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Klage gegen „Baader-Meinhof-Komplex“ Die längsten Minuten

01.12.2008 ·  Von der Ermordung Jürgen Pontos durch Terroristen der RAF gab es keine Bilder. Bis jetzt: Der Film „Baader-Meinhof-Komplex“ inszeniert die Tat. Die Familie Pontos wehrt sich nun gegen die Darstellung - mit durchaus guten Aussichten.

Von Nils Minkmar
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Freitagmittag, Landgericht Köln: Einunddreißig Jahre nach dem Mord an Jürgen Ponto wird noch einmal eine Skizze des Tatorts auf der Richterbank ausgebreitet. Es ist kein Strafverfahren, es geht bloß um einen Spielfilm, Bernd Eichingers „Der Baader Meinhof Komplex“, trotzdem liegen die Nerven blank. Der Anwalt der Familie Ponto, der Berliner Medienrechtler Christian Schertz, will anhand der Skizze zeigen, wo der Film die Dinge falsch darstellt. Der Justitiar der Filmfirma Constantin, Gero Worstbrock, der äußerst angespannt wirkt, rückt immer näher und drängt Schertz rüde mit dem Ellenbogen ab, und zwar nicht versehentlich, sondern, wie es auf dem Schulhof in solchen Fällen hieß, extra. Schertz: „Was ist denn mit Ihnen los? Wollen Sie jetzt auch noch körperlich auf mich losgehen?“ Später sollen sich die Herren noch um ein Taxi zanken.

So lange nach dem deutschen Herbst ist die dem Thema innewohnende Energie beachtlich. Im Kölner Gerichtssaal begegnen sich zwei Traditionslinien. Da ist einmal die, die Stefan Aust mit seinem „Baader-Meinhof-Komplex“ begründete. Das Buch steht in nahezu jedem deutschen Bücherregal und war Vorlage für den Film, den schon 2,6 Millionen Menschen gesehen haben. Beide kreisen um das Leben von Ulrike Meinhof und die Geschehnisse im siebten Stock in Stuttgart-Stammheim.

Einer von der anderen Seite

Und dann ist da die andere, die Sicht der Opfer. Sie ist weit weniger bekannt. Die Angehörigen beginnen zum Teil gerade erst, sich zu äußern. Die Familie von Jürgen Ponto war stets am zurückhaltendsten. Es gab eigentlich gar keine öffentliche Äußerung zum Thema, bis im letzten Jahr das Buch der Journalistin Anne Siemens erschien, „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“, in dem Corinna Ponto ausführlich zu Wort kommt.

Im Film ist Ponto einer von der anderen Seite, jener also, die die Macher nicht interessiert. Während die Terroristen von hervorragenden Schauspielern gegeben werden, so dass sich selbst ein Baader-Allergiker über Moritz Bleibtreu freut, wenn er wieder so schalkhaft guckt, könnten die Opfer sämtlich aus britischen Komödien über die Krauts stammen: stiernackige Deutsche, die „ach“ oder „och“ sagen und im letzten Moment noch schafsartig ihre Killer anlächeln, weil sie als Einzige nicht kapieren, was die Stunde geschlagen hat. Jürgen Ponto ist in diesem Film auch so einer: trägt Janker und gibt den großen Herrn, schroffer Ton gegen seinen Bediensteten, bald streckt ihn die schöne Nadja Uhl nieder, und dann wendet sich der Film wieder den Seelennöten der Täter zu.

Es sind, im Film wie in der Geschichte, nur wenige Minuten, aber sie bedeuten den Pontos eine ganze Welt. Dass es keine Bilder von der Tat gab, war der sensiblen und kunstsinnigen Familie immer ein Refugium. Jürgen Ponto selber konnte sich gar nicht beruhigen über die entwürdigenden Bilder, die die Linksterroristen von ihren Opfern anzufertigen liebten, darüber, wie etwa ein Peter Lorenz vorgeführt wurde, geriet er in Wut. Von ihm werde es so etwas sicher nicht geben, erklärte er der Familie. Daher wehren sie sich heute auch in seinem Namen vor Gericht gegen die lieblose, unpräzise Inszenierung seines Kampfes gegen die geplante Entführung, der auch ein Kampf gegen die Möglichkeit der Produktion entwürdigender Bilder war. So kommt es, dass sogar ein Journalist empfangen wird.

