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Veröffentlicht: 22.09.2015, 12:07 Uhr

Die Klimaflüchtlinge kommen Das Leben der anderen ist armselig und kurz

Die reichen Staaten sollten sich auf eine andere, gewaltige Flüchtlingsbewegung gefasst machen: die Klimaflüchtlinge. Deren Abweisung dürfte noch schwieriger werden. Die Grenze des Zumutbaren aber ist ein rechtliches und moralisches Dilemma. Ein Gastbeitrag.

von Reinhard Merkel
© dapd Der Monsun bleibt aus: Wenn der Lebensraum verödet, bleibt bald nur noch die Flucht.

Als „Jahrhundert des Flüchtlings“ bezeichnete 1995 ein Bericht des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge das zwanzigste Jahrhundert. Heute wissen wir, dass es das 21. sein wird. Die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa ist in Wahrheit keine Krise, keine akute Notlage, die man bewältigen und ad acta legen könnte. Sie ist Vorbote eines künftigen Zustands der Welt, der bleiben wird: eines Zeitalters erzwungener Migration, eines Jahrhunderts der Flüchtlinge. Kriege, Bürgerkriege, Naturkatastrophen und Armut wird es geben, wie es sie immer gab, und wie eh und je werden sie unzählige Menschen zum Verlassen ihrer Heimat nötigen. Aber ihr Anteil am Umfang der globalen Migration wird in den kommenden Jahrzehnten weit übertroffen werden vom Einfluss eines anderen Verursachers: dem des Klimawandels.

Im Jahr 2009 zitierte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in einem Bericht für die Generalversammlung der Vereinten Nationen wissenschaftliche Prognosen zu den erwartbaren Zahlen der klimabedingten Völkerwanderung bis 2050. Sie schwanken zwischen 50 und 350 Millionen. Gewiss, solche Zahlen sind umstritten und gründen auf ungesicherten Annahmen. Auch werden viele dieser „ökologischen Flüchtlinge“ zwar ihre Wohngebiete, nicht aber ihre Heimatstaaten verlassen. Und dennoch wäre die Hoffnung, zu einer solchen Wanderung Hunderter Millionen werde es nicht kommen, lebensblind.

Ein hohes Potential

Staaten, die sich heute darauf zurückziehen, gehen ein Risiko ein, das in der Diktion der Rechtstheorie „unerlaubt“ heißt. Jedenfalls die UN weiß das. Die Beschlüsse der UN-Klimakonferenz 2010 im mexikanischen Cancún drängen alle Staaten dazu, der klimainduzierten Massenmigration kommender Jahrzehnte mit einem umfangreichen Arsenal nationaler, regionaler und internationaler Maßnahmen zu begegnen.

Hinzu kommt dies: Die Folgen der Erderwärmung werden ein noch ruhendes, aber hohes Potential künftiger Armutsmigranten in einem bislang ungekannten Ausmaß mobilisieren. Auf 400 Millionen weltweit beziffert eine jüngst erschienene Studie belgischer Wissenschaftler die Zahl derer, die schon heute ihre Heimat dauerhaft verlassen wollen; die allermeisten wollen nach Europa oder in die Vereinigten Staaten. Die Studie kalkuliert zurückhaltend, frühere Schätzungen kamen auf erheblich höhere Zahlen.

Wer will, mag nun über den Anteil räsonieren, der auf Deutschland entfallen wird. So müßig das ist: Die Zahl von 500.000, die nach Sigmar Gabriels freihändiger Vermutung Deutschland jedes Jahr – wie lange? – aufnehmen könne, wird er in absehbarer Zukunft bei weitem übertreffen.

Nur die reichen Länder profitieren

Drei Erwiderungen liegen auf der Hand. Erstens sind mit dieser Wanderung erhebliche ökonomische Chancen verbunden. Auf 11,5 bis 12,5 Prozent Wachstum des weltweiten Bruttosozialprodukts beziffern die Autoren der belgischen Studie den Effekt, der zu erwarten wäre, gäbe man die globale Migration vollständig frei. Von der lebensfernen Prämisse abgesehen, 400 Millionen Migranten ließen sich umstands- und vor allem ausnahmslos in die Ökonomien Westeuropas und Amerikas integrieren, ist das freilich eine Durchschnittszahl für alle Volkswirtschaften der Welt.

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