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Krise des Bürgertums Klärt uns endlich auf!

 ·  „There is no alternative“ - die politische Losung unserer Zeit kann nur als Fluch ausgestoßen werden. In der Krise fordert Botho Strauß von den politisch Handelnden Vernunft, klare Worte und wahre Aufklärung.

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© Ruth Walz Der bedeutendste Dramatiker der Gegenwart: Botho Strauß

Der Souverän hat einen neuen Widersacher. Diesmal nicht die römische Kirche, nicht den Kommunismus, sondern „die Märkte“. Sie zu beruhigen, unternehmen die Regierungen des Euro-Verbunds ganz altmodische diplomatische Manöver der Täuschung, Verschleierung und Falschaussage - bis hin zum (noch immer uneingestandenen) Bruch vertraglicher Vereinbarungen und institutioneller Regeln. Wie jeder ungreifbare und unangreifbare Feind werden deshalb nun die Märkte dämonisch entrückt. Dabei gilt nach dem Wort Friedrich von Hayeks der Markt eigentlich als ein „Entdeckungsverfahren“, indem er seine Teilnehmer über Vor- und Nachteile ihrer Investitionen orientiert - aber eben auch wie gegenwärtig die desolate Finanzlage von kredithungrigen Staaten bloßstellt, die die nationale Politik mehr oder weniger geschickt zu verbergen sucht.

Diese als schonungslos kapitalistisch empfundene „Aufklärung“ durch die Märkte wird von den Betroffenen meist empört zurückgewiesen - gegenüber den Märkten reagiert jede Regierung spontan um einen Ruck linker, als sie es vielleicht ist, und sucht die sozialen Verpflichtungen, die sie gegenüber der Bevölkerung wahrzunehmen hat, gegen die Zumutungen der schnöden Zinswirtschaft - in Form der anmarschierenden schier endlosen Zahlenkolonnen der Refinanzierung - abzuschirmen.

Das Volk interessiert sich nicht für Ökonomie (Wir benutzen hier - für den Schriftsteller gewöhnlich unerträgliche - begriffliche Großformate: der Staat, die Politik, die Märkte, der Souverän, also auch: das Volk). Geld ist, über die persönlichen Zuflüsse hinaus, kaum der näheren Erkundigung wert.

Bis zur tieferen Unschlüssigkeit vorstoßen

Zwar werden alle unentwegt, unterstützt von grafischen Modellen, über die „Mechanismen“ des Geschehens (was funktioniert eigentlich noch mechanisch im IT-Imperium?) aufgeklärt - aber worüber sind wir nicht schon bis über den Rand unseres Verstands aufgeklärt, ohne dass es uns anhaltend beschäftigte? Wichtiger als aufklären wäre in diesem Fall vielleicht ein instruierendes Werben für die Materie selbst, die heute genau wie zu bürgerlich pietistischen Zeiten als anrüchig gilt, vielleicht nicht mehr aus Gründen asketischer Scham, sondern eher aus saturierter Verachtung. Die kurzfristigen, die Ad-hoc-Erläuterungen komplexer Marktvorgänge in den TV-Nachrichten treffen weitgehend auf ein volkswirtschaftlich unvorbereitetes Publikum.

Gerade angesichts der Krisenkette zur Einleitung des neuen Jahrtausends wäre es ratsam, ein Pflichtfach Ökonomie für höhere Schulklassen einzurichten. Nicht um noch gerissenere Marktteilnehmer zu erziehen, sondern um der gefährlichen Bequemlichkeit sich forterbender antikapitalistischer Affekte, der im Volk wahrscheinlich am weitesten verbreiteten intellektuellen Einschränkung, entgegenzuwirken. Das „Anti“ in Form von streitbaren Antipoden und konkurrierenden Schulen versammelt das marktwirtschaftliche Denken in sich zur Genüge. Es ist jedenfalls anregend und spannend, die verschiedenen Methodenlehren der Nationalökonomie und Geldpolitik zu verfolgen - so weit zu verfolgen, bis man zur tieferen Unschlüssigkeit der gesamten Entwürfe vorstößt und sich der Ablösbarkeit und Widerlegbarkeit so gut wie jeder Schule bewusst wird. Schumpeter, Eucken, Müller-Armack, von Mises, erst recht Keynes und Friedman gehören nicht nur zur Theorie-Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, im Vergleich zu anderen Denkern, Historikern oder Philosophen nahmen nicht wenige auch einen erheblichen Einfluss auf die Politik und das soziale Leben.

