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Krieg der Drohnen Auf der sicheren Seite

 ·  Der Kampfflieger geht, der Telepilot kommt: In der modernen Kriegsführung spielen unbemannte Drohnen längst eine wichtige Rolle. Gesteuert werden sie von Soldaten, die weit entfernt vom Kriegsgeschehen und zugleich mittendrin sind.

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© dpa Vergrößern Bundeswehrsoldaten lassen in der Nähe von Kundus eine Aufklärungsdrohne vom Typ „Mikado“ fliegen. Mittlerweile drängen Drohnen auch auf den zivilen Markt.

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin, weil sich der Job bequem von zu Hause aus erledigen lässt. Kaum fünfzig Kilometer entfernt vom Wüstenglitzer von Las Vegas im amerikanischen Bundesstaat Nevada liegt die Creech Air Force Base, eine der Schaltzentralen jener anonymen Streitmacht, die schon die halbe Führungsriege von Al Qaida ins Jenseits befördert hat und gerade dabei ist, das Bild des Krieges in atemraubendem Tempo zu verändern. Der Soldat, der von hier in den Kampf zieht, verlässt morgens seine Wohnung, verabschiedet sich von Frau und Kind und setzt sich im ruhigen Gefühl, sie spätestens am Nachmittag wiederzusehen, in sein Auto. Ein halbe Stunde später durchquert er ein Drehkreuz und passiert, bevor er in einem der unauffälligen Blechhangars verschwindet, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Wüstenboden geschossen sind, einen Wegweiser, der ihn über die Distanz zu seinem realen Einsatzort unterrichtet: Falludscha 7369 Meilen, Kandahar 7444 Meilen, Bagdad 7447 Meilen.

Kurz darauf sitzt er auf einem komfortablen Ledersessel vor mehreren Bildschirmen, zu beiden Seiten einen Steuerknüppel in der Hand, und ist mitten im Krieg angekommen. Den Ernst der Lage markiert ein Fadenkreuz auf dem Monitor, das sich über Hausdächer, Straßenzüge und Gebirgslandschaften bewegt, während der Soldat mit Kopfhörer den Kontakt zu den Bodentruppen hält. Drückt er den roten Knopf am Steuerknüppel, werden die lasergesteuerten Bomben aktiviert, und die Objekte auf dem Bildschirm verwandeln sich in graue Feuerbälle. Wer in Afghanistans Norden zur gleichen Zeit in den Himmel blickt, sieht nichts von der tödlichen Bedrohung, die über ihm in der Höhe schwebt. Die Drohnenpiloten haben die gleiche Uniform wie die realen Piloten, auch darüber wurde schon diskutiert, aber ihre Tätigkeit ist eine vollkommen andere.

War es nach dem Irak-Krieg das Phantasma des vollkommen virtuellen Schlachtfelds, das die Militärhistoriker in Atem hielt, so ist es seit Afghanistan die Realität des ferngesteuerten Krieges. Der Typus des Telekriegers, den der Krieg gegen den Terror ausgebildet hat, ist so unheroisch wie der Krieg auf Distanz selbst. Ein Büroarbeiter, der seinen Einsatz auch im transkontinentalen Schichtbetrieb versieht: Frühschicht Irak, Spätschicht Afghanistan, dazwischen Mittagspause. Und dem die Zukunft gehört. In absehbarer Zeit werden mehr unbemannte als bemannte Flugkörper im Einsatz sein. Ehemalige Kampfpiloten wandern zurzeit scharenweise vom Cockpit vor die Monitore. Für ihre stolze Flotte von neunzehntausend Drohnen bildet die amerikanische Luftwaffe schon mehr Fernpiloten als andere Soldaten aus. Es ist eine Heldendämmerung für den Luftkrieger, den Inbegriff militärischer Virilität.

Der Nimbus des Piloten wuchs im Ersten Weltkrieg heran, als Kampfflieger zu Rittern der Lüfte erhoben wurden und in erhabener Distanz über den Schrecken der Schlacht schwebten. Für ihre Duelle galt ein besonderer, mittelalterlichen Turnieren nachempfundener Kodex. Ernst Jünger erkannte im Flieger den Typus eines rätselhaften, gefährlichen neuen Lebens, die „schärfste Ausprägung einer neuen Männlichkeit“. Der Futurismus feierte die Artistik und Geschwindigkeit des technischen Helden, die Metallisierung des soldatischen Körpers. Im modernen Kampfjet ist der Soldat zum Prototyp des Cyborg geworden. Ohne ein Set sinnesverstärkender Instrumente, die ihm Entscheidungen abnehmen, die er in der Kürze der Zeit selbst nicht treffen könnte, ist der Kampfflieger nicht mehr zu denken.

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