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Kunst in der Türkei : Morde sind erlaubt, Küsse nicht

  • -Aktualisiert am

So etwas wollte Erdogan nicht auf dem Bildschirm sehen: Das Schauspieleruafgebot von „Muhtesen Yuzyil“ (Das prächtige Jahrhundert). Zuerst musste die Serie umgeschrieben werden, dann wurde sie eingestellt. Bild: Imago

In der Türkei beherrscht der Präsident Politik und Wirtschaft. Literatur und Fernsehen bekommt Erdogan nicht in den Griff. Warum wohl? Ein Gastbeitrag.

          Der deutsche Dramatiker Hanns Johst lässt in seinem Stück „Schlageter“ den Helden sagen: „Wenn ich Kultur höre, entsichere ich meine Browning.“ „Kultur“ bedeutete für die Nationalsozialisten „feindliche Propaganda“. Als der türkische Staatspräsident Erdogan im vergangenen Jahr eine Bilanz seiner Regierungszeit zog, klagte er: „In den vierzehn Jahren waren wir auf allen Gebieten erfolgreich, nur was die Herrschaft über Kultur und Soziales angeht, haben wir noch Schwierigkeiten.“

          Stellen Sie sich vor, Sie sind so lange an der Macht, sind zum einzigen Richter über alle Bereiche im Land geworden, aber nach wie vor sind Sie nicht in der Lage, einen vernünftigen Kinofilm oder eine Serie drehen zu lassen. Hunderte Bauunternehmer, Imame, Polizeichefs haben Sie herangezogen, aber keinen einzigen nennenswerten Autor, Regisseur oder Schauspieler hervorgebracht. In alle Ecken der Stadt haben Sie eine Moschee, eine Shopping Mall gepflanzt, aber kein einziges Operngebäude errichtet, vielmehr vorhandene abgerissen.

          Sie haben sämtliche Widersacher zum Schweigen und alle Medien unter Kontrolle gebracht. Die Zeitungen, die Sie aufkaufen ließen, drucken nur noch Ihr Foto, aber aus diesem Grund liest sie keiner. Sie haben Filme drehen lassen, die Ihre Ideologie verherrlichen, aber keiner schaut sie an. Von den Plätzen haben Sie Denkmäler entfernen lassen, die Ihrer Meinung nach sündhaft sind, doch keiner dreht sich nach den hingestellten Springbrunnen um. Fernsehserien, die Sie für „unmoralisch“ halten, haben Sie absetzen lassen, doch die anstelle ausgestrahlten „sittsamen“ verfolgt niemand. Die von Ihren Gegnern gedrehten Serien und Filme, geschriebenen Romane, herausgegebenen Zeitungen aber sind nach wie vor populär. In Politik und Wirtschaft des Landes, das Sie regieren, haben Sie Vorherrschaft, doch aller Unterstützung zum Trotz ist es Ihnen nicht gelungen, Ihre Fahne bei kultureller Hegemonie zu hissen.

          Der im deutschen Exil lebende Journalist Can Dündar.

          Erlauben Sie mir, von einem komischen Moment in meinem Leben zu berichten: Als ich vor drei Jahren ins Gefängnis kam, forderte ich unverzüglich die Liste der in der Anstaltsbibliothek vorhandenen Bücher an. Darauf standen auch fünf Bücher von mir. Stellen Sie sich vor, die Bücher des Mannes, den man inhaftiert, werden Gefangenen zum Lesen gegeben. Es kommt aber noch komischer: Ein inhaftierter Freund bat den Bibliothekar um das Buch eines Autors, den er mag. Der Beamte lächelte und sagte: „Das Buch haben wir nicht da, aber den Autor.“ Was könnte die Schlappe der Regierung im Kampf um die Kultur besser darstellen? Der Bezirk mit der höchsten Alphabetisierungsrate, der höchsten Anzahl an Autoren und Lesern in der Türkei ist der mit der Haftanstalt. Bestsellerautoren sitzen hinter Gittern, die Bücher regierungsnaher Autoren dagegen finden keine Leser.

          Türkische Serien machten sich in den letzten zehn Jahren einen großen Namen. Sie wurden zum Exportschlager. Die bekannteste erzählte von Sultan Süleyman dem Prächtigen und dem Leben an seinem Hof. Selbstverständlich gespickt mit mysteriösen Intrigen und erotischen Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Dann tadelte Erdogan die Serie: „So waren unsere Ahnen gar nicht. Dieser Sultan hat dreißig Jahre seines Lebens auf dem Pferderücken verbracht.“ Sogleich wurden die Drehbuchautoren ausgewechselt. In der nächsten Staffel wurde der Sultan aus dem Harem geholt und auf dem Pferd in die Schlacht geschickt. Die Folge können Sie sich denken: Als das Zuschauerinteresse erlahmte, wurde die Serie eingestellt.

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