird durch die Personalie Kurras offenbar.