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Kommentar zum Lehrermangel : Koch und Kellner

Woher soll all der Nachwuchs kommen? Lehrerin an einer Gesamtschule in Niedersachsen Bild: dpa

Berlin sucht verzweifelt nach Lehrern – und bietet dabei alles auf von Studenten bis zu Pensionären. Aber das Problem mit der Lehrerausbildung ist ein deutschlandweites.

          Quereinsteiger, im Ruhestand Weiterbeschäftigte, ja sogar Studenten: Wenn Lehrermangel herrscht, greift man in Deutschland auf fast alle zurück, die irgendwie unterrichten können oder von denen man dies zumindest annimmt. Das ist keine Berliner Spezialität; auch aus anderen Bundesländern hörte man in den vergangenen Jahren von abenteuerlichen Maßnahmen, um den völligen Ausfall von Unterricht zu vermeiden. Aber in Berlin, auch das ist bekannt, scheint die Lage stets besonders prekär. Von 3000 freien Lehrerstellen für das kommende Schuljahr sind erst 1750 besetzt, wie man nun hört.

          Bildungssenatorin Scheeres hat daraufhin die gängigen Notmaßnahmen eingeleitet: Tausend Quereinsteiger wurden zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, gab sie am Montag bekannt, und 160 Lehrer, die eigentlich im Sommer in Pension gehen könnten, wollen, auch nachdem ihnen dafür besondere Anreize gesetzt wurden, weiterarbeiten. Um die dann immer noch bestehenden Lücken zu füllen, will der Senat ferner an seinem umstrittenen Programm „Unterrichten statt Kellnern“ festhalten, das es Masterstudenten ermöglicht, neben dem Studium bis zu einer halben Stelle an Schulen auszufüllen – als reguläre Lehrkraft, wohlgemerkt, nicht als Vertretung. Und womöglich sollen in Berlin künftig sogenannte Sprachlernassistenten eingesetzt werden könnten, die noch keinen Master-, sondern nur einen Bachelorabschluss vorweisen können.

          Die Maßnahmen haben vielfältige Kritik hervorgerufen, insbesondere jene, bei denen nicht ausreichend Qualifizierte zu Lehrern werden. Allerdings sollte, wer sich darüber nun allzu schockiert gibt, auch noch einmal darüber nachdenken, was der sogenannte „Master of Education“, der inzwischen in zwölf von sechzehn Bundesländern das Staatsexamen ersetzt hat, überhaupt wert ist. In den zwei Jahren Studium, die er über den dreijährigen Fach-Bachelor hinaus bedeutet, wird vor allem Pädagogik und Didaktik gelehrt. Eine fachwissenschaftliche Vertiefung, wie sie das Hauptstudium der früheren Staatsexamensordnungen ermöglicht und erfordert hat, ist für die Erziehungs-Meister nicht mehr vorgesehen. Ohne Not hat man aus dem fachwissenschaftlichen Studium, das noch bis vor kurzem für Lehrer vonnöten war, eine Schmalspur-Version gemacht. Es wird „die verfehlte Reform des Schulunterrichts nun durch eine ebenso verfehlte Reform des Lehramtsstudiums vollendet“ (Ronald G. Asch).

          Zugespitzt könnte man sagen, dass, was die wissenschaftliche Ausbildung in den einzelnen Schulfächern angeht, im Grunde die meisten Lehrer, auch die angeblich qualifizierten, demnächst nur noch auf dem Stand eines Bachelors sein werden – und das ist der eigentliche Skandal des reformierten Bildungssystems, der bald nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland betreffen wird.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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