27.09.2005 · Der Tübinger Theologe Hans Küng ist nicht Galilei, und ein rotes Tuch ist er nur noch für einige Traditionalisten. Und doch ist das Treffen des Papstes mit dem Kirchenkritiker ein historisches Ereignis.
Von Christian GeyerBesser spät als nie, sagten sich die Wohlwollenden, als Galilei Galileo vor ein paar Jahren von der katholischen Kirche rehabilitiert wurde. Diese Rehabilitierung lenkte das Augenmerk vor allem darauf, daß sie so lange nicht erfolgt war.
Der Fall Galilei zeigte, als er schließlich gelöst wurde, in erster Linie dies: wie lange so ein Fall ungelöst vor sich hin treiben kann, ohne daß die kognitiven Dissonanzen, wie das die Psychologen nennen, weiter ins Gewicht fallen. Der sprichwörtliche weite Magen der katholischen Kirche scheint unverdaute Nahrungsbrocken auch über Jahrhunderte speichern zu können, die fallweise erschlaffende Magenmuskulatur erlaubt, so sprach es aus dem Fall Galilei, eine beträchtliche Dehnung des Organs. Doch zu einem funktionellen Darmverschluß ist es bislang nicht gekommen: Wenn keiner mehr daran denkt, strafft sich der Magen wieder und zerkleinert die Brocken so, daß sie für den Gesamtorganismus genießbar werden.
Wasserdichte Rehabilitierung?
Nun ist ganz sicher richtig: Der Tübinger Theologe Hans Küng ist nicht Galilei, an dem von seiner Stiftung geförderten Weltethos mögen sich vielleicht die Geister scheiden, aber doch wohl nicht gleich die Weltbilder, und die Tatsache, daß der Papst den von seinem Vorgänger gemaßregelten Theologen jetzt auf Küngs Wunsch hin in Castel Gandolfo empfing, sehr freundlich ein paar Stunden mit ihm sprach und anschließend zu Abend aß, ist nicht gerade die gebotene strenge Form, in der man sich eine kirchenrechtlich wasserdichte Rehabilitierung vorstellt. Hinzu kommt das, was man den evolutionären Nachteil des Stichwortgebers nennen könnte.
Küng, diese Symbolfigur dessen, was man in den homogenen Weltanschauungsmilieus einmal kritischen Katholizismus nannte, wird heute nur noch in den diversen traditionalistischen Gruppierungen als ein rotes Tuch wahrgenommen. Das Gros der Katholiken denkt bei den strittigen konfessionellen Stichworten weitgehend wie er, dem der Vatikan 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzog. Küngs Bestseller von damals, „Christ sein“ etwa oder „Unfehlbar?“, mobilisieren im Jahre 2005 keine Kulturkämpfe mehr. Man faßt hier das Phänomen, daß Symbolfiguren dazu tendieren, sich mit der Zeit selbst überflüssig zu machen. Ein bißchen ergeht es Küng wie den Grünen nach Fischer in Zeiten, da jedes Automobilkonzern über eine hauseigene Umweltabteilung verfügt und die Bewahrung der Schöpfung von Stoiber bis Gysi propagiert wird. Am Ende hat sich die einstige Symbolpartei selbst eingeklammert.
Kein Disput über Lehrfragen
Dieser Strategie der Einklammerung folgt jetzt auch die informelle Rehabilitierung Küngs durch seinen einstigen Tübinger Professorenkollegen Ratzinger. Denn eine Form der Rehabilitierung möchte man es schon nennen, wenn Hans Küng, nachdem er jahrzehntelang vergeblich um eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. bat, nun von Benedikt XVI. in „freundschaftlicher Atmosphäre“ zum Dialog empfangen wird. Freilich lagen die Grenzen des Dialogs bereits fest, bevor er aufgenommen wurde. Papst Benedikt und Küng seien sich einig gewesen, heißt es in einer Erklärung des Vatikans, „daß es nicht sinnvoll sei, im Rahmen dieser Begegnung in einen Disput über Lehrfragen einzutreten“. Mit anderen Worten: Der Papst nimmt kein Verdikt zurück, Küng widerruft nichts, alles Strittige von damals wird vielmehr eingeklammert, man läßt es auf sich beruhen, wie auch das Kirchenvolk seinen Küng längst auf sich beruhen gelassen hat. Vor allen Sachfragen ein Magenbitter auf die Freundschaft!
Tatsächlich ist das Treffen des Papstes mit Küng ein historisches Ereignis, was immer daraus noch folgen wird. Revolutionen sind in der Kirche stets auf leisen Sohlen gekommen. Die stillschweigende Einklammerung, nicht der laute Widerruf ist die Art und Weise, wie dieses Traditionsunternehmen seine Tradition selektiert. In diesem Sinne könnte man aus der vatikanischen Erklärung noch eine weitere Botschaft heraushören.
Die vielen Gesichter der Vernunft
Der Papst habe, so heißt es, das Bemühen Küngs gewürdigt, „im Dialog der Religionen wie in der Begegnung mit der säkularen Vernunft zu einer erneuerten Anerkennung der wesentlichen moralischen Werte der Menschheit beizutragen“. Der Akzent liegt hier nicht länger darauf, daß erst der Glaube die Vernunft zu sich selbst bringt - sondern die Vernunft trägt viele Gesichter: Auch eine säkulare Vernunft ist für die kirchliche Orthodoxie „vernünftig“. Das Faktum des Pluralismus wird nicht nur wissenssoziologisch anerkannt, sondern mit ihm kann offenbar auch theologisch argumentiert werden. Wenn es aber nicht mehr den einen Höchstbegriff von „Vernunft“ gibt, dann kann es auch einen solchen von „Natur“ nicht geben, einem weiteren Klassiker katholischer Argumentationsfiguren.
Die Einklammerung des Naturbegriffs liegt jedenfalls ganz auf der Linie dessen, was Kardinal Ratzinger schon bei seiner Begegnung mit Jürgen Habermas sagte: Das Naturrecht sei als Argumentationsfigur „leider stumpf geworden, und ich möchte mich daher in diesem Gespräch nicht darauf stützen. Die Idee des Naturrechts setzte einen Begriff von Natur voraus, in dem Natur und Vernunft ineinander greifen, die Natur selbst vernünftig ist. Diese Sicht von Natur ist mit dem Sieg der Evolutionstheorie zu Bruch gegangen.“ Nun ist die Evolution des Wissens auch in Castel Gandolfo angekommen und hat dort einiges zu Bruch gehen lassen. Ratzinger und Küng sind sich einig: Auf einer Wirklichkeit diesseits der Hermeneutik, einer Wirklichkeit, die mit Ausrufezeichen vom Himmel fällt, ruht heute kein päpstlicher Segen mehr. Der weite Magen der Kirche wird es verdauen.
Intellektuell mindestens ebenbürtig
Herbert Frohnhofen (Theophil23)
- 28.09.2005, 09:04 Uhr