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Kölner Moscheen-Debatte Ich möchte die Muslime aus dem Hinterhof holen

08.06.2007 ·  Ein Katholik darf eine Moschee bauen, aber ein Muslim keine Kirche: Ist Baukunst auch eine Glaubensfrage? Ein Gespräch mit Paul Böhm, der die viel diskutierte Moschee in Köln plant.

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Ein Katholik darf eine Moschee bauen, aber ein Muslim kein katholisches Gotteshaus: Ist Baukunst auch eine Glaubensfrage? Ein Gespräch mit dem Architekten Paul Böhm, Sohn des Kirchenbaumeisters Gottfried Böhm, der die Großmoschee in Köln plant

Muss denn ein Architekt nicht Muslim sein, um eine Moschee bauen zu können?

Nein, natürlich nicht. Er muss ja auch nicht krank sein, um ein Krankenhaus zu bauen. Die Aufgabe des Architekten ist es, sich in das Projekt hineinzudenken, in seinen Charakter und die funktionalen Abläufe. Das ist jedes Mal eine neue Herausforderung. Aber ein Architekt muss Katholik oder Protestant sein, um einen Auftrag der jeweiligen Kirche zu erhalten. Die Geschichte des Kirchenbaus in Deutschland ist konfessionell getrennt.

Sind die Muslime da toleranter?

Ja, offener. Auch Sinan (1489 bis 1588), der als Vater der osmanischen Architektur gilt und viele bedeutende Moscheen gebaut hat, war christlicher Herkunft.

Aber das Architekturbüro Böhm hat nie eine protestantische Kirche gebaut oder eine Synagoge.

Wir haben mal an einem Wettbewerb für eine Synagoge teilgenommen, sind aber nicht zum Zuge gekommen.

Sie wollten unbedingt an dem Wettbewerb für die Großmoschee teilnehmen. Was war Ihnen daran so wichtig?

Ich beobachte schon seit Jahren, wie Muslime ihrem Glauben und ihrem Gemeindeleben in Hinterhöfen und aufgelassenen Ladenlokalen nachgehen. Mich hat das immer gestört. Das hat auch etwas Konspiratives, wie sie aus ihren Höhlen herauskriechen, schnell in die Schuhe schlüpfen und sich an der Wand entlangdrücken. Ich hatte das Gefühl, Muslime genieren sich für diese Orte. Als wir zu dem Wettbewerb eingeladen wurden, war es für mich keine Frage, dass ich mitmache.

War das Thema Sakralbau von primärem Interesse und nicht so sehr, für welche Konfession?

Ich interessiere mich für Menschen, die glauben. Ich finde das bewundernswert, weil es mir selber sehr schwerfällt. Für diese Menschen, ob sie Christen, Juden, Muslime oder Buddhisten sind, baue ich gerne ein adäquates Haus. Es sind in jedem Fall Menschen, die ihren Frieden suchen.

Wie war die Bauaufgabe definiert? Hatten Sie große Spielräume?

Es gab ein konkretes Raumprogramm, liturgische Aspekte, die eingehalten werden mussten, und den Wunsch, einen Kuppelraum und zwei Minarette zu planen.

Ging es nicht auch um die Repräsentanz im Stadtbild?

Ich weiß nicht mehr, ob etwas in der Auslobung stand, doch irgendwo ist das Wort "repräsentativ" gefallen.

Aber von Ihren Intentionen her ist das doch von großer Bedeutung.

Uns liegt sehr daran, ein Haus zu bauen, wo die Leute gerne hingehen. Im Grund ist es wie ein Gemeindezentrum.

Wie erscheint die Moschee im Stadtbild: Fügt sie sich ein, oder irritiert sie es?

Das Gemeindezentrum vermittelt zwischen der viergeschossigen Wohnbebauung aus der Gründerzeit in Ehrenfeld und den bis zu siebzig Meter hohen Bürobauten auf der anderen Seite der Inneren Kanalstraße und dem Fernsehturm mit 266 Metern. Auch der Baukörper ist in sich gestaffelt. Von dem viereinhalbgeschossigen Riegel mit Läden, Schulungsräumen und Büros über die 34 Meter hohe Kuppel bis zu den 53 Meter hohen Minaretten.

