Warme Zeiten sind glückliche Zeiten. Das ist die These von Josef H. Reichholfs spektakulärem Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“. Ein Gespräch mit dem Biologen und Klimahistoriker über die Vorzüge warmer Klimaphasen.
Herr Professor Reichholf, erinnern Sie sich an einen April, der so warm wie der April 2007 war?
Fast so warm war es 1989; da schrieb ich „Das Rätsel der Menschwerdung“ und ärgerte mich, dass ich bei dem herrlichen Wetter an der Schreibmaschine sitzen musste. 1976 gab es vom Frühjahr bis weit in den Sommer eine große Trockenheit. In manchen Städten war das Autowaschen verboten. Das scheint aber in Vergessenheit geraten zu sein.
Kann es sein, dass unser Gedächtnis für Temperaturen besonders schlecht entwickelt ist?
Offenbar; denn die meisten Menschen hängen ja am Wetterbericht, als ginge es um ihr Leben. Ich erkläre mir das so, dass wir Menschen ständig mit dem Problem konfrontiert sind, unsere Vorzugstemperatur erst herstellen zu müssen. Wir sind ja tropische Wesen, wir müssen ständig nachheizen, damit unter unserer Kleidung 27 Grad Celsius herrschen. Das ist nämlich unser sogenannter Thermo-Neutralpunkt - die Temperatur, bei der wir genauso viel Wärme abstrahlen, wie der Körper produziert.
Die Differenz ist die Bedingung für Kultur? Es ist zu kühl, also fangen wir an, die Äcker zu pflügen und Kathedralen zu bauen?
Körperliche Betätigung erzeugt Wärme. Unter tropischen Bedingungen möchte man dösen und eine lange Siesta machen.
Das hieße, dass kühle Zeiten fruchtbare Zeiten sind. In Ihrem Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“ sagen Sie: Warme Zeiten sind glückliche Zeiten; und dass wir uns vor der Erwärmung nicht fürchten müssten.
Das ist richtig. Aber dass global tropische Verhältnisse herrschen, das werden wir mit Sicherheit nicht erleben. Selbst die schlimmsten Prognosen besagen ja, dass der stärkste Wandel in den polnahen Regionen kommt. Wenn es in Sibirien aber statt 20 Grad minus nur noch 15 Grad minus hat, bleibt es auch noch recht kalt. Nur wenn es so heiß würde, dass arbeiten keinen Spaß mehr machte, müssten wir uns sorgen. Wir streben allerdings nach solchen Zeiten, wir nennen sie Urlaub. Der Mensch fährt in den Süden, um sich zu erholen; das scheint ein uraltes Bedürfnis unserer Körper zu sein.
Was verändert sich, wenn es wärmer wird?
Es verschieben sich nicht bloß die Klimazonen. Auch die Niederschläge verändern sich. Ein gutes Beispiel: „Ceterum censeo“. Warum musste eigentlich Karthago zerstört werden?
Weil es Roms schärfster Konkurrent um die Macht war?
Ich würde tiefer gehen. Das Hinterland Karthagos war die Kornkammer, weil es damals, in einer Warmzeit, in Nordafrika viel mehr geregnet hat. Für die Römer war der Besitz dieser Ressourcen weitaus wichtiger als die Frage, ob eine lokale Seehandelsmacht die römischen Weltreichsansprüche stört oder nicht . . .
Rom musste Karthago zerstören, weil es in Afrika regnete? Woher wissen wir so etwas?
Das wird zurzeit an den subfossilen Wasservorräten in der Sahara untersucht. Es gibt auch sogenannte rezente Fossilien, erhalten gebliebene, aber noch nicht fossilierte Tierreste, die zeigen, dass Nordafrika zeitweise recht fruchtbar war. Das beste Beispiel bieten die Felszeichnungen von Tieren in den Gebirgen mitten in der Sahara, wo rundherum nur noch Sandwüste ist. Keine Giraffe, kein Nilpferd könnten da heute überleben.
Woher wissen wir, was wir über Klimageschichte wissen?
Exakte Messungen gibt es erst seit zweihundert Jahren. Für die Zeit vorher müssen Klimaforscher sogenannte Proxydaten verwenden . . .
Zum Beispiel?