Kein Wort, das einen vielleicht aufhorchen ließe

Wenig fruchtbar ist in der Folge allerdings die Aufteilung der gegensätzlichen Schulen auf politische Parteien und Parteiungen. Der Liberale wird immer mit seinem ordnungspolitischen, der Grün-Linke immer mit seinem keynesianischen Derivat handeln (also für mehr Schulden zur Stimulierung des Arbeitsmarkts, des Konsums plädieren). Keiner weicht von seiner Linie ab, bei keinem reißt sie irgendwo oder verbindet sich mit der Gegenlinie. Wir haben es auf diesem Gebiet zu oft mit Ideologen zu tun, die gar nicht mehr merken, dass sie keine Ideologie mehr besitzen, da diese längst in ihre pro- oder antikapitalistischen Affekte diffundierte. Und solche Ablagerungen sind oft störrischer und beständiger als dogmatische Prinzipien. Im Vorschlag, auf dem Wege von Eurobonds die gegenwärtige Schuldenschwemme auf alle siebzehn Euro-Länder zu verteilen und dies als ein Gebot der Solidarität auszugeben, versteckt sich eine Version des alten antinationalen Affekts der Linken und im Kern die sozialistische Aporie: Am Ende sind alle Habenichtse.

Das Volk ist verwöhnt, bequem, leicht reizbar und hypochondrisch. Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhängt, ist das Volk ein Stümper. Die Entscheidungsträger haben sich daran gewöhnt, zu ihm durch Gesetze und Regelwerke zu sprechen. Ein Wort, das vielleicht allgemein aufhorchen ließe, wurde von einem Politiker seit langem nicht vernommen. Die Autorität, die er vielleicht kraft seines Amtes noch besitzt, leidet in der Regel, sobald er den Mund aufmacht. Jedermann ist des Gewäschs überdrüssig. Man will nie wieder etwas von einem Schritt in die richtige Richtung hören. Selbst wenn er getan würde, was offenbar nur selten der Fall ist, bliebe er in solcher Sprache ungetan für den Zuhörer, die Floskel isoliert ihn hermetisch vom Tatbestand. Prägnante, nicht etwa „gewählte“ Sprache vermittelt Autorität. Wer seine Muttersprache beherrscht und nicht auf ihrer glatten Oberfläche dahinschlittert, dem traut man auch zu, das Sagen zu haben.

Am Ende gibt das Schwarmverhalten den Ausschlag - auch in der Politik?

Nun meint man leicht mit Goethe, der Handelnde sei immer gewissenlos, das ist modern: ohne Reflexion. Das mag zutreffen, wenn die geschichtliche Stunde einen Politiker zum Handeln erwählt. Die unzähligen Untätigen der Geschichte aber, die Abend für Abend in den TV-Studios herumlungern und ihre Fertigteil-Sprache absondern, erregen selbst beim breiten und doch feinhörigen Publikum den Verdacht, dass ihre mangelnde sprachliche Ausdruckskraft keinen guten Schluss auf ihre Handlungsstärke zulässt. Nichtbeherrschbarkeit in der Szenerie der Krise lässt sich natürlich nicht auf die rhetorische Schwäche der Verantwortlichen zurückführen, zumal sie womöglich nur teilhat an dem magisch-medialen Machtverlust, den Sprache an sich heute erleidet, im Bereich der Künste nicht anders als bei der öffentlichen Rede. Kommunikation schleift den Stil und gleicht die Zungen einander an.

Die Börse ist seit jeher ein Ort, an dem persönliche Autorität keine Rolle spielt, ausschlaggebend ist am Ende allein das Schwarmverhalten. Soll das in Zukunft auch - mit Rücksicht auf Facebooks Millionenschwärme - für die Politik gelten? Kein rhetorisch begnadeter Politiker, keine noch so unanfechtbare Autorität könnte die Nichtbeherrschbarkeit des derzeitigen Schuldendilemmas mit Worten durchdringen oder gar bannen. Gleichwohl: ein einziges nachdenkliches Wort! Wäre jemand von Amt und Rang dazu imstande - es würde den Handelnden nicht nur Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, sondern das Thema, das Dilemma, die Katastrophe für einen bemerkenswerten Augenblick aus dem Schattenreich medialer Indifferenz herausgeführt haben.

„Tina!“ - die Vorteilsentscheidung bekommt den Anstrich der Unumgänglichkeit

Stattdessen ist im Zusammenhang mit den Finanzstrategien der EZB ein anderes einziges Wort wieder aufgetaucht, das noch aus Maggie Thatchers Zeiten stammt und Regierenden dazu diente, einer zu ihrem Vorteil gefällten Entscheidung den Anstrich der Unumgänglichkeit zu geben: „Tina!“ (There is no alternative!). Da gegenwärtig Not und Notwendigkeit nicht mehr vorgegeben werden müssen und den Handelnden kaum eine Wahl bleibt, kann die Losung eigentlich nur mit knirschenden Zähnen als Fluch ausgestoßen werden. Die Kritiker dieser Losung, die einst die „Alternativen“ hießen, was würden sie heute vorschlagen? Auflösung des gesamten Pakts, nördliche Kernzone für den Euro, staatliche Insolvenzen zulassen, niemals um jeden Preis etwas retten, das so nicht zu retten ist? Die Alternativen von heute sind die Ökonomen, die nicht in politischer Pflicht stehen.

