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Kunst und Provokation Zwei Köpfe gegen den Rest der Welt

21.06.2007 ·  Lass uns den Psychopathen dieser Welt auf die Nerven gehen: Pia Bertelsen und Jan Egesborg nehmen mit einem Kunstprojekt Diktatoren aufs Korn. Egesborg wurde dafür schon verhaftet. Doch die Aktion geht weiter. Als nächstes steht Nordkoreas Tyrann auf der Liste.

Von Andreas Kilb
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Der 22. Mai dieses Jahres war ein schlechter Tag für Jan Egesborg. Als er um acht Uhr morgens auf dem Karlsplatz in Wien ankam, wo er sich mit einer Fotografin der österreichischen Nachrichtenagentur APA verabredet hatte, bemerkte er, dass sich auffällig viele Polizisten rund um den Platz postiert hatten. Sie schienen auf etwas zu warten. Egesborg begann, die Plakate mit dem Bild des russischen Präsidenten Putin zwischen den Ringen einer Zielscheibe anzubringen, die er zum Staatsbesuch Putins in Österreich aus Kopenhagen mitgebracht hatte. Über dem Zielscheibenbild stand in Großbuchstaben „Erschießt Putin“ - und dahinter, in sehr viel kleinerer Schrift: „Journalisten?“

Als Egesborg auf der Nordseite des Platzes genügend Putin-Poster an die Wände geklebt hatte, lief er auf die Südseite. Plötzlich war er von Polizisten umringt. „Sie kannten mich. Sie wussten, wie ich aussah und dass ich kommen würde.“ Egesborg wurde zu einer Polizeistation gebracht, wo man ihm seine Taschen mit den übrigen Plakaten wegnahm. Man sagte ihm, er werde verdächtigt, Beziehungen zu tschetschenischen Terroristen zu unterhalten und zu Verbrechen an einem ausländischen Staatsmann aufzurufen. Nach einiger Zeit, in der Egesborg vergeblich versucht hatte, einen Anwalt zu seinem Verhör zu bestellen, wurde er in sein Hotel gefahren, um an der Durchsuchung seines Zimmers teilzunehmen. Man fand Kleider und weitere Plakate. Dann ging die polizeiliche Befragung weiter. Nach neun Stunden entschied ein Untersuchungsrichter, dass Egesborg nach Dänemark ausreisen dürfe. „Er sagte den Beamten, sie sollten mir ausrichten, wenn ich das Putin-Plakat jemals wieder in Österreich aufhängen würde, käme ich ins Gefängnis.“ In drei Monaten werde über die Anklageerhebung entschieden.

„Try Suicide!“

Vier Wochen später steht Jan Egesborg im weiß gestrichenen Souterrain des Kasseler Karikaturenmuseums Caricatura und lacht. Er hat den Tag in Wien überstanden, so wie er die Ausflüge nach Belgrad, Ankara, Berlin, Rostock und Tiraspol überstanden hat, die ihm vorausgingen. Das Putin-Poster hängt jetzt in einer Ausstellung mit dem Titel „Article 5“ - nach jenem Artikel des deutschen Grundgesetzes, der die Freiheit der Meinungsäußerung garantiert. Es ist die erste große Schau von Egesborgs Arbeiten, seit er mit dem Plakatekleben gegen die Mächtigen dieser Welt begonnen hat.

Jan Egesborg, geboren 1962 in Kopenhagen, ist Aktionskünstler. Dieses Wort hat bei manchen keinen guten Klang. Es klingt nach Egomanen, die den Geschmack ihres bürgerlichen Publikums düpieren. Egesborg aber ist kein Kulturprovokateur. Seine Gegner sind Leute, die ihren Revolver zücken, wenn sie das Wort „Kultur“ hören: Staatenlenker, Volkshelden, Alleinherrscher. Etwa Robert Mugabe, der Tyrann des ostafrikanischen Landes Zimbabwe, gegen den Egesborg eine Anzeigenaktion entworfen hat, die in einer Zeichnung mit dem bildfüllend aufgeblasenen Körper Mugabes und der Unterschrift „Try Suicide!“ (Versuch es mit Selbstmord!) gipfelt. Oder General Mladic, der Schlächter von Srebrenica, den Egesborg auf einem Plakat mit Pistolenpenis und Bluthandschuhen porträtiert. Darunter steht: „Wir wissen, wann ihr Sex habt“. Andere machen gegen das Unrecht, das Menschen ihresgleichen antun, Politik. Jan Egesborg macht Kunst.

