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Veröffentlicht: 09.02.2017, 15:34 Uhr

Krise der Germanistik? Wir Todgeweihten grüßen euch!

Zu viel Geschwurbel, zu wenig Präsenz im öffentlichen Diskurs: Der „Spiegel“ ruft die Krise der Germanistik aus. Und schiebt uns dreien die Schuld zu. Hier bekennen wir, was wir tun. Ein Gastbeitrag.

von Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und Albrecht Koschorke
© dpa Selbst Nihilisten können in der Literaturwissenschaft Halt finden: Edgar Selge in der Bühnenfassung von Michel Houellebecs „Unterwerfung“.

Da finden wir endlich einmal Beachtung, und es geht gründlich schief. Wir Schattengewächse stehen plötzlich im ungewohnt grellen Licht der Öffentlichkeit, mitten im Kulturerbe der „Spiegel“-Bestsellerliste, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Jürgen von der Lippe (Platz 6 Belletristik) und Horst Lichter (Platz 7 Sachbuch: „Keine Zeit für Arschlöcher“). Auf dem Cover des Nachrichtenmagazins prangt Donald Trump, der in IS-Manier die Freiheitsstatue enthauptet hat, und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, ist auch die „Krise der Germanistik“ zurück - in einer scharfen Diagnose (um nicht zu sagen Obduktion) des Germanisten und „Spie-

gel“-Redakteurs Martin Doerry. Und wir halten namentlich als vermeintliche Stichwortgeber her oder auch als Symptome: in den wenig schmeichelhaften Rollen eines Bestattungsunternehmers vom Bodensee, der offenbar rasch den Sargdeckel über dem Patienten zugeknallt sehen will, und zweier Frankfurter Towers von überschaubarer Höhe, denen zur Situation ihres Fachs so visionäre Dinge einfallen wie, dass Studierende verflucht oft auf ihr Handy schauen (in der Tat ein genuin germanistisches Phänomen) und am Beginn ihres Studiums nicht selten verwirrt sind. Was uns wichtiger war, hat in den Artikel keine Aufnahme gefunden.

Doerrys Diagnose

„Krise der Germanistik“ - ein großes Wort (vor allem in der heutigen Zeit). In der Germanistik ist das freilich ein fast schon heimelig wohlvertrauter Begriff, aber nicht „fast so alt wie das Fach selbst“, wie Martin Doerry schreibt. Im Gegenteil, die Germanistik startet im neunzehnten Jahrhundert zu einem großangelegten Unternehmen mit nationalem Auftrag und der Lizenz zum Allgemein-Menschlichen durch, sie wird während des Nationalsozialismus (und schon davor) zu einer aggressiv selbstbewussten völkischen Bewegung, duckt sich nach dem Krieg traumatisiert in werkimmanente Analysen mit meist intakter Beschwörung des Wahren und Guten im Kulturerbe und erlebt eine letzte große Hausse, als die braune Vergangenheit des Fachs aufgearbeitet und das Fach zu einem Ort der Einübung einer kritischen Haltung wird.

Im gleichen Umfeld gehen aber auch schon die Krisen los: Mal firmiert als Grund der Verlust eines Kanons durch eine als unrein empfundene Gegenwartsliteratur (Emil Staiger), mal eine übersteigerte Werkimmanenz, die die großen Fragen nach dem Humanum verstellt, mal eine nachlassende politische Schärfe, mal eine Übertheoretisierung, mal die unüberschaubare Ausdifferenzierung infolge verschiedenster kulturwissenschaftlicher turns samt drohendem Verlust philologischer Grundkompetenzen. Nun also die Diagnose von Doerry: zu viel esoterisches Geschwurbel, zu viele unbedarfte Studierende, daher zu wenig Zeit und zu wenig Präsenz im öffentlichen Diskurs. Und überhaupt haben wir offenbar verlernt, uns in einfachen, klaren Worten an das große Publikum zu wenden, aber das lernen wir ab jetzt von Richard David Precht, versprochen!

Ein gehöriger Spreizschritt

Was klar ist: Wo eine Krise ist, war vorher etwas, das man als intakt oder gar groß begriffen hat. Groß war die Germanistik als Nationalphilologie. Und groß war sie zu einer Zeit, in der die hohe Literatur sich als das wichtigste kulturelle Selbstverständigungsmedium betrachten durfte. Beides geht an der Realität der Gesellschaft und der Lebenswelt der Studierenden vorbei, die mit ganz anderen Medienbiographien in unsere Seminare kommen und mit dem literarischen Kanon, der einmal selbstverständlich gewesen sein mochte, erst vertraut gemacht werden müssen.

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