Wir treffen uns im Haus einer Freundin von ihr, so dass ich erst nicht weiß, wer mir da die Tür öffnet: Die Dame, deren Name am Türschild steht, oder die, mit der ich verabredet bin?

Kalter Verrat

Ich kenne kein aktuelles Foto von Corinna Ponto, und das liegt nicht an mir. Ich kenne allerdings, wie jeder erwachsene Deutsche, die Geschichte der Familie, zumindest bis zu diesem Sommertag vor dreißig Jahren. Am selben Tag noch wurde der Name auch für Kinder ein Begriff. Straßensperren selbst in Dudweiler im Saarland. Für heutige Verhältnisse dilettantisch geschützte Polizisten mit Kriegswaffen vor den Bäuchen stoppen Pendler und bevorzugt Studenten in ihren rostigen Karren. Wir Kinder laufen zum Kiosk, so viel Polizei haben wir noch nie gesehen. Mit dem Dolomiti-Eis in der Hand gucken wir uns die Kontrolle an. Was ist eigentlich los? Anne weiß Bescheid: „Die suchen eine, die heißt Susanne und hat ihren Onkel umgebracht.“

Der Mord am Vorstandssprecher der Dresdner Bank Jürgen Ponto am 30. Juli 1977 in Oberursel ragt aus der Serie der Taten der RAF heraus. Einmal, weil es der einzige Mord ist, der durch eine Augenzeugin beobachtet wurde und damit aufgeklärt werden konnte, bei nahezu allen anderen Morden ist ja noch unklar, wer letztlich geschossen hat. Und dann, weil er nicht draußen verübt wurde, auf der Straße, sondern im Esszimmer der Familie, in welches die Terroristen freundlich zum Kaffee gebeten worden waren, weil eine von ihnen die Tochter des besten Freundes von Ponto war. Bei keinem anderen Mord der RAF gab es eine persönliche Beziehung zwischen Opfer und Täterin, immer ging es nur um irgendein System. Hier fand sich möglicherweise das fröhliche Gesicht der Täterin als Kind in den Fotoalben der Familie des Opfers. „Sie finden“, sagt Corinna Ponto, „in diesem Mord die großen Themen von Verrat, Freundschaft, Treue und Familie, Mut und Feigheit alle enthalten.“

Es wird ein langes Gespräch, bei dem sie ab und zu aus selbstgeschriebenen Texten vorliest, nächtlichen Gedanken, um die Komplexität der Geschichte irgendwie zu bändigen. Dabei lachen wir trotz allem auch ziemlich oft. Die Tat hat die Familie an andere Orte geweht, verändert, mit der Welt in eine sehr eigentümliche Beziehung gesetzt, aber nicht zerstört.

Auf Nachfrage schildert sie Erinnerungen an Susanne Albrecht, an deren Besuche noch kurz vor der Tat, und gibt ihre Einschätzung dieser Frau, die wiederum erheblich von der Schilderung im Film abweicht, das alles möchte sie aber nicht in der Zeitung lesen. Es ist ein Hantieren wie mit empfindlichen chemischen Stoffen, man weiß nie, was da wie reagiert.

Ein Ranking der Opfer

Denn in der deutschen Öffentlichkeit sind die Gedanken zu diesem und zu anderen Terrormorden nicht ganz sortiert. Immer noch gibt es eine Art Ranking der Opfer: Fahrer und Leibwächter, die Passagiere der „Landshut“, das sind die unschuldigen Opfer. Und bei den anderen, den angeblich Mächtigen? Da greift schnell eine populäre Viktimologie, nach der die es schon irgendwie verdient haben werden. Vielleicht ist es ein die Leute tröstender Gedanke, dass Mord zu denen ins Haus kommt, die etwas dafür können, die unvorsichtig waren oder gar als Kapitalist „strukturelle Gewalt“ verüben? Er ist dennoch falsch. Schuld an einem Mord sind die Mörder. Und wie reagiert man darauf? Indem man sagt, dass damalige Bankchefs mitnichten die Reichtümer anhäufen konnten, die heute selbst mittleren Investmentbankern zufliegen? Indem man darauf hinweist, wer Jürgen Ponto noch war, außer Mordopfer?

