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Klimawandel Vor uns die Sintflut

25.11.2006 ·  Hitzewellen, Monsterstürme, massenhaft verdorrtes Land: Was der seit kurzem weltbekannte Ökonom Sir Nicholas Stern prophezeit, ist dramatisch. Er kennt den Klimawandel aus eigenem Erleben - und nennt sich doch einen Optimisten.

Von Christian Schwägerl
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Wie ein apokalyptischer Reiter sieht Sir Nicholas Stern nicht aus. Grauer Anzug, randlose Brille, ein freundlicher Blick, lange Sätze, die selten ohne ein Quäntchen Statistik enden: Nick, wie ihn seine Mitarbeiter nennen, ist kein Doppelwesen aus Pferd und Engel, sondern Akademiker und Politikberater zugleich. Und doch beschwört das, was der seit kurzem weltbekannte Ökonom in einem Berliner Café zur drohenden Klimakatastrophe sagt, sehr schnell düstere Zukunftsvisionen herauf. Stern rast mit seinem Klima-Bericht für die britische Regierung seit Oktober wie ein Wirbelwind um die Erde.

Schon nach wenigen Minuten erzählt Stern von seinem Besuch in Kibera, einem riesigen Slum in Nairobi, dessen Bewohner er als Vorhut zukünftiger Klimaflüchtlinge ansieht. „Diese Menschen sind die ersten Opfer des Klimawandels“, sagt er. Stern kommt als Gast in den Berliner Politikbetrieb, der kaum je über die Stadtgrenzen hinausdenkt. Für ihn ist die Welt zwischen Kibera und Europa ein Kontinuum, und die Menschen in Kibera fallen nicht in die Zuständigkeit irgendeines Entwicklungsministers. Sie sind für ihn Mitbürger.

Hitzewellen und Sturmfluten

Daß der Sechzigjährige seine Sicht der Zukunft ungeheuer nüchtern vorträgt und selbst dann nicht die Contenance verliert, wenn er Hitzewellen, gewaltige Sturmfluten und verdorrendes Ackerland als Folgen eines stetig steigenden Ausstoßes von Treibhausgasen ausmalt, macht es noch schwerer erträglich, ihm zuzuhören. Hier spricht kein Ökoromantiker und kein Maschinenstürmer, sondern der frühere Vizepräsident der Weltbank, der Wirtschaftsberater der britischen Regierung, Verfasser einer Studie, die auf Erkenntnissen der besten Klimaforscher beruht, die je an Universitäten ausgebildet wurden.

Grundlage seiner Arbeit für die britische Regierung, so Stern, sei der Fortschritt der Wissenschaft, die dank Großrechnern und verfeinerten Klimamodellen in den vergangenen drei, vier Jahren von bloßen Szenarien zu konkreten Wahrscheinlichkeitsrechnungen übergehen konnte: „So wurde es möglich, die sozialen und ökonomischen Kosten durchzurechnen.“ Zu den Schlüsselszenen seiner Vorarbeit zählt er ein Treffen mit Hans Schellnhuber, dem Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, in der Cafeteria des britischen Schatzkanzlers.

Es geht um große Zahlen

Es hat ihn überrascht, welches Aufsehen der „Stern-Bericht“ nach der Veröffentlichung am 30. Oktober in London weltweit erregt hat. Die Stimme eines integren Ökonomen genügte offenbar, um die Verdrängung des Themas wenigstens einen Moment zu unterbrechen, und bei vielen Menschen blieb eine Fünf mit zwölf Nullen hängen. Mit der Eurosumme will Stern veranschaulichen, daß nicht der Versuch ökonomisch riskant ist, das Weltklima zu stabilisieren, sondern „business as usual“, die Fortschreibung unseres Konsumverhaltens und der Wachstumskurven beim Kohlendioxydausstoß. Auf fünf bis zwanzig Prozent des Weltbruttosozialprodukts beziffert er die Kosten eines Klimawandels, auf ein Prozent den Preis eines technologiegetriebenen Umsteuerns. Stern wundert es, daß die Summe ein solches Medienecho fand: „Wir sind dabei, unsere ganze Zivilisation einem veränderten Klima auszusetzen, da geht es um große Zahlen.“

Sein Vermögen, die Gefahren des Klimawandels anschaulich und lebensnah zu beschreiben, hat Stern sich auch dadurch erworben, daß er nie nur ein Büro- und Büchermensch war, sondern viel Zeit in Asien und Afrika verbracht hat; zuerst in Kenia, wo er 1969 als junger Agrarökonom die Teeproduktion untersuchte. Zu seiner akademischen Arbeit gehörte es, die Entwicklung einer ländlichen Gemeinde in Indien über viele Jahre zu verfolgen. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie das Klima und das Überleben von Menschen zusammenhängen“, sagt er. Er hat den Boden berührt, aus dem Nahrung wächst. Er kennt die Hitze, die ihn ausdörrt, und die Erosion, die ihn wegspült, aus eigenem Erleben.

