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Veröffentlicht: 21.09.2016, 14:36 Uhr

Kritik an Bosch-Stiftung Ade, Chamisso-Preis?

Die Bosch-Stiftung möchte den Chamisso-Preis für Literatur 2017 zum letzten Mal vergeben: Der Preis habe bereits „seine ursprüngliche Zielsetzung vollständig erfüllt“. Frühere Preisträger sehen das anders.

von Ilija Trojanow und José F. A. Oliver
© obs/Robert Bosch Stiftung GmbH/Kai Nedde Uljana Wolf, Preisträgerin des Adelbert-von-Chamisso Preises 2016.

Seit 1985 gibt es hierzulande eine Literaturauszeichnung, die weltweit ihresgleichen sucht: den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Gegründet, als Deutschland noch steif darauf beharrte, kein Einwanderungsland zu sein, hat er die Wendungen der Zeitgeschichte begleitet, bis in die Gegenwart, in der Deutschland sich als führendes Einwanderungsland etabliert. Der Preis bedachte Schreibende, die sich die deutsche Sprache angeeignet haben oder zwischen die kulturellen Stühle fielen (dafür aber erstaunlich aufrecht standen). Die vermeintlich dysfunktionale Multikulturalität wurde gewürdigt, prämiert, gefeiert.

So erfolgte entlang der Werke der 75 bisherigen Preisträger eine Reise durch die Vielfalt unserer Gesellschaft, von den Gastarbeitern der ersten Generation, ihren Kindern und Kindeskindern, über die Exilanten des Ostblocks, den Spätaussiedlern, den zum Studium Hergekommenen und Dagebliebenen bis zu den aus Afrika und dem arabischen Raum Geflüchteten. Der Preis, so nahmen viele Menschen an, sollte eine Mehrstimmigkeit abbilden, die diesem aus den Ruinen der Selbstbespiegelung und Fremdverachtung auferstandenem Land gut zu Zunge stand.

Phänomen der Mehrsprachigkeit

Nun verkündet aber die Robert Bosch Stiftung, Trägerin des Preises von Beginn an, die Auszeichnung 2017 zum letzten Mal vergeben zu wollen. In einem Schreiben an die Preisträger wird die Entscheidung damit begründet, der Preis habe „seine ursprüngliche Zielsetzung vollständig erfüllt: Autoren mit Migrationsgeschichte haben heute grundsätzlich die Möglichkeit, jeden in Deutschland existierenden Literaturpreis zu gewinnen“. Da bleibt einem die Spucke weg. Weil der Literaturbetrieb anfängliche Ressentiments gegen eingewanderte Autorinnen und Autoren abgelegt hat, soll dieses Phänomen nicht mehr beleuchtet werden? Mit anderen Worten: Das Bestreben der Bosch-Stiftung war offenbar von vornherein eher ein diakonisches, die Migrationsliteratur ein Mündel, das es aufzupäppeln galt, und nun, da es wohlgenährt scheint und zu jedem Bankett eingeladen wird, kann es verabschiedet werden. Diese Haltung ist eine paternalistische, also genau das, was Migranten und Geflüchtete auf den Tod nicht ausstehen können.

Gelegentlich geäußerte Kritik, der Preis gettoisiere eine bestimmte Literatur, greift nicht – es gibt unzählige Literaturpreise, die sich eines Ausschnitts der gesamten Produktion annehmen, die nach bestimmten außerliterarischen Kriterien begrenzen. Zudem hat sich der Preis in letzter Zeit auch dem literarischen Phänomen der Mehrsprachigkeit, unabhängig von der Herkunft der Autoren, geöffnet und insofern zum Ausdruck gebracht, dass zwischen Migration und dynamischer kultureller Identität fließende Übergange bestehen.

Der Pater-Familias-Ton

Gewiss, die Welt geht nicht unter, wenn ein Literaturpreis eingestellt wird. Aber der Zeitpunkt ist schlecht gewählt. Die mehr als eine Million Geflüchteten, die nach Deutschland eingewandert sind, werden eine eigene Literatur erzeugen. Das ist in Ansätzen schon geschehen. Der Kulturvermittler Roberto di Bella organisiert in Köln etwa ein Autorencafé mit dem schönen Titel „fremdwOrte“, in dem sich Dutzende Geflüchteter ins Schreiben hineintasten können, ein geschützter Ort für jenen Prozess, der aus Traumatisierung Zeugnis werden lässt. Es kommen Geschichten und Erfahrungen, Sprechweisen und Schreibformen ins Land, die ungehört, ja unerhört sind. Diese Entwicklung mit Hilfe des Chamisso-Preises, der auch Förderpreise umfasste, zu begleiten, hätte der Bosch-Stiftung sehr gut angestanden.

Was treibt also eine extrem angesehene (und wohlhabende) Stiftung dazu, ein derart negativ verwirrendes Signal zu setzen in Zeiten der Erhitzung und Verhärtung? Der Brief bleibt die Antwort schuldig. Die „Schreibwerkstätten der Autoren an Schulen werden wir weiterführen und ausbauen“, weil die Preisträger in der Vergangenheit „bei der Arbeit mit Schülern wertvolle Impulse“ gegeben hätten. Da ist er wieder, dieser Pater-Familias-Ton. Welcher Autor möchte reduziert werden auf eine bildungspolitisch nützliche Rolle?

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Noch ist Chamisso nicht gänzlich verloren, denn der Preis ist nicht das Kind der Stiftung (was der Brief verschweigt), sondern des herausragenden Romanisten Harald Weinrich. Er könnte, zusammen mit anderen Trägern, etwa der Universität München, die seit Jahren der Chamisso-Literatur einen Schwerpunkt widmet, und anderen Geldgebern fortgeführt werden. Die Fragen der mehrkulturellen Pluralität, die Konflikte zwischen Essentialismus und Kosmopolitismus, sind keineswegs ausgestanden, im Gegenteil. Es ist unangebracht, sich aus der Arena zurückzuziehen, nur weil der eine oder andere unter den Geförderten einen Wanderpokal errungen hat. Es wäre ja bis 2018 noch Zeit, umzudenken.

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