Jahresringe des Zuwachses von Bäumen, Seesedimente und dergleichen oder frühere Vorkommen von Pflanzen und Tieren. Die Äskulapnatter, so nimmt man an, ist von den Römern aus dem Mittelmeerraum nach Gallien und Germanien gebracht worden. Dass sie sich hier halten konnte, liegt daran, dass die Temperaturen hoch genug waren. Im warmen Hochmittelalter hat sich die Schlange bis nach Südschweden ausgebreitet
Und heute?
Ist sie weitgehend verschwunden.
Und die Niederschläge?
Es gibt dazu die direkten historischen Quellen zum Hochwasser. Und auch zu Niedrigwasserständen. Die Steinerne Brücke, eines der berühmtesten Bauwerke Regensburgs, wurde 1135 bis 1146 in Trockenbauweise über die Donau geführt, weil der Wasserstand im Sommer so niedrig war. In den Sommermonaten des Mittelalters konnte man auch kaum Krieg in der Ferne führen; die Flüsse hatten zu wenig Wasser, als dass man sie als Transportwege hätte nutzen können. Umgekehrt liegen die alten Hochwassermarken an den Gebäuden der Städte am Main, am Rhein, am Inn für heutige Begriffe unglaublich hoch. Aus der Abfolge dieser Marken ergibt sich: Im Hochmittelalter gab es kaum Hochwasser. Und dann kam ganz plötzlich das schlimmste Hochwasser des letzten Jahrtausends, das 1342 weite Teile Europas erfasste. 1598 wurde das schlimmste Hochwasser am Inn registriert; man schätzt, dass 25 000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch Passau flossen. Das sind Fluten, wie sie in der jüngeren Geschichte nicht mehr aufgetreten sind.
Man sagt doch, dass das Klima umso unbeständiger sei, je wärmer es werde.
Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die warmen Zeiten auch die klimatisch ruhigeren waren. Die Kälterückschläge brachten die Katastrophen. Auf die Römerzeit folgte die fünfhundert Jahre dauernde erste kleine Eiszeit. Es kennzeichnet sie die Völkerwanderung. Aus den Quellen ist bekannt, dass es da ganz übel zugegangen sein muss. Die Goten hatten ja gute Gründe, ihr schönes Gotenland an der Ostsee zu verlassen.
Anstoß für die Völkerwanderung war eine Abkühlung in Europa?
Eindeutig. Das hohe Mittelalter ist dann eine Phase der Stabilität, rund 500 Jahre, von 800 bis 1300. Die nächste große Klimaverschlechterung brachte die extremen Hochwasser, die Sturmfluten an der Nordsee; auch die Pest.
Gut, im 14. Jahrhundert ging es also mit dem Klima bergab. Aber mit Europa ging es bergauf: Renaissance und Humanismus, Reformation und Aufklärung, das alles fällt in die kalten Jahre. Sind kalte Zeiten die besseren?
Das kommt auf den Standpunkt an. Kleriker, Mystiker, Anhänger von Augustinus würden wohl meinen: Die verdammte Aufklärung hat alles durcheinandergebracht, was jahrhundertelang so schön stabil war. Ich versuche, die Veränderung möglichst neutral zu sehen. Die frühe Neuzeit brachte eine andere Völkerwanderung. Die führte von Europa nach Amerika. Damit verminderte sich der Druck, der von den Bevölkerungen ausging. Umgekehrt wurden dort gewaltige Ressourcen für Europa ausgebeutet. Das hat sich noch einmal verstärkt im 19. Jahrhundert, im Zeitalter des Kolonialismus. Der Aufstieg Portugals, Spaniens, später die Macht Englands, das verdankte sich der Ausbeutung der Kolonien.
Ist das die Ökologie des Kolonialismus: Wenn es kalt wird in Europa, legt man Wärmespeicher auf anderen Kontinenten an?
Wenn man mit einer Art Makroskop auf die Zustände schaut, könnte man zu einer solchen Schlussfolgerung kommen.
Seit die Temperaturen steigen in Europa, sinkt Europas Macht.
Im „Alten Europa“ ja, aber es gibt ja inzwischen das Neo-Europa. Die Vereinigten Staaten sind ganz klar ein kultureller und wirtschaftlicher Ableger Europas.
Die Erderwärmung wird für viele Menschen eine Katastrophe sein.
