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Weibliche Vorbilder : Älterwerden kann man nicht mit jedem

Joni Mitchell Bild: Picture-Alliance

Steffi Graf statt Boris Becker, Joni Mitchell statt Morrissey: Wie es ist, als Mann nur noch weibliche Vorbilder zu haben. Und was das mit dem Älterwerden zu tun hat.

          So wird man groß und sucht sich seinen Weg: indem man sich, zum Beispiel, Bilder an die Wand hängt. Wie Markierungen, die einem die Richtung anzeigen. Bilder von Leuten, die man bewundert oder anhimmelt, denen man nacheifert, die jedenfalls irgendwie repräsentativ sind für das Bild, das man selbst eines Tages von sich abgeben will. Man schneidet sich da etwas aus der großen Welt heraus und hängt es in seine kleine hinein, damit es sich zu einer einzigen Welt zusammenfügt, hoffentlich.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im Laufe der Jahre tauscht man diese Bilder dann aus. Manche bleiben, andere verschwinden, ernstere Gesichter kommen dazu, auch die von älteren, von Schriftstellern, Künstlern, von Leuten, die sich was gedacht haben, nicht mehr nur von Typen, die Umhängekeyboards tragen oder Frisuren auf dem Kopf, die man sich selbst nie trauen würde.

          So wird man groß und löst sich irgendwann vielleicht vom Anhimmeln, wird systematischer und analytischer in der Bewunderung, lässt sich weniger hinreißen, achtet mehr auf Stil. Aber diese Bewunderung für das Talent und die Erfolge anderer Leute, welche man früh gespürt hat, ist solch eine Lebenskraft – ganz auf sie zu verzichten würde bedeuten, einen Teil von sich selbst aufzugeben.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Hier hängen: ein schwarzweißes Bild von Joan Didion, barfuß vor Schreibmaschine in einem weichen Kleid. Und eine stilisierte Illustration von Joni Mitchell an der Gitarre, unverkennbar ihr langes Haar. Und ein Magazin-Foto von Steffi Graf, strahlend, in Turnschuhen und T-Shirt auf einem Longboard. Hier hängen zwar immer noch auch Steve McQueen und Tintin, aber das ist mehr historisch, Erinnerungen an eine Überidentifikation. Die drei Frauen jedoch wurden, jede für sich, wichtiger, je weniger wichtig die anderen Männer wurden, die da auch mal hingen: der Popkünstler Morrissey zum Beispiel. Oder der Tennisspieler Boris Becker.

          Beide Retter einer Jugend, die ohne sie ganz anders verlaufen wäre. Beide zeigten es der Welt, und das ist extrem inspirierend für pubertierende ungeküsste Jungs: zu erkennen, dass man Erfolg haben kann, auch wenn man nicht nach den Regeln der anderen spielt – weil man zu schlau und empfindsam ist oder zu jung für das, was man will. Der eine kultivierte Rebellion, der andere Unverstandensein, beide machten alles anders. Sie waren antiautoritär, der eine mit Worten, der andere mit seinem Körper. Der eine warf sich singend in die Brust oder mit Gladiolen um sich, der andere sich selbst mit dem Schläger auf den Platz. Vorgesehen war dieser Style in beiden Welten nicht, in denen sie Karriere machten: Pop war bis Morrissey ziemlich chauvinistisch, Tennis bis Becker ziemlich elitär. Das war elektrisierend. Und Außenseitertum ist immer verführerisch, gerade für männliche Teenager.

          Vielleicht muss man an dieser Stelle kurz Folgendes festhalten: Selbst der pickligste pubertierende Junge wird im Reservoir der Weltkulturgeschichte Vorbilder finden für seine Außenseiterrolle. Ob in Büchern, in Filmen, in Liedern, auf Bildern: Den einsamen, unverstandenen, aufrechten jungen Mann als Held der Geschichte gibt es so oft, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Es war deswegen immer leicht für einen pubertierenden Jungen, Vorbilder zu finden, an denen er sich aufrichten kann. Dass aber auch das ein Privileg ist, welches seine gleichaltrigen Klassenkameradinnen nicht in dem Ausmaß genießen können, weil Emilia Galotti eben nicht Don Karlos ist, fällt dem pubertierenden Jungen erst mal nicht auf. Weil er sich für das unprivilegierteste Wesen der Welt hält.

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