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Kölner Lesung für Deniz Yücel : Macht mehr Laune als ein Autokorso

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Die Vorleser: Günter Wallraff, Oliver Welke, Thomas Gottschalk und Olli Dittrich (von links) trugen in Köln Texte von Deniz Yücel vor. Bild: Imago

Das Glas ist halbvoll: Während Erdogan in Hamburg bei G 20 verhandelt, findet in Köln eine prominent besetzte Solidaritätsveranstaltung für Deniz Yücel statt. Sie zeigt, wie wichtig es ist, den Humor nicht preiszugeben.

          Es ist schon ein Glück und für die Neo-Osmanen vom Bosporus ein wahrlich verdientes Pech, dass der deutschtürkische Journalist Deniz Yücel, der wegen seiner Arbeit seit Mitte Februar in der Türkei in einer Art Geiselhaft einsitzt, so köstlich kurzweilige Texte schreibt, die bei allem Kenntnisreichtum stets pointiert und humorvoll sind. Auch sonst würde man in Deutschland Solidaritätsveranstaltungen im Namen der Presse- und Meinungsfreiheit abhalten, keine Frage. Yücel schrieb einmal, die Türken zögen einfach für ihr Leben gern hupend im Autokorso durch die Stadt, fast egal, welche Fahne sie dabei schwenkten. Das deutsche Pendant ist die Solidaritätsveranstaltung. Tibet, Palästina, Aleppo oder Yücel, auf unsere Empörung ist Verlass.

          Die zurzeit durchs Land ziehenden, vom #FreeDeniz-Freundeskreis organisierten Solidaritätsabende, bei denen Prominente aus Yücels Texten lesen, sind aber gar keine reine Sache der Moral, kein bedrückender Pflicht-, sondern ein Lusttermin, geprägt von erfrischend guter Laune, die angeheizt wird durch kopfschüttelnde Grußbotschaften des Inhaftierten – diesmal über die Bibliothek des berüchtigten Istanbuler Silivri-Gefängnisses, die offenbar besonders im dissidentischen Sektor überreich bestückt ist, so als hätte man die Bücher ebenfalls verhaftet. Und in eben dieser Stimmung liegt eine ungeheure Kraft. Hingerissen lauscht das Publikum den oft satirisch überspitzten, warmherzigen Analysen Yücels, in denen Deutschen wie Türken ihre Marotten um die Ohren geschlagen werden, die aber immer wieder auch zu Liebeserklärungen ausholen.

          Ein Abend für all jene, die schuldlos in Haft sitzen

          Besonders viel Prominenz aus der Unterhaltungsbranche hat sich an diesem Abend in Köln eingefunden, was an der Zusammenarbeit mit der Redaktion des Radiosenders Cosmo (ehemals Funkhaus Europa) liegen mag, aber sicher auch am Zeitpunkt dieser Veranstaltung just während der Ankunft Präsident Erdogans in Hamburg. Dass der türkische Präsident kurz vor dem G-20-Gipfel in einem nur noch aberwitzig zu nennenden Interview mit der „Zeit“ noch einmal kräftig nachlegen würde mit Vorwürfen gegenüber Deutschland im Allgemeinen und Deniz Yücel im Besonderen, dass er die Abschaffung der Pressefreiheit tatsächlich damit begründen würde, das Berichten über Terroristen sei selbst Terror, das hatte bei den Planungen freilich niemand ahnen können. Umso entschlossener enterte man die Bühne des WDR-Funkhauses, störte sich nicht einmal daran, dass das Wasserglas auf dem Lesepult nie gewechselt wurde – ein Wasserglas für ein Dutzend Vortragende, das man immer für den Nächsten füllte. Thomas Gottschalk machte einen Witz darüber, nahm den Kelch dann aber doch. Das gibt es sonst nur bei Protestanten.

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