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Kunst Auf einem heißen Stuhl

26.04.2006 ·  Millionendeals hinter den Festungsmauern des Preußischen Kulturbesitzes: Das Berliner Museum für Gegenwart ist ins Gerede gekommen. Es braucht endlich einen unabhängigen Direktor mit Gespür für zeitgenössische Kunst.

Von Niklas Maak
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Von weitem sieht der Hamburger Bahnhof, in dem sich seit 1996 das staatliche Berliner „Museum für Gegenwart“ befindet, ein wenig wie eine Festung aus - und der erste Eindruck täuscht nicht. In der vergangenen Woche drangen aus dem Inneren des Bollwerks gleich mehrere Mitteilungen, die für erheblichen Aufruhr sorgten und dem Haus den Ruf einer „Trutzburg der Informationsverneblung“ einhandelten.

Zuerst plauderte der neue Kulturstaatsminister Neumann etwas aus, das von den staatlichen Museen offenbar nicht an die große Glocke gehängt werden sollte - daß nämlich soeben für viel Geld ein Hauptwerk von Andy Warhol erworben wurde. Die Freude über die Mitteilung wurde bald von der Tatsache getrübt, daß dieses Hauptwerk sich als der „Big Electric Chair“ entpuppte - ein Werk, das bereits seit Jahren im Hamburger Bahnhof hängt. Das für einen - immer noch nicht offiziell bestätigten - Kaufpreis von mehr als fünf Millionen Euro erworbene Werk ist Bestandteil jener Kollektion, die der Sammler Erich Marx 1996 als Dauerleihgabe nach Berlin gegeben hat.

Schmerzhaft hohe Summe

Beide Seiten profitierten damals von dem Deal. Das Museum wurde eingerichtet, um eine Sammlung nach Berlin zu holen, in der sich einiges befand, was den staatlichen Kunstsammlungen fehlte: Andy Warhol, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Joseph Beuys. Umgekehrt ersparte sich Marx den Bau eines Privatmuseums und konnte seine Schätze an einem international beachteten Ort präsentieren. Warum muß das Museum jetzt eine schmerzhaft hohe Summe aufbringen, um eines jener Werke, um deretwillen man damals einen ganzen Bahnhof umbauen ließ, in Berlin zu halten?

Der Verkauf selbst ist rechtlich einwandfrei. Marx hatte sich ausdrücklich in seinen Vertrag mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schreiben lassen, daß er Werke aus der Schausammlung verkaufen darf. Dennoch wirft der Besitzerwechsel Fragen auf: Mußte der Sammler besänftigt werden, nachdem seine Sammlung für die Ausstellung der Flick-Collection vorübergehend das Feld räumen mußte? Und was darf alles aus der Präsentation des staatlichen Museums veräußert werden?

Vertrauliche Regelung

Gerade weil in der Vergangenheit schon mehrfach Werke der Sammlung Marx aus den Hallen des Hamburger Bahnhofs heraus verkauft worden sind, wäre es dringend notwendig, einen öffentlich einsehbares Verzeichnis vorzulegen, das regelt, wie viele und welche Werke der Sammlung Marx den Hamburger Bahnhof verlassen dürfen. Eine derartige Regelung wurde tatsächlich parallel zu dem Millionenhandel mit Marx getroffen. Allerdings sei sie, sagt der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, gegenüber dieser Zeitung, „Bestandteil eines vertraulichen Vertrags. Sie können davon ausgehen, daß etwa das, was sich aus der Sammlung Marx im Beuys-Flügel und in der Kleihues-Halle befindet, ein Nukleus ist, der Berlin nicht verlassen wird.“

Vertraulich, geheim, „gehen sie mal davon aus, daß“: Solche Diskretion seitens des Direktors ist mindestens nonchalant, wenn man bedenkt, daß hier keine Privatangelegenheit geregelt, sondern mit öffentlichen Mitteln gearbeitet wird. Erich Marx erklärt gegenüber dieser Zeitung, die Kaufsumme, die man ihm für den Warhol zahlte, wandere keineswegs in seine eigene Tasche, sondern werde in eine Stiftung investiert, von deren Kapitalerträgen Gegenwartskunst für den Hamburger Bahnhof gekauft werden soll. Seine Sammlung solle auch in ferner Zukunft bestehen und durch neue Zukäufe lebendig bleiben können; da es ihm seine private Finanzsituation nicht erlaube, einen zusätzlichen Sammeletat zu stiften, habe er sich für den Verkauf des Warhols entschieden.

