http://www.faz.net/-gqz-751cw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.12.2012, 13:19 Uhr

Krise in Griechenland Eine Gesellschaft stürzt ins Bodenlose

Georg Pieper machte sich keine Illusion, als er nach Athen fuhr. Aber was der Traumatherapeut dort sah, hat die schlimmsten Befürchtungen übertroffen: Die griechische Gesellschaft explodiert unter dem Druck der Krise.

von
© AFP Ein Land unter Schock: Die Familie Tsouvalakis verlor mit der Stelle des Mannes die Lebensgrundlage

Traumata sind Georg Piepers Geschäft. Wann immer in den vergangenen Jahrzehnten eine Katastrophe über Deutschland hereinbrach, war der Traumatologe zur Stelle, das war 1988 beim Grubenunglück in Borken so, das war so bei dem ICE-Unglück in Eschede und auch beim Erfurter Amoklauf. Nach den Anschlägen in Oslo und Utøya ist Pieper nach Norwegen gereist und hat die Kollegen dort betreut. Georg Pieper weiß, was es heißt, genau hinzuschauen und die Dimension einer Katastrophe zu ermessen.

Melanie Mühl Folgen:

Erst vor wenigen Wochen, im Oktober, verbrachte Pieper einige Tage in Athen, wo er Psychologen, Psychiater und Ärzte in Sachen Traumatherapie fortbildete, unentgeltlich freilich, das Land ist, wie wir alle wissen, in der Krise, weshalb sich Pieper auf einiges gefasst gemacht hatte, als er dorthin aufbrach. Doch die Realität hat seine düsteren Erwartungen übertroffen.

Abwehrmechanismus der Politiker

Für den deutschen Nachrichtenkonsumenten ist die Krise sehr weit weg und nicht mehr als eine ferne Bedrohung irgendwo am Horizont. Sie erschließt sich uns in allererster Linie durch Begriffe wie Rettungsschirm, Schuldenschnitt, Milliardenlöcher, Misswirtschaft, Troika, Hilfspakete, Schuldenrückkauf oder Bankenrettung, ohne dass wir verstehen würden, was all diese Wörter eigentlich bedeuten. Statt die globalen Zusammenhänge zu verstehen, sehen wir Angela Merkel in Berlin, Brüssel oder sonst wo mit ernster Miene aus dunklen Limousinen steigen, auf dem Weg zum nächsten Gipfel, wo Griechenlands und damit Europas Rettung wieder ein Stück weiter vorangebracht werden soll.

Nur die Wahrheit erfahren wir nicht, nicht über Griechenland, nicht über Deutschland, nicht über Europa. Offenbar wagt es niemand, sie uns zu sagen. Pieper nennt das, was da gerade vor unser aller Augen geschieht, eine „gigantische Verdrängungsleistung“. Besonders der Abwehrmechanismus der Politiker funktioniere hervorragend.

Verdoppelte Selbstmordrate

Georg Pieper neigt nicht zum Verdrängen. Griechenland sah im Oktober 2012 für ihn folgendermaßen aus: Hochschwangere Frauen eilen bettelnd von Krankenhaus zu Krankenhaus, doch weil sie weder eine Krankenversicherung noch genügend Geld haben, will niemand ihnen helfen, ihr Kind zur Welt zu bringen. Menschen, die noch vor kurzem zur Mittelschicht zählten, sammeln in einem Athener Vorort Obst- und Gemüsereste von der Straße, Junge, Alte, Kinder, während neben ihnen die Marktstände abgebaut werden. Auf das Essen haben es allerdings auch die Tauben abgesehen.

