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Klimawandel : Unsere Systeme sind erschreckend verwundbar

  • -Aktualisiert am

Wohin geht die Klima-Reise: Lore in Dagebüll Bild: dpa

Die derzeitige Winterkälte in Europa ist alles andere als ein Beweis gegen die Erderwärmung. Klimaforscher prognostizieren bis zum Jahr 2200 einen Temperaturanstieg um acht Grad. Doch die fossile Zivilisation hat sich möglicherweise schon früher zerstört.

          Kaum erleben wir mal wieder einen Bilderbuchwinter, mit tiefem Schnee und Rodelbahn für die Kinder, bricht in Deutschland das Verkehrssystem zusammen. Fahrverbot für Lastwagen in Teilen des Landes; die Bahn rät von Reisen mit der Bahn ab; Flugzeuge bleiben am Boden. Wer hierauf nur mit Spott reagiert, der verkennt, was geschieht: Es zeigt sich, wie fragil unsere technisierte Gesellschaft auf Wetterereignisse reagiert. Diese Verletzbarkeit wiegt schwer, denn unser Klimasystem ist aus dem Gleichgewicht.

          Knietief im Schnee stehend vernehmen wir von Forschern der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa und demnächst auch von anderen Spitzeninstituten, dass 2010 das wärmste Erdenjahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor über 130 Jahren war. Die derzeitige Winterkälte in Europa ist alles andere als ein Gegenbeweis, sondern könnte durch die globale Erwärmung noch verstärkt werden. Kollegen haben den entsprechenden Mechanismus entdeckt: Durch das Schmelzen des Eises in der russischen Karasee kann sich ein Hochdruckgebiet bilden, das arktische Winde nach Eurasien umlenkt und damit zu extrem kalten Temperaturen in Europa führt.

          Sorge wegen unvorhersehbaren Ereignissen

          Schon dieses eine aktuelle Beispiel zeigt, dass globale Erwärmung keineswegs bedeutet, dass es zu jedem Zeitpunkt überall auf der Erde wärmer wird. Je mehr und je schneller wir Treibhausgase ausstoßen, desto mehr gerät unser Klima aus der Balance. Es sind also im Grunde gar nicht die vorhersagbaren Folgen der Erderwärmung, wie der wahrscheinliche Verlust des „ewigen Eises“ am Nordpol, die uns Sorgen machen sollten. Es sind tatsächlich die Ereignisse, die wir nicht vorhersagen können, die unsere Grenzen bestimmen.

          Ausgetrocknetes Flussbett in Indien: In einer sich rasant erwärmenden Welt sind häufigere und stärkere Extremereignisse zu erwarten

          In den Medien, immer wieder überdeckt vom politischen Tagesgeschehen, können wir seit einiger Zeit die Epizentren eines Phänomens verfolgen. Das Klimasystem bebt. Seit Jahren verzeichnen wir klimatische Jahrhundertrekorde. In Pakistan entstand im letzten Sommer der größte Süßwassersee der Erde – als Folge von Überschwemmungen, die Folge von Rekordniederschlägen waren. Für diese wiederum gab es einen direkten Zusammenhang mit der Hitzeperiode in Russland. Temperaturen übertrafen dort die Normalwerte um nahezu acht Grad und führten zu verheerenden Bränden und einem Exportverbot für Weizen. Wir selbst erlebten eine erneute Hitzewelle in Europa und Überschwemmungen im Odergebiet.

          Der wärmste mögliche Zukunftspfad

          So war der Sommer 2010 wieder einmal ein Sommer der Extremereignisse, und wieder können wir Klimaforscher die Geschehnisse nicht eindeutig auf den Klimawandel zurückführen. Das wird niemals mit Sicherheit möglich sein, denn generell kann kein Einzelereignis auf den globalen Erwärmungstrend zurückgeführt werden. Die Frage ist: Müssen wir dieses wissenschaftliche Kunststück vollbringen, um zu wissen, wohin die Reise geht? Und die Antwort ist: Nein. Denn schon jetzt ist praktisch sicher, dass wir in einer sich rasant erwärmenden Welt häufigere und stärkere Extremereignisse zu erwarten haben.

          Derzeit werden weltweit die Szenarien der Erderwärmung für den kommenden Bericht des Weltklimarats IPCC berechnet. Wir simulieren dazu die klimatischen Folgen verschiedener möglicher Emissionsszenarien in Klimamodellen – also welche Erwärmung folgt welchem Pfad des zukünftigen Ausstoßes von zusätzlichen Treibhausgasen. Da die Ergebnisse auf physikalischen Grundgleichungen beruhen, werden sich die Projektionen der unterschiedlichen Forschergruppen weltweit kaum unterscheiden. Was wir aus unseren neuesten Studien schon jetzt sagen können, ist: Wir befinden uns weiterhin auf dem wärmsten der möglichen Zukunftspfade.

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