Vom Allgemeinen soll man gemeinverständlich reden. Doch gehört es zu den verderblichen pädagogischen Usancen, das Niveau zu senken, um den Rezipienten dort abzuholen, wo er steht. Er braucht nicht abgeholt zu werden, sondern wird angezogen, nähert sich von selbst, wenn jemand von einer etwa zehn Zentimeter höheren Warte zu ihm redet.

Die Lektion von der Nichtbeherrschbarkeit erteilte als Erste die kernspaltende Reaktortechnik. Der prometheische Karriereknick erfolgte, weil man bei einer hochentwickelten Technologie zuerst den Nutzen abschirmend vor die Gefahr stellte (wie bei Prometheus üblich), dann aber in einem jähen Gefühlsumschwung - der Erkenntnisakt war längst vollzogen - die Priorität umkehrte. Es ist sicher - jedenfalls für deutsche Verhältnisse - ein Novum, mit einer erfolgreichen Industrie radikal zu brechen, ohne die Entwicklung einer kompensierenden Technologie der verstärkten Sicherheit und, im speziellen Fall, der Entschärfung des Endlagerproblems abzuwarten. Stattdessen beginnt man eine Operation mit völlig offenem Ausgang, auch wenn sie vermutlich herausfordernd genug wirkt, um eine Fülle von Initiativen und marktbelebenden Tätigkeiten zu befördern. Eine Operation, die freilich zur Hälfte lediglich aus Überzeugung, Gewissen und Gesinnung besteht.

An Stelle der zwei Seelen ist der eine Hasenfuß getreten

In den Stunden des japanischen SuperGAUs bildeten sich bei uns, fern der Bedrohung, Menschenketten, und auf den Gesichtern schien manchmal unter dem Ernst der Anteilnahme auch das heimliche Frohlocken der Katastrophengewinnler hervor. Deren Interessen wurden bisher nicht mit Profitgier, dafür aber mit dem Eifer eines engstirnigen Sektierertums verfolgt. Die Wolke eines pathetischen „Nie wieder wie zuvor“ senkte sich über die ganze Republik, überwand rasch eine geistige Distanz, die die atomare gottlob nicht zurücklegte.

Hier interessiert nicht der umstrittene Gegenstand „friedliche Nutzung der Kernenergie“ - man würde bei uns auch den Teufel am Werk sehen, wenn statt der Kernspaltung die Kernfusion zur Energiegewinnung eingesetzt würde, obschon sie keine vergleichbaren Gefahren und Belastungen mit sich bringt, das „Atom“ wird niemals entdämonisiert -, hier interessiert lediglich die plötzlich freie Bahn, auf der Gewissen jegliches Wissen überrennen konnte, dabei den sogenannten Druck der Straße aufbauend, dem die Regierung prompter, als es der politische Anstand erlaubt, sich beugte, möglicherweise, um nicht im Handumdrehen zum Volksfeind zu werden wie ein arabischer Autokrat, ganz sicher aber nach kommenden Wahlen schielend - und das verringert das verantwortungsvoll scheinende Handeln gegenüber der Tragweite des Beschlusses auf ein schäbiges Motiv.

Tatsächlich hat die politische Szene mit einem Schlag den Antagonisten verloren. Es gibt keine Parteien mehr, es gibt nur noch Atomaussteiger. Tina! Das „Positive“, derart alleingelassen, wird wohl eine auffällige Spannungs- und Geistesminderung hinnehmen müssen. Es ist ja, als habe der Deutsche seinen Faust, der ohne den Teufel sich nicht erweitern kann, gänzlich in sich ausgelöscht. An Stelle der zwei Seelen ist der eine Hasenfuß getreten.

So viel Neues! Vielleicht ist das Jahr 2011 so etwas wie ein zeitlicher St.-Andreas-Graben, in der die Platte der alten Gewissheiten sich gegen die Platte neuer Ungewissheit mit Getöse verschiebt. Arabischer Tyrannensturz, Erdbeben mit SuperGAU, Schuldenexuberanz, nicht beherrschbare Kommunikationssysteme, die hier eine Volksbefreiung befördern, dort ein Monster hervorbringen, den eiskalten Massenmörder, Ausgeburt der weltweit vernetzten Isolation ... So viel Neues!

Botho Strauß

Botho Strauß

Der 1944 in Naumburg (Saale) geborene Schriftsteller ist der bedeutendste Dramatiker der Gegenwart. Nachdem er als Theaterkritiker begonnen und als Dramaturg an der Berliner Schaubühne Peter Steins sich ausgezeichnet hatte, stellte Botho Strauß in seinen Dramen, großen, dunkel funkelnden Komödien, der deutschen Gesellschaft die Diagnose: Sie vergesse in all ihrer vorgeblichen Aufgeklärtheit ihre dunklen, vorzivilisatorischen, mythischen Seiten. Deren Geister spukten sozusagen unterm bundesrepublikanischen Boulevard - von „Kalldewey Farce“ über den „Park“ bis hin zur „Unerwarteten Rückkehr“. Zuletzt inszenierten Dieter Dorn in München „Leichtes Spiel“ und Matthias Hartmann in Wien „Das blinde Geschehen“ von Strauß. (G.St. )

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