Chancen verschlafen

Nun ist die Meldung, daß neue Kunst für den Hamburger Bahnhof angekauft werden soll, erst einmal eine gute Nachricht - denn was im sogenannten „Museum für Gegenwart“ von der unmittelbaren künstlerischen Gegenwart dort bisher zu sehen war, ist eher bescheiden. Man hätte, auf der Sammlung Marx aufbauend, von Anfang an ein Feuerwerk an Ausstellungen des aktuellen Kunstgeschehen bieten und zeigen können, was in den Ateliers der für ihre Kunstszene so gerühmten Stadt Berlin passiert. Statt dessen verschlief die Museumsdirektion mit traumwandlerischer Sicherheit zahllose Chancen, die sich für Ankäufe und Ausstellungen boten.

In Rufweite des Chefzimmers von Schuster residieren seit Jahren die Künstler Tacita Dean, Thomas Demand und Olafur Eliasson. Mehr als zwei Millionen Besucher schauten sich in der Londoner Tate Modern das „Weather Project“ von Eliasson an. Der wollte lange davor im Hamburger Bahnhof eine ähnliche Schau zeigen, aber das Projekt verlief sich, wie so vieles, im Sande. Die im Hamburger Bahnhof tätige Kuratorin Britta Schmitz wollte bereits 2001 den südafrikanischen Künstler William Kentridge ausstellen, der bei der Biennale 2005 in Venedig seinen großen Durchbruch feierte. Düsseldorf hatte ihn schon vorher gezeigt. In Berlin wird Kentridge nun erst im kommenden Jahr mit einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof geehrt; auch hier hätte das Haus Vorreiter sein können.

„Durchlauferhitzer für den Kunstmarkt“?

Das zentrale Kentridge-Werk, das 2007 gezeigt wird, wurde für die Sammlung Marx von dem Berliner Kunsthändler Heiner Bastian angekauft. Er hat die Sammlung Marx in mehr als drei Jahrzehnten aufgebaut und berät den Sammler maßgeblich bei Neuerwerbungen für die im Hamburger Bahnhof gezeigte Sammlung. Durch seinen kunsthändlerischen Aktivismus - der immerhin überhaupt kontinuierlich Gegenwartskunst ins Haus brachte - handelte er sich jedoch bald den Vorwurf ein, er habe unter den duldsamen Augen Schusters den Hamburger Bahnhof zu einer staatlich subventionierten Privatgalerie umfunktioniert. Tatsächlich werden Werke aus Bastians Privatsammlung im Hamburger Bahnhof gezeigt - Damien Hirsts „Void“ etwa und mehrere Werke von Beuys; Bastian weist jedoch Vorwürfe, er und Marx hätten das Museum als „Durchlauferhitzer für den Kunsthandel“ mißbraucht, um dort gezeigte Werke zu höheren Preisen auf den Markt zu bringen, als „absurd“ zurück.

Nie seien, so Bastian, Werke seiner Sammlung aus dem Bahnhof heraus verkauft worden. Aus der Sammlung Marx seien „fünf oder sechs“ Warhol-Werke veräußert worden, wobei Marx den Erlös jeweils in neue Kunst für die im Hamburger Bahnhof gezeigte Sammlung investiert habe, unter anderem in einen Lichtenstein, „dessen Preis allein drei Warhols aufgefressen hat“. Außerdem nobilitiere nicht das Museum Warhol - „jeder Warhol nobilitiert ein Museum, und den Hamburger Bahnhof allemal“. Dennoch wurde Warhols zuvor dort gezeigtes Werk „Where Is Your Rupture“, das 2004 bei Sotheby's zur Auktion stand, nicht nur mit „Provenienz Sammlung Marx“, sondern mit dem Zusatz „Staatliche Museen Berlin, Nationalgalerie“ feilgeboten. Aber wurden nicht auch Werke jüngerer Künstler in den Bahnhof hinein- und dann wieder herausverkauft? „Nein“, sagt Bastian, die Werke seien alle noch da, „sie werden nur nicht gezeigt“.

Ein gefragter Künstler

Zu den jungen Künstlern, deren Werke Bastian zuletzt für seinen Auftraggeber Marx kaufte und im Hamburger Bahnhof präsentierte, gehört auch Ian Monroe. Dessen Berliner Galeristen sind, wie es der Zufall will, Harriet Häußler und Aeneas Bastian - der Sohn von Heiner Bastian. Für diesen ist auch das kein Problem; von Vetternwirtschaft könne nicht die Rede sein, Monroe sei ein gefragter Künstler, für den lange Wartelisten existierten, die Sammlung Marx kaufe qualitätvolle Kunst, egal, in welcher Galerie sie zu finden sei.

