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Einsatzkräfte bei G 20 : Die Mär vom stets korrekten Polizisten

Mit vollem Einsatz: Die Polizei bei den Krawallen rund um den G-20-Gipfel vergangene Woche. Bild: dpa

Nach dem G-20-Einsatz werden Deutschlands Polizisten mit Gratis-Urlauben gehätschelt. Doch muss man staatlicher Gewalt staatstragend begegnen?

          Es ist nicht Missgunst, wenn man feststellt, dass die Benefizaktionen, in deren Genuss die beim Hamburger Gipfel verletzten Polizisten gerade kommen, übertrieben, ja, befremdlich wirken: Die Elbphilharmonie hatte sie schon zu einem Gratis-Konzert eingeladen, der Bericht davon in der „Bild“-Zeitung las sich, als kämen die Beamten gerade von der Front; dazu soll es nun noch einen Gratis-Urlaub mit Hotel nach Wahl geben, für den die „Bild“ schon gesammelt hat und die Bahn Hin- und Rückfahrttickets spendiert, Erster Klasse natürlich.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das betrifft „rund fünfhundert“ Beamte – so die seit einer Woche kursierende Zahl, offiziell hieß es 476. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Bilanz übertrieben war: Wie nun auch Polizeisprecher und das bayerische Innenministerium bestätigen, wurden während der Gipfeltage 231 Beamte verletzt, der Rest im „erweiterten Einsatzzeitraum vom 22.Juni bis 10.Juli“; zu mehreren Dutzend waren das Kreislaufprobleme infolge von Dehydrierung, also ohne Fremdeinwirkung; 95 Prozent der behandelten Polizisten konnten ihre Arbeit offenbar sogleich wieder aufnehmen.

          Es gibt keinen deutschen „Dirty Harry“

          Und das soll ein „Inferno“, eine „Horrornacht“ gewesen sein? Wie man aber linke Gewalt auf keinen Fall relativieren und einordnen darf, etwa, indem man auf die Todesopfer rechter Gewalt verweist, so darf man wahrscheinlich auch nicht relativierend darauf hinweisen, dass Hamburg schon Schlimmeres erlebt hat, und zwar beim Bombardement der „Operation Gomorrha“ im Hochsommer 1943, nachzulesen bei Hans Erich Nossack („Der Untergang“, 1948).

          Woher kommt wohl das staatstragende Getue, das jetzt wieder um die Polizei gemacht wird? Kann man sie, wie jede andere Berufsgruppe auch, nicht einfach als eine Ansammlung von Personen betrachten, in der es, wie unter Ärzten, Bäckern, Sportlern, Juristen oder Journalisten, solche und solche gibt, die ihrer ja freiwillig gewählten Arbeit nachgehen, die einen gut bis sehr gut, die anderen weniger? Offenbar nicht. Was die Polizei tut und lässt, scheint über jeden Zweifel erhaben, auch wenn auf Videos zu sehen ist, wie eine unbewaffnete, auf einem Einsatzwagen stehende Frau mit Wasserwerfern traktiert wird oder am Boden liegende Personen noch geprügelt und getreten werden. Weiß Bürgermeister Scholz nichts von den 35 Ermittlungsverfahren, die meisten davon wegen „Körperverletzung im Amt“?

          Deutschland hat eben keinen „Dirty Harry“ hervorgebracht. Es kennt die amerikanische Tradition harter, meistens sehr guter Polizeifilme nicht, in denen Beamte zu weit gehen wie Clint Eastwood in Don Siegels Film oder in „French Connection“, später im ersten „Rambo“ und in „L.A.Confidential“, in dem die halbe Polizei von Los Angeles korrupt oder unverhältnismäßig brutal ist. Deutschland dagegen hat sich von Herbert Reinecker den „Kommissar“ und „Derrick“ andrehen lassen, Serien mit einer unfassbar holzschnittartigen Figurenzeichnung, in denen Polizisten nur von ihrer korrekten Seite gezeigt werden; Vorurteile und Affekte, die doch jeden Menschen leiten, sind hier nicht vorgesehen. Solcherlei Fernsehunterhaltung war jahrzehntelang Ausdruck einer gewissen obrigkeitsstaatlichen Mentalität, die natürlich älteren Datums ist und dann aufs neue jeden Freitagabend gestärkt wurde, auf dass Abermillionen Deutsche fest daran glaubten, dass bei der Polizei alles mit rechten Dingen zugehe. Dagegen kamen die lebensnäheren, aber auch nicht sonderlich abgründigen „Tatort“-Kommissare natürlich nicht an.

          Nach G-20-Gipfel : In Hamburg sagt man Danke

          Die amerikanischen Filme, denen mindestens noch der britische „Sein Leben in meiner Gewalt“ (1973, mit Sean Connery) hinzuzufügen wäre, wirken nicht etwa nur wegen ihrer Gewaltszenen spannender. Sie sind als Form einer stilisierten, doch im ganzen recht glaubwürdigen Auseinandersetzung mit Dienstvergehen, die es eigentlich nicht geben dürfte, aber wegen allgemein-menschlicher Schwächen eben doch gibt, auch kulturell wertvoll und wirken in staatsbürgerlicher Hinsicht erzieherisch, indem sie wahrscheinlich mehr Mündigkeit gegenüber der staatlichen Gewalt als Misstrauen befördern.

          In Deutschland dagegen gibt es in der Unterhaltungskultur weder die Kraft noch die Entschlossenheit dazu, sich mit staatlichen Organen auf subversive Weise auseinanderzusetzen. Hier werden die Polizisten jetzt auch schon im wirklichen Leben gehätschelt und gepäppelt wie schutzlose, verschreckte Kinder. Sogar die Grünen haben sich diesen verständnisinnig-mitleidigen Ton zu eigen gemacht: Stellenabbau, schlechte Bezahlung, ungünstige Dienstzeiten, angeblich auch keine Anerkennung, allgemeine Frustration. Das ist alles schlimm genug. Und ein Fünfzig-Stunden-Einsatz wie jetzt in Hamburg ist wohl kein Vergnügen, aber eine 48-Stunden-Schicht für Chirurgen eben auch nicht. Da unterlaufen einem schon mal Fehler, die beim Namen zu nennen die Öffentlichkeit eine merkwürdige Scheu hat, während sie doch sonst alles gleich skandalisiert. Selbst die frisierte Verletzten-Bilanz scheint keine Nachfrage wert. Die Polizei, ein einziges, wehrloses Opfer. Deutschland braucht vielleicht mehr Polizeistellen; es könnte aber auch Polizeifilme vertragen, die weniger harmlos sind.

          Quelle: F.A.Z.

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