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Kritiker des Islam : Unsere heiligen Krieger

Nicht jedes Argument ist so leicht zu kontern wie Necla Keleks Vermutung, der Dschihad habe tausend Jahre lang gedauert und sei erst 1683, vor Wien, endlich aufgehalten worden, als die kaiserlichen, die polnischen, badischen und bayerischen Truppen die osmanische Armee schlugen und zurückdrängten. Wenn aber die imperialen Kriege der Osmanen heilig waren: Wann ging dann der Dschihad des Westens zu Ende? Mit der fast vollständigen Ausrottung der Ureinwohner Nordamerikas? Oder mit den letzten Zuckungen des Kolonialismus, der sich ja auch dadurch legitimierte, dass er die Bekehrung und Zivilisierung der Heiden als Ziel vorgab?

Ein Rassismus, seiner selbst nicht bewusst

Schwerer wiegt schon die Forderung, der Islam solle sich gefälligst endlich selbst aufklären; solle seinen Anspruch auf die Scharia und das Supremat über den Staat aufgeben und die universalen Menschen- und Freiheitsrechte anerkennen. Das klingt einerseits vernünftig - und übersieht doch, dass die Aufklärung und Säkularisation des christlichen Abendlandes nicht im Vatikan beschlossen und in den Bistümern und Gemeinden exekutiert wurde, sondern dass dieser Prozess fast tausend Jahre dauerte und dass der Weg dahin gesäumt war mit Scheiterhaufen und Bannflüchen, der heiligen Inquisition und Ketzerprozessen, deren Urteile erst im 20. Jahrhundert aufgehoben wurden. Immerhin war dies ein Konflikt mit offenem Ausgang; wer für die Menschenrechte stritt, durfte sich auf der richtigen Seite glauben und auf eine bessere Zukunft hoffen. Der muslimischen Welt dagegen steht heute der aufgeklärte Westen in seiner ganzen Dialektik schon gegenüber - die Segnungen dieser Aufklärung zu genießen ist, nicht zuletzt wegen der unfähigen, korrupten, diktatorischen und ganz und gar unislamischen Regime, so oft völlig unmöglich; die Nachteile kann man aber auch in Ägypten oder Indonesien sehr gut besichtigen. Und wenn schon wir verwöhnten Westler manchmal leiden am Tempo, dem Druck und der Kälte der westlichen Verhältnisse, sollten wir nicht allzu heftig fordern, dass jeder syrische Bauer aber diese Verhältnisse ganz dringend herbeisehnen möchte. Religion sei Opium fürs Volk, schreibt Broder, der auch seinen Marx nicht kennt. Religion ist aber das Opium des Volkes, der Seufzer der bedrängten Kreaturen, von denen es in der muslimischen Welt zu viele gibt, als dass der Hohn Henryk M. Broders sie noch groß kümmern müsste.

Was uns aber kümmern muss, ist, wenn im Namen der universalen Menschenrechte genau diese Rechte zur Folklore des Abendlands gemacht werden sollen - wenn also einer wie Broder das Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ im Umgang mit der muslimischen Welt vorschlägt: Wenn wir Kirchen und Synagogen in Mekka bauen dürfen, lassen wir euch Moscheen in Rom bauen. Wenn unsere Frauen nabelfrei durch Riad bummeln können, lassen wir eure Frauen verschleiert auf die Maximilianstraße. Klingt nur fair, ist aber, erstens, eine Selbsterniedrigung aufs Niveau orientalischer Verhältnisse; zweitens, weil „wir“, nach vollzogener Einbürgerung, eben auch Muslime und Kopftuchträgerinnen sind, ein Rassismus, der sich seiner selbst nur nicht bewusst ist.

Und drittens möchte man da nur noch Voltaire zitieren: Ich mag Ihr Kopftuch nicht. Aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sich kleiden dürfen, wie Sie wollen.

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