Bald sickerte das nächste Gerücht aus den Hallen des Hamburger Bahnhofs: Die Daimler-Chrysler-Tochter Debis habe 1999 eine Million Mark für Ankäufe moderner Kunst an den Hamburger Bahnhof spenden wollen, das Geld sei auch überwiesen worden, aber seither woanders „verschwunden“. Schuster bestreitet diese Behauptung energisch. Es habe sich nur um eine Absicht von Debis gehandelt; zudem hätten einige Beteiligte damals ein Kontrollgremium etablieren wollen, „das für den Hamburger Bahnhof nicht erstrebenswert gewesen wäre“; die Förderung der Museumsinsel sei wiederum eine ganz andere Sache.

Mysteriöses Gremium

Das sehen andere Beteiligte ein wenig anders. Der ehemalige Debis-Mitarbeiter Rainer Knubben erklärte gegenüber dieser Zeitung, tatsächlich habe man damals eine derartige Spende an den Hamburger Bahnhof erwogen; schließlich, nach Gesprächen mit Peter-Klaus Schuster, habe sich der Vorstand aber entschieden, das Geld lieber in die Neuordnung der Museumsinsel zu investieren - ein monumentales Lieblingsprojekt von Schuster. Doch wer verbirgt sich hinter dem mysteriösen Gremium, das laut Schuster „nicht erstrebenswert“ war? Laut Marx, der den Kontakt zur Debis vermittelt hatte, waren die Gespräche so weit gediehen, daß bereits ein internationales Expertengremium, das über Ankäufe entscheiden sollte, berufen war - in dem der damalige Direktor der Abteilung Malerei und Skulptur des New Yorker MoMA, Kirk Varnedoe, und der Theoretiker Vittorio M. Lampugnani sitzen sollten.

Wäre es dazu gekommen, hätte sich eine für Schusters Machtposition unangenehme Gegenkompetenz in Sachen zeitgenössischer Kunst entwickeln können. Es ist bekannt, daß der 2003 jung verstorbene Varnedoe ein Kritiker der Schusterschen Vorliebe für das Sammeln von Sammlungen war; besonders von der für teures Geld erworbenen Sammlung Marzona hielt er nichts.

Gründlich verdrehter Zauberwürfel

Immerhin haben die Freunde der Nationalgalerie auf die Mißstände großzügig reagiert und aus den Überschüssen der MoMA-Ausstellung einen Etat von jährlich 350.000 Euro für Ankäufe von neuester Kunst eingerichtet. Dazu kommen jetzt die Neuzugänge der Sammlung Marx, die auch aus dem Warhol-Millionendeal finanziert werden. Würde man nun ein Museum des zwanzigsten Jahrhunderts einrichten, erklärt Schuster seinen Kritikern, dann wäre im Hamburger Bahnhof mehr Spielraum für eine lebendige Präsentation neuester Gegenwartskunst. Er glaube aber „entschieden nicht, daß die Sammler das Problem“ seien.

Man kann es dem Generaldirektor der Staatlichen Berliner Museen, der zur Zeit vor der überreichen, aber unter argem Platz- und Geldmangel leidenden Berliner Museumslandschaft sitzt wie vor einem gründlich verdrehten Zauberwürfel, nicht verdenken, daß er sich nicht allzu intensiv mit Gegenwartskunst beschäftigt. Doch damit der Hamburger Bahnhof das wird, was er immer sein sollte, das Fenster zur Kunst der Gegenwart, braucht er endlich einen unabhängigen Direktor, der sich ausschließlich der zeitgenössischen Kunst widmet - und Kuratoren, die nicht als Leibeigene der Privatsammlungen abgeordnet werden.

Als wir mit Peter-Klaus Schuster telefonierten, fragten wir ihn, welchen jüngeren, weniger bekannten Gegenwartskünstlern er in seinem „Museum der Gegenwart“ gern einmal eine Ausstellung widmen würde. Schuster erbat sich Bedenkzeit und nannte einen Tag später Anri Sala. Spontan waren ihm nur drei Namen eingefallen: „Thomas Demand. Olafur Eliasson. Tacita Dean.“ Schöne Idee - aber zu spät, General, zehn Jahre zu spät!

Quelle: F.A.Z., 27.04.2006, Nr. 98 / Seite 35
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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