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Kopenhagen nach den Anschlägen : Wie kurz die Wege zu den Abgründen sind

  • -Aktualisiert am

Vielleicht ist das vertraute Leben sogar beruhigend und gut: Vor der Synagoge in Kopenhagen. Bild: Matthias Hannemann

Die Schüsse, die in Kopenhagen zwei Menschen das Leben kosteten, haben die dänische Gesellschaft ins Mark getroffen. Der Alltag geht nur scheinbar weiter. Die Jüdische Gemeinde ist verunsichert, die Politik zerstritten.

          Sie haben den Wachmann begraben, am Nachmittag war das, die Ministerpräsidentin hat geweint. Noch am Abend biegen die Menschen beim Runden Turm von Kopenhagen in die Krystalgade ein, um Blumensträuße vor die Synagoge zu legen und auf die Maschinenpistolen zu starren. Polizisten bewachen den Ort, an dem Dan Uzan starb. Ihre Wagen rollen durch die Straßen der Stadt.

          Die Gaststätten sind randvoll. Beim Italiener schmettert ein Bariton, beim Iren wird Fußball geschaut. Selbst in der Kellerbar an der Synagoge, auf Augenhöhe mit den Blumen, wenn man so will, wird unbeschwert gescherzt. „Und morgen gibt es einen Outlet-Verkauf in dem Designgeschäft, schon gehört?“, flötet eine Radfahrerin ins Mobiltelefon. Die Dänen, die in der Krystalgade von den Rädern steigen und sich bei der Hand halten, stört diese Gleichzeitigkeit nicht. Vielleicht sind die vertrauten Geräusche sogar beruhigend und gut.

          Die Anschläge waren keine Überraschung

          Das Einzige, was sie an diesem Abend irritiert, ist eine in Folie gesteckte Mohammed-Karikatur, die jemand unter die Blumen auf dem regennassen Asphalt schob. Geht das hier und jetzt? Ratlose Blicke. Ein Mann schüttelt den Kopf. „Wir müssen deeskalieren“, sagt er, „das war mein erster Gedanke, als ich von den Anschlägen hörte. Deeskalation fängt mit deinem Facebook-Eintrag an.“ An traurigen Plätzen wie diesen wird man schnell pastoral.

          Andernorts fielen die Worte heftiger aus. Alle Parteien mit Ausnahme der Dansk Folkeparti hätten die Augen vor der Terrorgefahr verschlossen, sagte der rechtspopulistische Politiker Mogens Camre nach den Anschlägen und schob „der großen Mehrheit in Christiansborg“ eine Mitverantwortung für das Geschehen zu. Ein junger Muslim wiederum sagte einem Fernsehreporter im Svanevej, wo die Polizei den mutmaßlichen Täter erschoss: Wer angegriffen werde, müsse sich verteidigen. Und wer den Propheten mit einer Bombe auf dem Kopf zeichne, verdiene den Tod.

          Beide Auftritte werden in den Tagen nach den Anschlägen auch von denen erwähnt, die sich abgeklärt geben und hervorheben, dass die Sicherheitsleute und Polizisten doch einen guten Job gemacht hätten. Die Dänen vertrauen dem Staat. Doch sie beginnen zu ahnen, wie kurz die Wege zu den Abgründen sind. Die Angriffe seien nicht überraschend gekommen, sagt der Journalist Morten Skjoldager, der sich seit dem Wirbel um die Mohammed-Karikaturen vor zehn Jahren in alle Gerichtsverfahren setzte, die auf vereitelte Anschläge folgten, ob die Täter nun allein gegen Zeichner wie Kurt Westergaard oder im Team gegen „Jyllands-Posten“ vorgingen. „Aber der entscheidende Punkt ist: Jetzt ist es passiert. Und nicht nur das: Es hat Unschuldige getroffen.“

          Einen freundlichen Wachmann; er wurde per Kopfschuss getötet. Und einen Filmemacher namens Finn Nørgaard, der an das Gute im Menschen glaubte, wie seine Freunde behaupten, und nur eine Diskussionsrunde zum Thema Meinungsfreiheit besuchen wollte. Er war nicht der schwedische Karikaturist Lars Vilks, den der Täter als Ziel im Sinn gehabt haben dürfte.

          Das Land verteidigen, wenn man es angreift

          Hinzu komme, dass die Polizei die Leute in der Nacht zum Sonntag dazu aufforderte, sich nicht im Stadtzentrum aufzuhalten, sagt Skjoldager. In einem Land, das Offenheit gewohnt ist, reicht das für ein mulmiges Gefühl. Ein Hinweis auf die Unsicherheit. Wobei auch viele Muslime das Grauen nun packt. Sie fürchten, es nun noch schwerer zu haben als ohnehin schon.

          Ein Bild reicht, um sie in Wallung zu bringen. Vor dem Kulturzentrum mit den zerschossenen Scheiben, dem „Krudttønden“ am Stadion, was nichts anderes als „Pulverfass“ heißt, schaut ein Muslim im Studentenalter über die abgelegten Blumen, Fähnchen, Beileidsbekundungen, Schwüre („Ihr werdet uns nicht brechen“), Vilks-Zeichnungen und die „Charlie Hebdo“-Ausgabe mit dem weinenden Propheten. Er beginnt leise zu schimpfen. „Das hier ist gut!“, ruft er, auf eine schwarze Karte zeigend, die den „Islamischen Staat“ kritisiert: „Das sind Verbrecher, die den Koran missbrauchen, und das ist die Kategorie, in die auch der Mörder vom Samstag gehört.“ Aber das Bild da drüben - ein Schwein auf dem Koran? „Das ist nicht gut, gar nicht gut, das soll nicht sein.“

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