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Veröffentlicht: 22.11.2006, 14:13 Uhr

Klimaschutz Wir sind die Verbrecher

In einem sind zumindest die Europäer sich einig: Schuld an der Klima-Misere sind die Amerikaner. Guillaume Paoli, Soziologe aus Berlin, hält das für falsch. Er sieht das größere Versagen auf Seiten derer, die noch an Reformen glauben.

von Guillaume Paoli
© AP Klimaschutz: Wir brauchen eine Revolution

„Alle reden über das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen“, beklagte sich Rudyard Kipling. Immerhin wird heute darüber geredet, was zu tun sei. Endlich wird das Ausmaß der anthropogenen globalen Erwärmung zumindest auf dieser Seite des Atlantiks weit und breit erkannt. So begrüßenswert dies ist, so rätselhaft ihre Erscheinungsform - wir haben nun eine Weltuntergangsdebatte, und alle bleiben gefaßt.

Ganz sanft und selbstverständlich haben sich Ankündigungen des Schreckens in die tägliche Nachrichtenflut eingenistet. Fast vertraut ist uns bereits das surreale Bild eines Europas, wo Spanien und Italien nur noch Sahara-Anhängsel wären, die Alpen schneefrei, alle Küstenstädte versunken, die übrigen Gebiete von Überflutungen, Orkanen und Dürren heimgesucht, ein Großteil der Tierarten ausgelöscht, und das alles womöglich noch zu unseren Lebzeiten. Solche Informationen werden zur Kenntnis genommen und vom jüngsten Sturm im Berliner Kulturglas oder von den letzten großkoalitionären Krakeelereien abgelöst.

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Bequeme Schlußfolgerung

Natürlich bedauert niemand die Abwesenheit apokalyptischer Panikreaktionen. Es fragt sich jedoch, wieviel Selbstaufgabe eine solche Regungslosigkeit in sich birgt. Die Grenze zwischen Wegdenken und Resignieren ist schmal und wird leicht überschritten. Wenn die Nichts-wird-geschehen-Option nicht mehr haltbar ist, neigt man dazu, sich in die Erwartung des schicksalhaften Unheils zu ergeben. In beiden Fällen ist die bequeme Schlußfolgerung dieselbe: Es hat keinen Zweck, etwas dagegen zu unternehmen. Daher ist für Umweltaktivisten das Umfrageergebnis, mehr als zwei Drittel der Deutschen seien nun fest davon überzeugt, daß sich die Katastrophe nicht mehr vermeiden läßt, kein Grund zu jubeln.

Woher diese Gleichgültigkeit? Anscheinend haben bedrohliche Zukunftsereignisse einen paradoxen Effekt: Sie werden zugleich für wahrscheinlich und unmöglich gehalten. Es gibt ein Gefälle zwischen Information und Vorstellungsvermögen, das in diesem Fall durch ein sonderbares Phänomen verstärkt wird: Klimatisch gesehen, atmen wir die Vergangenheit ein und die Zukunft aus. Der aktuelle Klimastand ist das Ergebnis der Ausstöße unserer Eltern und Großeltern, während die Folgen unserer eigenen Handlungen erst in Jahrzehnten spürbar werden.

Der Preis des Unberechenbaren

Allein vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß der jüngst veröffentlichte Stern-Report allseits als „Weckruf“ gepriesen wurde. Obwohl die dort aufgelisteten Erkenntnisse längst zugänglich waren, hat sie doch nur ihre Konvertierung in Euro und Cent wahrnehmbar gemacht. Wenn Vorstellung und Selbsterhaltungstrieb versagen, muß der Taschenrechner ran. Jetzt kennen wir den Preis des Unberechenbaren: Es geht um 5500 Milliarden Euro.

Die Reduktion einer unfaßlichen Krise zur reinen Kosten-Nutzen-Analyse ist aber kein gutes Omen. Bereits die Meldung „Klimawandel bedroht die Weltwirtschaft“ ist eine seltsame Ursachenverkehrung. Ist es nicht eher die Weltwirtschaft, wie wir sie kennen, die das Klima aus den Fugen geraten läßt? Die globale Erwärmung wird zum „größten Marktversagen aller Zeiten“ deklariert, und dennoch soll uns ausgerechnet der Markt vor den Folgen des Versagens retten.

Nichtstun wäre folgenschwer

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