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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Krisentheorie Der Garten Eden ist nicht genug

 ·  Der Ökonom Hyman Minsky hat den Plan geschrieben für das, was die Krise auslöste. Wir vergessen Risiken, wenn lange nichts schiefgegangen ist - und fallen dann tiefer. Dabei ist der Zusammenbruch Teil des Systems.

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Die Schlange gehört zum Paradies dazu: Weil Hyman Minsky das sinngemäß beständig behauptete und gegen alle Widerstände verteidigte, ist der 1996 verstorbene Finanzmarktforscher zurzeit gefragt. Er ist der Ökonom, in dessen Büchern und Aufsätzen Angehörige seiner Zunft, aber auch Politiker und Politikberater stöbern - auf der Suche nach einer Lösung dieser so elementar erschütternden Krise. Er ist der Ökonom, der den intelligentesten Plan unter allen verfügbaren vorgelegt hat für das, was sich im Moment an den Kapitalmärkten abspielt oder eben nicht. Die Krise verliert deshalb nichts vom Weltbildzerstörungspotential, das ihr innewohnt - aber sie wird begreifbar.

Weil Minskys Theorie einen Sinnzusammenhang herstellt zwischen „Subprime Mortgages“, „Credit Default Swaps“, „Collateralized Debt Obligations“, Wall Street, Bayern LB, Opel, Island, Irland und Osteuropa. „Bis bessere Ideen auftauchen, sollten wir seine Hypothese als Arbeitsgrundlage dafür nehmen, wie das System funktioniert“, fordert deshalb beispielsweise George Cooper, ein Hedge-Fonds-Manager, der mit dem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „The Origin of Financial Crisis“ eine der jüngsten Minsky-Rezeptionen geschrieben hat.

Hyman Minsky, Jahrgang 1919, hat mit seiner Theorie die Arbeiten des britischen Ökonomen John Maynard Keynes fortgeschrieben. Dabei interessierte er sich vor allem für die Interaktion zwischen dem Finanzsektor und dem „realen“ Teil einer Ökonomie, die Keynes zwar schon analysiert hatte, die hernach aber sogar gestandene „Keynesianer“ immer wieder ignorierten. Minsky hielt diese Verkürzung von Keynes für einen entscheidenden Fehler. In seinem Standardwerk „Stabilizing an Unstable Economy“ aus dem Jahr 1986 warnte er davor, dass gerade in Wirtschaftssystemen mit hochentwickelten Finanzmärkten Krisen von „innen“ heraus entstehen können - und das auch werden, wenn niemand etwas dagegen unternimmt.

Die Krise entspringt unserer Natur

„Instabilität entsteht im System selbst“, postulierte Minsky und fügte hinzu: „Unsere Wirtschaft ist nicht instabil aufgrund von Öl, Kriegen oder monetären Überraschungen, sondern aufgrund ihrer eigenen Natur.“ Das ist der Kern. Dieses letzte, einfach darniedergeschriebene Satzstück: „aufgrund ihrer eigenen Natur“. Damit wird die Krisenanfälligkeit und -möglichkeit zu einer natürlichen Konstante: Die Schlange gehört immer dazu, auch zum Paradies; zu jenem konstruierten konjunkturschwankungsfreien Idealzustand, für den Wirtschaftswissenschaftler einmal das Wort „Vollbeschäftigungsgleichgewicht“ erdacht haben. In diesem paradiesischen Zustand endet die Welterklärung vieler „orthodoxer“ Ökonomen. Weil jeder Arbeitslose, der will, dann eine Stelle gefunden hat. Weil jedes Unternehmen seine Produkte verkaufen kann. Weil die Staatsfinanzen stimmen und Zentralbanken zu Museen geworden sind, da niemand, der in dieser Modellwelt lebt, dann noch versuchen würde, als allmächtiger Lenker die Stabilität zu stören. Genau dann geht Minskys Geschichte los. Denn er war sicher, dass das nicht von selbst so bleibt.

„Ein genauer Blick auf das Vollbeschäftigungsgleichgewicht zeigt, dass auch daran Kräfte rütteln“, schrieb er. Umso länger die letzte Krise zurückliegt, so Minsky, umso zuversichtlicher schauen besonders die Unternehmensführer in die Zukunft. Sie erwarten, dass ihre Gewinne steigen, und investieren beispielsweise in neue Maschinen oder Gebäude. Dadurch steigen die Gewinne tatsächlich, und der Optimismus nimmt weiter zu. Spiegelbildlich dazu sinkt ihre Angst vor Risiken. Das ist nach Ansicht Minskys auch deswegen so, weil die vielen guten Nachrichten in zunehmend weniger hinterfragte Modelle einfließen, die aus einer rosigen Gegenwart eine rosigere Zukunft „berechnen“. Wenn ein Unternehmer in solch einer Zeit einmal mehr Mittel investieren will, als in der eigenen Kasse liegen, ist er darum eher bereit, sich (höher) zu verschulden. Die Banken leihen ihm gern Geld. Denn „sie befinden sich in demselben aufgehellten Erwartungsklima wie die Industrieunternehmen“, erläutert Bernhard Emunds, der mit einer Arbeit über Minsky promovierte und Direktor des Nell-Breuning-Instituts für Wirtschaftsethik in Frankfurt am Main ist.