Wer öffentlich sprechen soll, muss sich sicher fühlen. Doch wie sollte sich in dieser Familie so ein Gefühl einstellen, nicht einmal verstiegen psychologisch gesehen, sondern ganz physisch? Kurz nach dem Mord explodierte ein Sprengsatz auf dem doch schon von der Polizei bewachten Grundstück. Es gab Diebstähle, allzu viele unerklärte Vorkommnisse. Dann all die Morde der sogenannten dritten Generation, über die kaum etwas bekannt ist, geschweige denn, dass die Täter gefasst wären. Die Geschichte ist immer noch in weiten Teilen unklar. Was ist mit der Rolle der DDR? Und all die anderen, noch offenen Fragen. In diesen Dingen hat man es sich im Film einfach gemacht: Die Stasi kommt nicht vor.

Bald sind alle drei an der Tat von 1977 Beteiligten frei. Sie könnte ihnen in der U-Bahn begegnen. „Die Terroristen“, fragt Corinna Ponto, „sind heute in den Medien nur noch die Ex-Terroristen. Aber wie wird man Ex-Opfer?“

Eine eigene Stimme zu finden ist schon mal ein richtiger Schritt. Die betagte Witwe von Jürgen Ponto, die Mutter von Corinna, Ignes von Hülsen-Ponto, hat sich zum öffentlichen Widerspruch entschlossen, nachdem das Erste sowohl in der „Tagesschau“ als auch bei „Beckmann“ die Szene der Ermordung ihres Mannes brachte, in der sie als dauertelefonierende Terrassentussi auftritt, die erst dann etwas mitkriegt, als es längst zu spät ist. Ignes Ponto, eine Verwandte von Helmuth Graf von Moltke und auf dem Gut in Kreisau geboren, saß aber nicht plaudernd am Pool, während ihr Mann ermordet wurde. Sie hat gesehen, wie er erschossen wurde. Das Zimmer war völlig dunkel, kein Schuss war zu hören. Es war, schreibt Corinna Ponto in einem ihrer Texte, „ein leiser Tod nach einem kalten Verrat“.

Dennoch ist der Film in der Welt, was nun? Vor dem Kölner Gericht wies der Anwalt der Filmproduzenten darauf hin, die Zeugin habe über die Jahre leicht abweichende Darstellungen der Tat gegeben. Die Richterin, die den Fall mit rheinischer Gelassenheit verhandelt, klärt ihn darüber auf, dass das ihr Alltag sei: Von jedem Verkehrsunfall gibt es zwanzig Versionen. Das wissen freilich auch manche Filmemacher, dass Vielstimmigkeit einem Film eher guttut.

Klärende Kopfnote

Dabei waren die Macher so stolz über die Detailgenauigkeit, mit der alles rekonstruiert wurde. Das Original-Klo aus Stammheim wurde verwendet, heute kann man es auf der Bavaria-Studio-Tour bewundern. Jede einzelne der Schallplatten in Baaders Zelle ist authentisch. Doch im Falle dieses Mordes hat man sich nicht auf die neueste Literatur verlassen. Außerdem sei die Familie schwer zu erreichen, trug der Anwalt vor. Allerdings hätte man es ja mal versuchen können, der Witwe von Jürgen Ponto zu schreiben, beispielsweise mit einem Brief an die originelle Adresse Jürgen-Ponto-Stiftung am Jürgen-Ponto-Platz 1 in Frankfurt.

Die Chronistenrolle ist den Produzenten aber auch deshalb so wichtig, weil sie Neutralität suggeriert. Denn sonst hätte man ja sagen müssen, was man mit dem Film will. Was hätte das sein können? Zeigen, wie tolle, gutaussehende Menschen in schreckliche Dinge hineingeraten? Das Exkulpatorische des Ansatzes wäre schwer zu verteidigen gewesen. Chronist und Perfektionist ist da schon die bessere Rolle. Sie muss aber durchgehalten werden.

Das Kölner Verfahren ist nicht abgeschlossen. Das Gericht hat allerdings einen Einigungsvorschlag unterbreitet, der deutlich macht, dass es durchaus ein Problem sieht. Vor dem Film könnte doch, so die Kammer besänftigend, dreißig Sekunden lang eine Tafel zu lesen sein, in der darauf hingewiesen wird, dass die Darstellung des Films in manchen Szenen von der Realität abweicht, auch der Name Ponto könnte dort stehen.

Es wäre eine Sensation. Diese Kopfnote könnte den Beginn einer ganz neuen Auseinandersetzung mit der Epoche markieren, mit dem nämlich, was am Komplex wirklich komplex ist. Am 7. Januar treffen sich die Parteien wieder.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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