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Kunstwerk von Sam Durant: : Dies ist keine Exekution

Unser Park soll schöner werden: Protest vor dem Skulpturengarten des Walker Art Center, wo Sam Durants Skulptur „Scaffold“ ihrer Hinrichtung harrt. Bild: Foto David Joles, Star Tribune

Wieder wird in Amerika die Entfernung eines Kunstwerks gefordert, weil es die Würde von Minderheiten verletze. Wenn aber Kunst und Politik in eins gesetzt werden, stehen beide auf dem Spiel.

          Vor fünf Jahren stand während der Documenta 13 in Kassels Karlsaue ein Holzgerüst, auf dem man herumturnen konnte wie auf einer Kletteranlage oder einer Aussichtsplattform. Erst der Ausstellungsführer erklärte, dass es sich um die Variation einer für die amerikanische Geschichte zentralen Architektur handelte, nämlich des Schafotts. Auf so einer hölzernen Bühne wurde im Jahr 1859 der Abolitionist John Brown gehängt, und auch für die Hinrichtung Saddam Husseins kam sie 2006 zum Einsatz.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Für Angehörige des Volks der Dakota bestand kein Zweifel, worum es sich bei der Anlage handelte, die vergangene Woche weithin einsehbar im Skulpturenpark des Walker Art Center in Minneapolis in die Höhe wuchs. Die Arbeit „Scaffold“ (Schafott) des Künstlers Sam Durant wurde nach der Documenta vom Walker, einem der bedeutendsten amerikanischen Kunstmuseen, angekauft und sollte nun die seit einem Jahr laufende Erneuerung und Erweiterung des Parks um dreizehn neue Werke krönen. Am kommenden Samstag sollte eröffnet werden; nun wurde der Termin um eine Woche verlegt, denn gegen das Werk regt sich heftigster Widerstand. Etwa hundert Menschen protestierten laut der „Star Tribune“ am Wochenende und hinterließen am Bauzaun Protestschilder mit Sprüchen wie: „Exekution ist keine Kunst“, „Nicht eure Geschichte“ oder „Fühlt sich an wie 1862“.

          „Zweihundert Dollar Belohnung für den Skalp des Künstlers“

          1862 war das Jahr der größten Massenexekution in der amerikanischen Geschichte: Nach der Niederschlagung des Sioux-Aufstandes wurden achtunddreißig Angehörige der Dakota auf einer Galgenbühne in Mankato, eineinhalb Autostunden von Minneapolis entfernt, gehängt. Die strukturelle Gewalt eines Unrechtsstaats scheint sich für viele in Sam Durants physischem Nachbild fortzusetzen. Ein Protestplakat setzt gleich in frivoler Wildwest-Metaphorik ein Kopfgeld aus: „Zweihundert Dollar Belohnung für den Skalp des Künstlers“.

          Sam Durant, 1961 in Seattle geboren, hat sich vielfach mit amerikanischer Geschichte auseinandergesetzt. Als der Künstler Doug Aitken 2013 ein Kunstfestival durch die Staaten schickte, hingen an jeder Station Poster Durants, die mahnten: „You are on Indian land/Show some respect“. 2005 stellte er in Los Angeles, wo er lebt, Nachbildungen von Denkmälern aus dem ganzen Land aus, die (überwiegend weißen) Opfern von Massakern während der sogenannten Indianerkriege gelten, um an die Prägung Amerikas durch rassistische Gewalt zu erinnern.

          Der amerikanische Künstler Sam Durant hat in der Karlsaue hat verschiedene Galgen ineinandergeschichtet, für die Documenta 13 hat er die Modelle verschiedener Galgen begehbar gemacht.

          Dem selben Zweck dient die Skulptur „Scaffold“, die tatsächlich gleich mehrere historische Galgen, auch den von Mankato von 1862, miteinander verschränkt. In einem offenen Brief erklärte Durant am Montag: „Ich habe ,Scaffold‘ als Raum des Lernens für Leute wie mich gemacht, Weiße, die nicht unter den Folgen einer weißen suprematistischen Gesellschaft gelitten haben und denen vielleicht gar nicht bewusst ist, dass es diese gibt.“

          In Kassel störte sich niemand an der Installation; eher hatte man sie in ihrer etwas behäbigen Buchstäblichkeit und wenig kontroversen Rechtschaffenheit schnell vergessen. Nun trifft Durants Bemühung um indianische Themen auf indianische Tatsächlichkeiten, und sein Mikadohaus aus moralischen Zeigefingern fällt in sich zusammen.

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