Ein alter Mann erzählt einem Reporter, dass er sich die Medikamente gegen seine Herzbeschwerden nicht mehr leisten kann. Seine Rente wurde wie die Rente vieler anderer um die Hälfte gekürzt. Mehr als vierzig Jahre hat er gearbeitet, er dachte, er habe alles richtig gemacht, jetzt versteht er die Welt nicht mehr. Wer in ein Krankenhaus geht, muss seine eigene Bettwäsche mitbringen, ebenso sein Essen. Seit das Putzpersonal entlassen wurde, putzen Ärzte, Schwestern und Pfleger, die seit Monaten kein Gehalt mehr bezogen haben, die Toiletten. Es fehlt an Einweghandschuhen und Kathetern. Die Europäische Union warnt angesichts der teilweise verheerenden hygienischen Bedingungen vor der Gefahr einer Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

Ganze Wohnblocks sind mittlerweile aus finanziellen Gründen von der Öllieferung abgeschnitten. Damit die Menschen im Winter nicht frierend in ihren Wohnungen hocken müssen, beheizen sie diese mit kleinen Öfen. Das Holz dafür schlagen sie illegal. Im Frühling dieses Jahres hat sich ein siebenundsiebzigjähriger Mann vor dem Parlament in Athen erschossen. Kurz vor seiner Tat soll er gerufen haben: „So hinterlasse ich meinen Kindern keine Schulden.“ Die Selbstmordrate hat sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt.

Die Depression der Männer

Ein Trauma ist ein Ereignis, das die Erfahrungswelt des Einzelnen bis in seine Grundfesten erschüttert. Das Erlebte ist derart übermächtig, dass es den Betroffenen in einen Strudel absoluter Hilflosigkeit zieht. Nichts ist mehr, wie es einmal war, und nichts wird jemals wieder so sein. Nur ein Zyniker spricht im Hinblick auf Griechenland noch von sozialem Abstieg. Es ist viel mehr als das: Eine Gesellschaft fällt ins Bodenlose. Wir erleben gerade eine kollektive Traumatisierung.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mazedonien Hundert Jahre Kampf um Identität

Mazedonien schlittert in eine Staatskrise. Die Spaltung zieht sich durch Parteien und Familien, die Gründe reichen weit zurück in die Geschichte des zerrissenen Landes, das einmal als Vorreiter galt. Mehr Von Von Reinhard Veser, Skopje

23.05.2016, 15:42 Uhr | Politik
Syrien Raketenangriff auf Krankenhaus in Aleppo

Ungeachtet internationaler Friedensbemühungen eskalieren die Kämpfe in der syrischen Großstadt Aleppo. Dort ist am Dienstag ein Krankenhaus von Raketen getroffen worden. Mindestens 19 Menschen sollen bei dem Vorfall getötet worden sein. Mehr

03.05.2016, 17:54 Uhr | Politik
Hilfskredite IWF drängt Eurozone zu Schuldenerleichterungen für Griechenland

Der IWF pocht weiter auf erhebliche Schuldenerleichterungen für Athen. Die Länder der Eurozone sollen offenbar Hilfskredite bis 2040 zins- und tilgungsfrei stellen. Mehr

17.05.2016, 15:38 Uhr | Wirtschaft
Tag der Arbeit DGB-Chef Hoffmann warnt vor AfD

Unter dem Motto Zeit für mehr Solidarität haben sich am Tag der Arbeit allein bei den bundesweit mehr als 500 DGB-Kundgebungen etwa 400.000 Menschen versammelt. Auf der zentralen Veranstaltung in Stuttgart warnte DGB-Chef Reiner Hoffmann auch vor der rechtspopulistischen AfD. Mehr

02.05.2016, 08:15 Uhr | Politik
Eurogruppe Griechenland bekommt die nächsten 10 Milliarden

Elf Stunden haben die Euro-Finanzminister verhandelt – jetzt ist klar: Griechenland erhält im Gegenzug für sein jüngstes Spar- und Reformpaket die nächsten 10,3 Milliarden Euro aus dem Hilfspaket. Der IWF signalisiert seine Bereitschaft, sich an weiteren Hilfen zu beteiligen. Mehr

25.05.2016, 07:39 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Gott geht offline

Von Michael Hanfeld

„Godspot“ nennt die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz das Projekt: Sie rüstet alle Kirchen mit W-Lan aus. Ob da der göttliche Funke überspringt? Mehr 21 16

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“