http://www.faz.net/-gqz-8uodc

Krise der Germanistik? : Wir Todgeweihten grüßen euch!

  • -Aktualisiert am

Selbst Nihilisten können in der Literaturwissenschaft Halt finden: Edgar Selge in der Bühnenfassung von Michel Houellebecs „Unterwerfung“. Bild: dpa

Zu viel Geschwurbel, zu wenig Präsenz im öffentlichen Diskurs: Der „Spiegel“ ruft die Krise der Germanistik aus. Und schiebt uns dreien die Schuld zu. Hier bekennen wir, was wir tun. Ein Gastbeitrag.

          Da finden wir endlich einmal Beachtung, und es geht gründlich schief. Wir Schattengewächse stehen plötzlich im ungewohnt grellen Licht der Öffentlichkeit, mitten im Kulturerbe der „Spiegel“-Bestsellerliste, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Jürgen von der Lippe (Platz 6 Belletristik) und Horst Lichter (Platz 7 Sachbuch: „Keine Zeit für Arschlöcher“). Auf dem Cover des Nachrichtenmagazins prangt Donald Trump, der in IS-Manier die Freiheitsstatue enthauptet hat, und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, ist auch die „Krise der Germanistik“ zurück - in einer scharfen Diagnose (um nicht zu sagen Obduktion) des Germanisten und „Spie-

          gel“-Redakteurs Martin Doerry. Und wir halten namentlich als vermeintliche Stichwortgeber her oder auch als Symptome: in den wenig schmeichelhaften Rollen eines Bestattungsunternehmers vom Bodensee, der offenbar rasch den Sargdeckel über dem Patienten zugeknallt sehen will, und zweier Frankfurter Towers von überschaubarer Höhe, denen zur Situation ihres Fachs so visionäre Dinge einfallen wie, dass Studierende verflucht oft auf ihr Handy schauen (in der Tat ein genuin germanistisches Phänomen) und am Beginn ihres Studiums nicht selten verwirrt sind. Was uns wichtiger war, hat in den Artikel keine Aufnahme gefunden.

          Doerrys Diagnose

          „Krise der Germanistik“ - ein großes Wort (vor allem in der heutigen Zeit). In der Germanistik ist das freilich ein fast schon heimelig wohlvertrauter Begriff, aber nicht „fast so alt wie das Fach selbst“, wie Martin Doerry schreibt. Im Gegenteil, die Germanistik startet im neunzehnten Jahrhundert zu einem großangelegten Unternehmen mit nationalem Auftrag und der Lizenz zum Allgemein-Menschlichen durch, sie wird während des Nationalsozialismus (und schon davor) zu einer aggressiv selbstbewussten völkischen Bewegung, duckt sich nach dem Krieg traumatisiert in werkimmanente Analysen mit meist intakter Beschwörung des Wahren und Guten im Kulturerbe und erlebt eine letzte große Hausse, als die braune Vergangenheit des Fachs aufgearbeitet und das Fach zu einem Ort der Einübung einer kritischen Haltung wird.

          Im gleichen Umfeld gehen aber auch schon die Krisen los: Mal firmiert als Grund der Verlust eines Kanons durch eine als unrein empfundene Gegenwartsliteratur (Emil Staiger), mal eine übersteigerte Werkimmanenz, die die großen Fragen nach dem Humanum verstellt, mal eine nachlassende politische Schärfe, mal eine Übertheoretisierung, mal die unüberschaubare Ausdifferenzierung infolge verschiedenster kulturwissenschaftlicher turns samt drohendem Verlust philologischer Grundkompetenzen. Nun also die Diagnose von Doerry: zu viel esoterisches Geschwurbel, zu viele unbedarfte Studierende, daher zu wenig Zeit und zu wenig Präsenz im öffentlichen Diskurs. Und überhaupt haben wir offenbar verlernt, uns in einfachen, klaren Worten an das große Publikum zu wenden, aber das lernen wir ab jetzt von Richard David Precht, versprochen!

          Ein gehöriger Spreizschritt

          Was klar ist: Wo eine Krise ist, war vorher etwas, das man als intakt oder gar groß begriffen hat. Groß war die Germanistik als Nationalphilologie. Und groß war sie zu einer Zeit, in der die hohe Literatur sich als das wichtigste kulturelle Selbstverständigungsmedium betrachten durfte. Beides geht an der Realität der Gesellschaft und der Lebenswelt der Studierenden vorbei, die mit ganz anderen Medienbiographien in unsere Seminare kommen und mit dem literarischen Kanon, der einmal selbstverständlich gewesen sein mochte, erst vertraut gemacht werden müssen.

          Weitere Themen

          Der Geruch des Todes Video-Seite öffnen

          Kodokuschi in Japan : Der Geruch des Todes

          Kodokuschi - so nennen es die Japaner, wenn jemand alleine stirbt. Und das passiert häufiger, als man denkt. Der Grund dafür sei in Japans kulturellem und wirtschaftlichen Wandel zu finden.

          Gibt es dieses Jahr weiße Weihnachten? Video-Seite öffnen

          „Let it Snow“ : Gibt es dieses Jahr weiße Weihnachten?

          Für die meisten gehört Schnee zu Weihnachten wie Geschenke oder der geschmückte Christbaum. Doch so richtig oft kommen wir nicht in den Genuss der Weißen Weihnacht. Wie die Chancen in diesem Jahr stehen, verrät uns Diplom-Meteorologe Dominik Jung.

          Topmeldungen

          Robert Mueller in Bedrängnis : Gibt es bald einen zweiten Sonderermittler?

          Erst war es eine obskure Idee einiger rechter Trump-Anhänger, aber jetzt rufen immer mehr Republikaner nach einem zweiten Sonderermittler. Der soll auch gegen Hillary Clinton ermitteln – deren vermeintliche Vergehen lassen Trump und seine Leute nicht los.
          Hoffnungsträger der Wirtschaft: Südafrikas Vizepräsident Cyril Ramaphosa

          ANC-Parteitag in Südafrika : Wer wird Jacob Zumas Nachfolger?

          Südafrikas Vizepräsident Ramaphosa ist Favorit der Wirtschaft im Ringen um den Vorsitz der Regierungspartei. Aber auch die frühere Ehefrau des scheidenden Jacob Zuma hat gute Chancen. Darum wird der ANC-Parteitag richtig spannend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.