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Deutscher Autor festgenommen : Die Gegner der Türkei sind selbst in Spanien nicht sicher

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Dogan Akhanli im März bei der Veranstaltung „Die Freiheit des Wortes ist ein universelles Recht der Menschheit“ in Köln Bild: dpa

Die Türkei lässt den deutschen Schriftsteller Dogan Akhanli in Spanien festnehmen. Außenminister Gabriel hat sich persönlich dafür eingesetzt, seine Auslieferung zu verhindern. Und ein Berufsverband hat einen sehr praktischen Hinweis für die Urlaubsvorbereitung von Journalisten.

          Dogan Akhanli floh vor mehr als 25 Jahren aus der Türkei, er ist längst deutscher Staatsbürger und lebt in Köln. Nun hat die spanische Polizei den kritischen Schriftsteller im Urlaub festgenommen – auf Ersuchen der türkischen Behörden.

          Außenminister Sigmar Gabriel hat sich persönlich in den Fall eingeschaltet. Er telefonierte am Samstagabend mit seinem spanischen Kollegen Alfonso Dastis, wie das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte.

          Dabei habe er den Wunsch geäußert, dass Akhanli nicht an die Türkei ausgeliefert und Deutschland in das Auslieferungsverfahren einbezogen wird. Außerdem habe er um schnellstmögliche konsularische Betreuung des Schriftstellers gebeten. Als erstes hatte das ZDF-„heute-journal“ über das Telefonat berichtet. Zuvor hatte das Auswärtige Amt bereits mitgeteilt, dass sich die deutsche Botschaft in Madrid mit entsprechenden Wünschen an die spanische Regierung gewandt habe.

          Akhanli schrieb über die Verfolgung der Armenier in der Türkei

          Der türkischstämmige Kölner Schriftsteller war am Samstag im Urlaub in Spanien auf Betreiben der Türkei festgenommen worden. Akhanli lebt seit seiner Flucht aus der Türkei 1991 in Deutschland und hat ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft.

          Ihm werde die Mitgliedschaft in einer bewaffneten, terroristischen Vereinigung vorgeworfen, berichtete die spanische Nachrichtenagentur Europa Press unter Berufung auf Polizeikreise. Offiziell bestätigt ist das bislang nicht. Akhanlis Anwalt Ilias Uyar sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Festnahmeantrag sei aus der Türkei gekommen. Dies bestätigte auch die spanische Polizei. Der Schriftsteller werde in Kürze den Justizbehörden überstellt, sagte ein Polizeisprecher spanischen Medien.

          In seinen Werken befasst sich der 1957 geborene Schriftsteller auch mit der Verfolgung der Armenier in der Türkei. Er wurde nach dem Militärputsch als Mitglied der kommunistischen TDKP 1984 verhaftet. Von 1985 bis 1987 saß er in Istanbul in einem Militärgefängnis.

          Anwalt Uyar sagte dem Kölner „Stadt-Anzeiger“, bei der spanischen Polizei habe ein Dringlichkeitsvermerk der internationalen Polizeibehörde Interpol vorgelegen. Akhanli wurde demnach am Samstagmorgen im Urlaub in Granada in seinem dortigen Domizil festgenommen. Dem „Spiegel“ zufolge werten Sicherheitskreise die Festnahme als erneuten Affront der Türkei gegen Deutschland.

          In Deutschland löste die Festnahme Empörung aus. Es sei schon ein Skandal, wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Türkei unschuldige Menschenrechtsaktivisten und Journalisten verhaften lasse, sagte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. „Wenn er dies nun auch außerhalb des Territoriums der Türkei versucht, müssen wir uns als Europäer dem entschlossen entgegenstellen und sagen: So nicht!“

          Grünen-Chef Cem Özdemir forderte, die polizeiliche Zusammenarbeit der EU mit der Türkei neu zu bewerten. „Gegner des türkischen Regimes dürfen in Europa künftig nicht ungeprüft als Kriminelle verhaftet werden“, sagte er dem „Tagesspiegel“. „Wie weit wollen wir Erdogan in Europa noch kommen lassen?“, fragte Linke-Chefin Katja Kipping.

          Journalisten sollten Selbstauskunft beim BKA beantragen

          Die Schriftstellervereinigung PEN vertrat die Ansicht, das Verfahren gegen Akhanli sei „eindeutig politisch motiviert“. PEN-Vizepräsident Sascha Feuchert, viele Politiker und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi forderte die spanischen Behörden auf, den Autoren keinesfalls an die Türkei auszuliefern und sofort freizulassen.

          Akhanli war 2010 auf einem Flughafen in Istanbul festgenommen worden, als er in die Türkei einreisen wollte, um seinen todkranken Vater zu besuchen. Ihm wurde vorgeworfen, 1989 an einem Raubmord auf eine Wechselstube in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Er blieb in Untersuchungshaft, bis der Richter am ersten Verhandlungstag entschied, dass Akhanli das Gefängnis verlassen dürfe. Wenige Tage später kehrte er nach Deutschland zurück. 2011 wurde er in Abwesenheit von einem Gericht in der Türkei vom Vorwurf des Raubes und Totschlags freigesprochen, der Freispruch wurde aber wieder aufgehoben.

          Akhanlis Anwalt zufolge lag bei Interpol eine sogenannte Red Notice zu dem Schriftsteller vor. Damit kann ein Land dazu auffordern, eine gesuchte Person ausfindig zu machen und vorläufig festzunehmen. Es handelt sich nicht um einen Suchauftrag im Namen von Interpol selbst und nicht um einen internationalen Haftbefehl. Laut Interpol entscheiden die Länder selbst, wie sie mit einer Red Notice umgehen.

          Der Journalistenverband DJV rief Journalisten dazu auf, sich vor Auslandsreisen beim Bundeskriminalamt über mögliche Haftbefehle oder Fahndungen im Ausland zu informieren. Man rate türkeikritischen Kollegen „dringend“, eine Selbstauskunft beim BKA zu beantragen, teilte der Verband am Samstag mit. Die Festnahme Akhanlis auf Betreiben der Türkei sei als Warnzeichen zu verstehen, sagte der Bundesvorsitzende Frank Überall. „Journalisten brauchen Klarheit darüber, ob ein unbeschwerter Urlaubstrip ins Ausland im Knast endet.“

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