Ahmadineschad-Anzeige: „Swine“

Im März 2006 gründeten Egesborg und seine Lebensgefährtin Pia Bertelsen die Künstlergruppe Surrend. Die beiden waren zum Begräbnis von Slobodan Milosevic nach Serbien gefahren, um bei den Feierlichkeiten Ideen für eine Plakataktion zu sammeln. „Als wir in Pozarevac ankamen, dem Heimatstädtchen von Milosevic“, erinnert sich Egesborg, „sagte ich zu Pia: Lass uns ein Kunstprojekt beginnen, mit dem wir direkt in die Schusslinie geraten. Lass uns den Psychopathen dieser Erde auf die Nerven gehen.“ Der Vorschlag kam nicht aus heiterem Himmel. Egesborg, der als externer Dozent an der Königlich-Dänischen Kunstakademie arbeitet, hatte schon vorher Plakate zu gesellschaftlichen Reizthemen in Dänemark entworfen. Im Herbst 2005 hatte er eine Poster-Aktion in Bagdad vorbereitet, dann aber wegen des Sicherheitsrisikos darauf verzichtet, selbst in den Irak zu fliegen. „Anschließend dachte ich: Ich hätte doch gehen sollen. Auch diese Erfahrung führte zur Gründung von Surrend.“

Im Dezember letzten Jahres erregten Bertelsen und Egesborg zum ersten Mal die Aufmerksamkeit internationaler Medien. Sie hatten es geschafft, in der „Tehran Times“ eine Anzeige mit dem Kopf des Präsidenten Ahmadineschad und einem Begleittext unterzubringen, der scheinbar eine Solidaritätserklärung mit der iranischen Regierungspolitik darstellte. Las man aber nur die Anfangsbuchstaben der fünf Textzeilen, erschien das Wort „Swine“ (F.A.Z. vom 22. Dezember). Ein amerikanischer Kritiker bezeichnete die Anzeige als das wichtigste Beispiel politischer Kunst im Jahr 2006.

Dabei war die Verspottung Ahmadineschads nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Surrend-Aktionen in Europa und Asien. Im April war das Künstlerpaar ein zweites Mal nach Belgrad gefahren, wo Bertelsen und Egesborg ihr Mladic-Poster unters Volk brachten. „Die Leute fingen an, mit uns zu diskutieren, besonders die Jüngeren applaudierten. Das Bild schien wirklich etwas zu verändern.“ Von da an war das Surrend-Projekt in Fahrt. Nach Ankara flog Egesborg mit einem Plakat, das die Blockade kurdischer Sender durch die Türkei kommentierte. Es zeigte den türkischen Regierungschef Erdogan vor einem Bildschirm mit dem Kopf des PKK-Führers Öcalan und der Unterschrift „Wir wissen, dass du kurdisches Fernsehen liebst!“. Egesborg rechnete damit, in Ankara verhaftet zu werden. „Überall war Militär.“ Aber die Soldaten lachten über die Karikatur.

