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Kulturpolitik Was hinter dem Krach in der Preußen-Stiftung steckt

27.03.2007 ·  Der Streit im Hamburger Bahnhof ist nur das erste Vorbeben immenser Umwälzungen in der Berliner Kunstwelt: Im kommenden Jahr sind zwei der höchsten Feldherrnhügel neu zu besetzen, die es in der deutschen Kulturlandschaft zu erklimmen gibt.

Von Heinrich Wefing
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Der dröhnende Auszug von Heiner Bastian aus dem Hamburger Bahnhof ist nur das erste Vorbeben immenser Umwälzungen in der Berliner Kunstwelt. Bastians wüste Attacke, drei weitere Jahre mit Generaldirektor Peter-Klaus Schuster drohten zur „Katastrophe“ für die Berliner Museen zu werden, zeigt, worum es geht: um Posten und also um Macht.

Im kommenden Jahr enden wenige Monate nacheinander die Amtszeiten der beiden wichtigsten Museumsgranden der Hauptstadt. Im Februar 2008 feiert der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, seinen achtundsechzigsten Geburtstag und muss dann seinen Stuhl an der Spitze des größten Sammlungskomplexes der Republik räumen. Ein gutes halbes Jahr später, im Oktober 2008, wird Schuster, Lehmanns wichtigster Mitarbeiter und Herr über siebzehn Museen, fünfundsechzig Jahre und erreicht damit die Altersgrenze für Beamte. Fast auf einen Schlag sind dann zwei der höchsten Feldherrnhügel neu zu besetzen, die es in der deutschen Kulturlandschaft zu erklimmen gibt.

Wer sie erobert, ist weit mehr als eine Personalfrage. Es ist eine Entscheidung von eminenter kulturpolitischer Bedeutung. Denn Präsident und General regieren gemeinsam, in subtiler Hierarchie, nicht nur über die Berliner Museen, über Bibliotheken und Archive, sie müssen auch gewaltige Bauvorhaben dirigieren, und sie sind - vom Schlossplatz über die Digitalisierungsproblematik bis zum Beutekunststreit - unweigerlich an zentraler Stelle in die wichtigsten kulturellen Debatten der Nation verwickelt.

Schon werden Namen gewispert, Gerüchte gestreut

Nachfolger für Lehmann und Schuster zu finden ist Sache von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Es ist die folgenreichste und wohl auch die verzwickteste Aufgabe seiner Amtszeit. Bund und Länder, die die Stiftung gemeinsam tragen, sind daran beteiligt, politische Rücksichtnahmen in der großen Koalition sind zu üben, Strukturfragen innerhalb der Stiftung zu bedenken: Soll es überhaupt wieder einen Generaldirektor geben? Oder ließe sich dieser Posten einsparen, was die einzelnen Museumsdirektoren stärken würde - und den neuen Präsidenten gleich mit? Fest steht einstweilen nur, dass zunächst Lehmanns Nachfolge geregelt werden soll; dann könnte ein frischgewählter Präsident an allen weiteren Entscheidungen beteiligt werden. Etwa an der, ob Schusters Amtszeit verlängert wird, was ausnahmsweise möglich wäre, oder ob beispielsweise Max Hollein berufen wird, der Chef des Frankfurter Städel und der Kunsthalle Schirn, dem manche eher zutrauen, die Berliner Museen fürs Zeitgenössische zu öffnen.

Auch in der Präsidentenfrage werden schon Namen gewispert, Gerüchte gestreut, bringen sich Bewerber in Stellung. Denn Neumann verfolgt einen ehrgeizigen Zeitplan. Möglichst zur nächsten Sitzung des Stiftungsrats der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Juni will er einen Präsidentschaftskandidaten präsentieren. Eine Findungskommission ist benannt und wird im April zum ersten Mal tagen. Derzeit zirkuliert in den Ländern ein Brief aus dem Bundeskanzleramt, in dem um Vorschläge gebeten wird. Bislang ohne Erfolg. Noch wagt aus taktischen Gründen keine Staatskanzlei eine Nominierung, haben doch die letzten, dramatischen Besetzungsschlachten gezeigt, dass schnell verbrannt ist, wer sich zu früh aus der Deckung wagt.

Oder ein Interregnum Christoph Stölzls?

Auch wenn man sich bei möglichen Kandidaten umhört, gibt es allseits nur verschlungene Äußerungen oder höchste Diskretion, als gehe es um die Weitergabe nordkoreanischer Atomwaffencodes. Mit zu den ersten, die stets genannt werden, gehört der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth. An ihn zu denken liegt nahe, leitet er heute doch bereits den zweitgrößten deutschen Museumskomplex. Zudem gilt er als bestens vernetzt, besitzt Bauerfahrung und ist nicht eben öffentlichkeitsscheu; allerdings sei Roths Verhältnis zum sächsischen Ministerpräsidenten Milbradt angespannt, heißt es, was nicht unbedingt karrierefördernd sein dürfte. Auch Christoph Stölzl, ehemals Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums und als Favorit von Helmut Kohl vor zehn Jahren bereits Kandidat für das Präsidentenamt in der Preußenstiftung, wird nun wieder ins Gespräch gebracht. Als brillanter Museumsmann und leidenschaftlicher Kulturpolitiker bekannt, wäre er allerdings bei Amtsantritt bereits vierundsechzig Jahre alt, stünde also allenfalls für ein Interregnum zur Verfügung.

Einen Generationenwechsel hingegen würde die Berufung des 1959 geborenen Archäologen Hermann Parzinger bedeuten, seit 2003 Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, dem nachgesagt wird, er genieße die Sympathien von Lehmann und werde von diesem gefördert. Noch jünger ist Hartmut Dorgerloh, als Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, gewissermaßen der kleinen märkischen Schwester der mächtigen Preußen-Stiftung, ein naheliegender Kandidat, dem allerdings bestenfalls Außenseiterchancen eingeräumt werden. Bessere Aussichten könnte da schon Isabel Pfeiffer-Poensgen haben, nicht nur, weil sie die erste Frau an der Spitze der Stiftung wäre. Die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder hat sich im heiklen Geschäft der föderalen Kunstförderung rasch einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet, pflegt offenbar gute Kontakte nach Nordrhein-Westfalen, dessen Stimme in der Stiftung Preußen historisch und politisch Gewicht hat, und bewegt sich gewandt im Berliner Getümmel.

Alle beteuern, sie hätten doch eine wunderschöne Aufgabe

Ob freilich überhaupt ein Kulturmanager gesucht wird oder ob zum Präsidenten nicht vielmehr ein Politiker mit Neigung zur Kultur gekürt wird, wie in der Vergangenheit schon geschehen - das ist eine der entscheidenden Fragen des Berufungsverfahrens. Noch gibt es darüber allenfalls Spekulationen; dem parteipolitisch gewieften Kulturstaatsminister dürfte aber eine solche Überlegung womöglich nicht fremd sein. Erweitert man derart das Spektrum, fallen plötzlich ganz andere Namen. Die Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck, selbst Kunsthistorikerin und ehedem Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, stünde dann mit auf der Liste, ebenso der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, der NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff und vielleicht auch André Schmitz, in Berlin für die Kultur zuständiger Staatssekretär, der allerdings SPD-Mitglied ist - und selbst in der Präsidenten-Findungskommission sitzt.

Wen man auch fragt: Alle, ob Kulturmanager oder Politiker, beteuern wortreich, sie hätten doch eine wunderschöne Aufgabe. Aber irgendwer wird eine noch schönere bekommen.

Quelle: F.A.Z., 28.03.2007, Nr. 74 / Seite 35
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