„Eine Art Siegesturm" nennt die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel das Minarett: "das sichtbare Zeichen der Gegenwart des Islam in einem neu eroberten Gebiet". Also Ausdruck eines Triumphes.

Ich wüsste nicht, warum dieses Bauwerk einen Triumph ausdrücken würde. Einen Triumph worüber? Es wird hier ja nicht der muslimische Gottesstaat ausgerufen. Es ist lediglich eine Gemeinde hingegangen und hat sich ein Gotteshaus geplant. Für mich ist es ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Nachfolgegeneration der "Gastarbeiter" aus der Türkei hier angekommen ist.

Nun sind Minarette für Moscheen nicht zwingend vorgeschrieben. Warum sind sie so hoch?

Unser Bau ist eine Skulptur: Die Höhen der verschiedenen Teile ergeben sich aus dem Verhältnis zueinander.

Es wird der zweitgrößte Sakralraum in Köln.

Auf jeden Fall wird es eine der größten Moscheen in Deutschland. Die Gemeinde hier in Köln ist einfach sehr groß.

Wie kam es zu der offenen Kuppelform? Wie haben Sie sich auf die Bauaufgabe vorbereitet?

Ich hatte ein kleines Vorwissen und habe das eine oder andere Buch studiert. Aber letztendlich haben wir das nach dem Auslobungstext und unserem Verständnis von Architektur entwickelt. Wir haben uns bemüht, ein Bauwerk zu entwerfen, das nicht einen osmanischen Baustil weiterverfolgt, sondern eine internationale Architektursprache spricht.

In der Moschee sind die Gebetsräume für Männer und Frauen getrennt.

Nein, es war von vornherein klar, dass Männer und Frauen im gleichen Gebetsraum beten können. Auch die katholische Kirche musste dazu einen langen Prozess durchmachen. In manchen ländlichen Gemeinden sitzen heute noch Männer und Frauen in getrennten Reihen. Ich hatte zunächst gehofft, dass wir Männer und Frauen auf der gleichen Ebene haben. Aber das ist mir, muss ich gestehen, nicht gelungen: Jetzt beten die Frauen auf der Empore in drei Meter Höhe und benutzen auch den gleichen Eingang.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Bauherrn?

Man kennt sein Gegenüber ja erst mal nicht. Aber es ist, nachdem wir anfangs hart gerungen haben, ein sehr faires und konstruktives Miteinander.

Ralph Giordano sagt, von einer Großmoschee an dieser Stelle werde Unruhe und Unfrieden ausgehen.

Ich denke, mittel- und langfristig wird genau das Gegenteil passieren.

Welche Reaktionen erhalten Sie aus der katholischen Kirche?

Pfarrer Meurer hat in der Gemeinde St. Theodor in Köln-Vingst, deren Kirche ich 2001 gebaut habe, eine Kollekte für die Moschee durchgeführt.

Und von der Kirchenleitung?

Von Kardinal Meisner habe ich nichts gehört. Er könnte sicher mit einem Wort zur Beruhigung der Situation beitragen. Der "Rat der Religionen", in dem die evangelische und die katholische Kirche vertreten sind, hat mehrmals für den Bau geworben und war auch am Wettbewerb beteiligt. Die Dombaumeisterin saß in der Jury.

Wie erklärt es sich, dass Ihr Entwurf für die Moschee sehr viel traditioneller anmutet als jede katholische Kirche, die von der Architektenfamilie Böhm in den letzten sechzig Jahren entworfen wurde?

Ich hoffe, mein Entwurf ist ein Schritt in die Moderne. Aber der Kirchenbau an sich ist sehr viel progressiver in seiner Entwicklung gewesen als der Moscheebau. Ich weiß nicht, warum der Moscheebau so stagnierte. Die Kirche hat sich immer als kulturstiftendes Element verstanden und sich bemüht, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und ihr neue Impulse zu geben.

Die Fragen stellte Andreas Rossmann.

Quelle: F.A.Z., 08.06.2007, Nr. 130 / Seite 40
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