Wahrscheinlich. Doch was wäre geschehen, wenn Europa die Kohle und das Erdöl nicht entdeckt und genutzt hätte? Dann gäbe es wohl keine Wälder mehr. Und es wären Abermillionen weltweit elend zugrunde gegangen, denen aber geholfen werden kann, weil die Entwicklung Europas die großen Fortschritte in der Medizin und in der Landwirtschaft mit sich brachte.
Aus Ihren Büchern kann man lernen, dass Natur ein höchst instabiles System ist. Heißt das aber, dass wir gar nichts tun sollen?
Nein, aber ich frage mich, wie erfolgreich kann der Versuch sein, das Weltklima zu „retten“? Das wird uns in Europa nicht gelingen, ganz sicher nicht von Deutschland aus. Europa, das ist die halbe Bevölkerung Indiens, ein Drittel der von China. Die Fläche ist so groß wie die Brasiliens. Und was sich in Brasilien abspielt, ist ökologisch weitaus wichtiger.
Inwiefern?
Die Vernichtung des Regenwalds: Ein Großteil davon ist uns anzulasten, weil wir solche Mengen an Futtermitteln aus Südamerika importieren. Für den Soja-Anbau werden riesige Flächen entwaldet. Das CO2, das dabei in die Luft geht, wird nicht kompensiert, weil Tropenwälder nicht schnell genug nachwachsen können. Die Erzeugung und der Transport von Futtermitteln für unser Stallvieh verbrauchen zehn- bis zwanzigmal so viel Energie, als wenn man gleich pflanzliche Nahrung für Menschen produzierte. Es wäre viel umweltschonender, wenn wir nicht mehr tierisches Protein konsumierten, als vom eigenen Land produziert wird.
Wir verfuttern den Regenwald. Muss es heißen: Weniger Fleisch essen statt weniger Auto fahren?
Beides wäre gut, aber vor allen Dingen müssen wir aufhören, diese Art globaler Transportwirtschaft auch noch zu subventionieren. In Japan kostet Rindfleisch zehn- bis zwanzigmal so viel wie bei uns.
Seit es immer wärmer wird bei uns, sind wir immer cooler geworden. Weniger hitzig im Streit.
Gewalt wird bei uns inzwischen erheblich besser im Zaum gehalten. Unsere Kindermärchen, die in den Jahrhunderten der kleinen Eiszeit entstanden, sind so blutig, so brutal und grausam, wie das heute nicht mehr denkbar wäre.
Alle Welt beschwert sich doch über zu viel Gewalt in den Medien.
Das ist zum Glück virtuelle Gewalt. Aggressionspotentiale gab es immer. An den Märchen kann man aber ablesen, wie normal, wie alltäglich die Gewalt in der kleinen Eiszeit war. Gerade auch die Gewalt gegen Kinder.
Wo kommt aber die Furcht her, die Hysterie - als ob es der Weltuntergang wäre, wenn es ein paar Grad wärmer wird?
Ich habe mir dazu viele Gedanken gemacht, ich habe auch mal ein Buch darüber geschrieben, mit dem Untertitel „Unsere Lust an der Katastrophe“. Apokalyptische Befürchtungen lassen sich anscheinend im Menschen leicht erwecken; das Christentum hat das über Jahrhunderte ausgenutzt und mit Hölle und Weltuntergang gedroht. Ich glaube aber auch, dass die Zukunftsangst mit der Überalterung der Gesellschaft zusammenhängt. Die Jugend strebt nach Veränderung; sie hat keine Angst davor. Je größer aber der Anteil jener Menschen wird, die ihre Zukunft hinter sich haben, desto größer scheint das Bedürfnis zu werden, das Hier und Jetzt zu bewahren.
erfrischend
Wolfgang P. Bayerl Dr. (Dr.Bayerl)
- 24.05.2007, 13:56 Uhr
Danke diesem klugen Beitrag
franz Ujvar (ujvar)
- 24.05.2007, 17:43 Uhr
Hoch interessant!
Thomas J. Huber (tjhuber)
- 24.05.2007, 17:51 Uhr
Doch was hinzuzufügen
Maximimilian Beller (mbeller)
- 24.05.2007, 18:08 Uhr
sehr eurozentristisch gedacht
Christof Schaffelder (Schaffelder)
- 24.05.2007, 18:09 Uhr