Ständig steigt die Systemkomplexität - bis zum Crash

In Minskys Theorie sucht auch die Finanzbranche in guten Zeiten verstärkt nach Möglichkeiten, aktiv mehr zu verdienen, und erfindet dafür neue Instrumente. Das ist für sie umso leichter, je weiter entwickelt die Finanzmärkte sind. Die ganze Wirtschaftsgesellschaft steigert sich so allmählich in eine Hochstimmung hinein, in der die vorgehaltenen Sicherheiten aller Beteiligten schrittweise sinken. „Die allseits akzeptierte und erwünschte Verschuldung“, schrieb Minsky, „nimmt als Folge des lang anhaltenden Erfolgs der Ökonomie zu.“

Wie lange die Party dauert, ist ungewiss, mindestens nicht berechenbar. Denn in Minskys Welt entwickeln sich insbesondere Kapitalmärkte als evolutionärer Prozess. Ständig ändern sich die Instrumente, ständig tauchen besser angepasste Produkte auf. Ständig steigen die Gewinne. Ständig steigt die Systemkomplexität. Bis zum Crash. Bis ein Ereignis eintritt, mit dem niemand gerechnet hat. Bis der Truthahn merkt, dass er als Festtagsbraten vorgesehen ist. Oder auch: bis der amerikanische Markt für Wertpapiere, die aus Hypotheken niedriger Qualität gezimmert wurden, zusammenbricht und die Papiere wertlos werden.

Denkt an die schwarzen Schwäne

Als im Sommer 2007 genau das passierte, schlug die Stimmung panisch um. An die Stelle der Euphorie trat blanke Angst. Weil Minsky in seiner Theorie genau solche Schockereignisse vorhersagte, sind sie nach ihm benannt. Der Absturz des amerikanischen Hypothekenmarktes war so ein „Minsky-Moment“. Als sich die Marktteilnehmer und -beobachter dessen sicher waren, kam Minskys Moment. Zwar ist auch er nicht von einer Krise ausgegangen, in der die wichtigsten Wall-Street-Investmentbanken verschwinden. Und in der die Beträge, die nun auf dem Spiel stehen könnten, in nie dagewesenem Ausmaß die Vorstellungskraft übersteigen. Aber wenigstens bringen seine Thesen ein orientierendes Licht in den lehrbuchlosen Nebel.

Bis in die aktuelle Gegenwart hinein ist die Krise dem von Minsky geschriebenen Katastrophendrehbuch gefolgt: Erst stürzten die Wertpapierpreise in einem Segment des Kapitalmarktes ab, dann flächendeckend, dann hat die todkranke Finanzindustrie die übrige Wirtschaft angesteckt. Die meisten Unternehmen produzieren mittlerweile wesentlich weniger Waren, weil ihre gleichfalls verunsicherten Kunden weniger kaufen. Die Arbeitslosigkeit steigt und wird weiter zulegen, auch im Wahlkampfdeutschland. Die Politik, die am Zustandekommen der Krise ebenfalls ihren Anteil hat, reagiert so, wie Minsky es für den Krisenfall vorgeschlagen hat: mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen, die retten sollen, was noch zu retten ist. Und mit neuen Regeln, die dafür sorgen sollen, dass die Finanzmärkte Märkte bleiben. Mehr hat auch Minsky für diese Phase nicht parat - außer vielleicht der Empfehlung, etwas Geduld zu haben, damit sich zeigen kann, ob die Hilfe hilft.

Wie lange die aktuelle Krise dauern wird und was noch passiert, darüber streiten zurzeit die Wirtschaftsforscher. Nur wenige glauben, dass sich noch in diesem Jahr etwas bessert, und nahezu alle verhalten-optimistischen Prognosen werden bloß unter der Annahme gewagt, dass keine wirklich bedeutende Bank mehr pleitegeht. Hyman Minsky selbst ging jedenfalls davon aus, dass es ihn grundsätzlich gibt, den Weg zurück in eine Zeit mit stabilem Wachstum. Sogar wenn dieser Weg „in einer Welt mit komplexen Finanzmärkten“, wie er schrieb, „vielleicht auch durch die Hölle“ führt. Ob und wann dann die nächste Krise kommt, hängt für Minsky entscheidend ab von der Erinnerungsfähigkeit der Marktteilnehmer. Oder um es mit dem Risikoerforscher Nassim Nicholas Taleb zu vergleichen: Nicht nur die Möglichkeit, dass es schwarze Schwäne geben könnte, ist relevant, sondern auch die, dass wir das vielleicht vergessen, wenn wir lange keinen mehr gesehen haben.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Wirtschaft.

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