Neuentwürfe für Kassel

Das Surrend-Projekt, sagt Pia Bertelsen, sei auch eine Art Probe auf die Liberalität verschiedener Staaten. In Belgrad hatte das Künstlerpaar Feindseligkeit erwartet, in Wien Sympathie: „Unser Blick auf manche Länder hat sich verändert.“ In Polen konnte selbst die Polizei die beiden Künstler kaum vor dem Volkszorn bewahren, den sie in der Grenzstadt Terespol mit ihrer Aktion gegen den weißrussischen Präsidenten Lukaschenka erregten. „Da stand eine lange Schlange älterer Weißrussen, die sich auf dem polnischen Wochenmarkt mit Waren zum Weiterverkauf eindeckten. Als sie die Plakate sahen, fingen sie an zu brüllen und auf uns einzuschlagen.“ Auf den Postern stehen neben dem Porträt Lukaschenkas die Sätze „Ich bin so schön wie eine Kartoffel“ oder „Ich kontrolliere den Mond, die Sonne und die Korruption“. In Kassel klingt das fast wie ein Kompliment, in Tiraspol war es eine Kriegserklärung.

Für die Kasseler Ausstellung, die vom 24. Juni bis zum 19. August zu sehen sein wird, haben Bertelsen und Egesborg auch ein paar ganz neue Plakatmotive entworfen. Eines, das bereits auf den Straßen Fuldas zu sehen war, zeigt Papst Benedikt XVI., der die Messgewänder zweier knieender Kinder anhebt, so dass ihr nackter Po zu sehen ist. Darunter steht: „Ich bin gegen Homosexualität, aber für Pädophilie“. Das Plakat gehört nicht zu den besten Surrend-Werken, aber es wird Ärger machen, ebenso wie das Bild des Hizbullah-Anführers Hassan Nasrallah, der zwischen rauchenden Ruinen eine Ausgabe der „Jyllandsposten“ mit Mohammed-Karikaturen studiert, oder die Verfremdungen klassischer nationalsozialistischer Wahlplakate, mit denen Egesborg und Bertelsen den Siegeszug der NPD durch die ostdeutsche Provinz anprangern.

Unter dem Radar der Zensur

In gewisser Weise sind die Surrend-Künstler die Vollender des Karikaturenstreits vom vergangenen Jahr. Mit ihrer Arbeit weiten sie die Kampfzone der Karikatur auf die ganze Welt aus. Nur eine oder zwei Religionen anzugreifen wäre ihm zu einseitig erschienen, sagt Egesborg. Deshalb hat er auch ein Plakat nach Kassel mitgebracht, das die sexuellen Übergriffe des zurückgetretenen israelischen Staatspräsidenten Katzav aufspießt, und ein anderes, auf dem das indische Kastensystem mit dem Rassismus der Nazis in Verbindung gebracht wird. Dafür gibt es aber bei Surrend, anders als bei vielen anderen politischen Künstlern dieser Jahre, keine wohlfeilen Attacken auf Bush oder Blair. „Man muss diejenigen angehen, vor denen die Menschen sich wirklich fürchten“, sagt Egesborg, und man wünschte sich, diesen Satz noch von vielen Künstlern, Politikern und Journalisten aller Richtungen und Lager zu hören.

Seit Anfang des Jahres indessen haben sich die Bedingungen, unter denen das Surrend-Team arbeitet, spürbar verändert. Zum einen ist aus dem Duo seit der Geburt des gemeinsamen Sohnes im Januar eine Familie geworden, was den Aktionsspielraum von Pia Bertelsen erheblich einschränkt. Zum anderen wird es für die Künstler, die seit ihrer Ahmadineschad-Aktion unter verschärfter Beobachtung der Medienwelt stehen, immer schwerer, „unter dem Radar der Zensur hindurchzufliegen“, wie es Jan Egesborg nennt, um die Objekte ihres Spotts zu treffen. „Aber das heißt trotzdem noch lange nicht, dass die Diktatoren jetzt ruhig schlafen können“, sagen Egesborg und Bertelsen wie aus einem Mund. „Uns wird immer wieder etwas Verrücktes einfallen.“ Der Tyrann aus Nordkorea etwa steht seit langem auf ihrer Liste. „Wir haben schon einige Ideen für ihn entwickelt.“ Hoffen wir, dass eine davon den Zensoren entgeht.

Quelle: F.A.Z., 21.06.2007, Nr. 141 / Seite 42
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