Ganze Landstriche unbewohnbar

Fünf Grad Celsius beträgt der Unterschied in der Durchschnittstemperatur zwischen der letzten Eiszeit und der Gegenwart. Derzeit sei die Menschheit dabei, in kurzer Zeit weitere fünf Grad hinzuzufügen, sagt Sir Nicholas und erzählt im nächsten Atemzug vom Abend zuvor, den er mit dem Bürgermeister von London, Ken Livingstone, verbracht hat. Die beiden sprachen darüber, was geschähe, wenn alles so käme wie befürchtet. Dann würde die Londoner U-Bahn im Sommer unbenutzbar, weil die Röhren nicht zu kühlen wären; Monsterstürme ließen die Kanalisation platzen; und die Stadt würde von der Nordsee aus angegriffen, mit einer neuen Themse-Barriere als einzigem Schutzschild. Auf Dramatisches dürften sich auch Hamburg und Berlin gefaßt machen oder Rom und Lissabon, je nach Lage mit unterschiedlichen Umwälzungen: „Ganze Landstriche könnten unbewohnbar werden.“

Und doch möchte Stern seinen Bericht nicht als Ausweis von Pessimismus verstanden wissen. „Ich bin Optimist“, sagt er. Es sei möglich, den Kohlendioxydgehalt der Atmosphäre zu stabilisieren. Nicht mit einer Zauberformel, sondern mit einer Vielzahl von Veränderungen: Treibhausgasemissionen müßten weltweit einen Preis bekommen, damit sich umweltbewußtes Verhalten endlich rentiere. Die Hälfte der Energie müsse regenerativ erzeugt, eine Technologie zur Speicherung von Kohlendioxyd entwickelt werden. „Das wird ein regelrechtes Technologiefestival, befeuert von immer strengeren Grenzwerten“, sagt Stern. Der kritische Nachsatz bleibt nicht aus: Die weltweiten Investitionen in die Energieforschung seien in den vergangenen zwanzig Jahren halbiert worden, wo es eigentlich nötig gewesen wäre, sie zu verdoppeln. „Das müssen wir nachholen“, fordert Sir Nicholas.

„Vieles hat mich umgehauen“

Die Frage, ob er professionelle Distanz zu seiner Mission wahren kann oder ob ihn Sorge um die Welt seiner drei Kinder erfüllt, beantwortet er nicht direkt. Er will den Gestus der rationalen Kühle bewahren. „Sagen wir es so: Vieles von dem, was ich bei der Vorbereitung des Berichts gehört habe, hat mich umgehauen. Ich bedauere, bei der Weltbank nicht mehr für den Klimaschutz getan zu haben.“ Sir Nicholas ist seit der Veröffentlichung seines Berichts auf einer Art Welttournee. In der nächsten Woche stehen Peking, Tokio und Neu-Delhi auf dem Programm. Sein kurzer Deutschland-Besuch brachte ihn mit den Bundesministern Glos, Gabriel, Wieczorek-Zeul und mit Parlamentariern zusammen. Zu seinen Stationen gehörte der Weltklimagipfel in Nairobi, der mit dem Beschluß zu Ende ging, sich in einem Jahr wieder zu treffen. Das Ergebnis hat auch ihn enttäuscht.

Die Kritik, die Aktivisten des Umweltschutzes ertragen müssen, daß ihr Konferenzrummel und die vielen Flugreisen ihren Zielen widersprächen, pariert Sterns Mitarbeiterin, eine junge Ökonomin mit muslimischem Kopftuch, umgehend. Sie verweist auf die strenge Kohlendioxydbilanzierung der britischen Regierung: Alle Flugreisen werden durch Umweltprojekte ausbalanciert, bei denen Kohlendioxyd wieder eingefangen wird. „Auch für Nicks Reisetätigkeit gibt es ein Vorhaben in Indien“, sagt sie. Trotz aller Versäumnisse sieht Sir Nicholas viele positive Zeichen. In China und Indien, den beiden Motoren künftigen Wirtschaftswachstums, nehme das Umweltbewußtsein stetig zu. Bei Finanz- und Wirtschaftsministern steige die Bereitschaft zuzuhören. Und die junge Generation von Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Ökonomen arbeite in dem Bewußtsein, daß von ihr die planetaren Temperaturen der Zukunft abhingen.

Quelle: F.A.Z., 25.11.2006, Nr. 275 / Seite 39
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