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Kino Spielbergs trübe Quellen

06.01.2006 ·  Gab Golda Meir die Mordaufträge? Die Vorlage des Spielfilms „Munich“ über das Olympia-Attentat 1972 ist eine Räuberpistole. Zwei israelische Journalisten tadeln Spielberg. Von Yossi Melman und Steven Hartov.

Von Yossi Melman und Steven Hartov
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Letzten Monat versammelten sich führende Vertreter der jüdischen Gemeinde Manhattans zu einer privaten Filmvorführung. Die Einladung ging von Dennis Ross aus, der im Außenministerium der Clinton-Regierung als Beauftragter für den Nahen Osten arbeitete und heute dem Think-Tank „Washington Institute for Near East Policy“ angehört. Seiner Meinung nach ist Steven Spielbergs vielbesprochener Spielfilm „Munich“, der am 23. Dezember in ganz Amerika in die Kinos kam und vom 26. Januar an in Deutschland zu sehen sein wird, gut für die Juden und gut für Israel.

Ross rühmt sich, den Film entschärft zu haben, so daß Israel und sein Krieg gegen den Terrorismus darin nun in einem positiven Licht erschienen. Er erzählt auch, er habe Spielberg überreden können, eine Szene einzufügen, die ursprünglich nicht vorgesehen war: einen Monolog der Mutter Avners, des zerrissenen Protagonisten des Films und Anführers des Mossad-Scharfschützenteams. Der Monolog der von der ehrwürdigen israelischen Schauspielerin Gila Almagor gespielten Figur mag zur Rührung des Publikums erdacht sein, doch manchen erscheint er als reiner Kitsch. Die Mutter versucht ihren Sohn davon abzuhalten, Israel zu verlassen, und hält ihm eine Predigt über den Holocaust, das jüdische Volk, historische Vergeltung und so weiter. Dieser pädagogische Monolog soll ein Gegengewicht zu palästinensischen Sprechern bilden, die ständig vom Leiden ihres Volkes reden. Einigen Mitgliedern dieses Volkes geht es so schlecht, daß sie zu den Waffen greifen, Terroristen werden und 1972 bei den Olympischen Spielen in München elf israelische Sportler ermorden.

Langweilig und eindimensional

Wir fanden den Film langweilig und eindimensional, doch Spielbergs Sorge wie auch die seines Drehbuchautors, des angesehenen Theaterschriftstellers Tony Kushner, die sich beeilten, den Film zwei Tage vor Weihnachten - gerade noch rechtzeitig für eine Oscar-Nominierung - in die Kinos zu bringen, und auch den Schauspielern verboten, Interviews zu geben, gilt nicht den Besprechungen in den Medien, sondern der politischen Kritik durch Meinungsmacher in Israel und innerhalb der jüdischen Gemeinde Amerikas.

Das Blut israelischer Geheimagenten und der von ihnen gejagten palästinensischen Terroristen auf dem Pflaster dunkler Gassen in Europa war noch nicht getrocknet, da tat sich 1984 ein junger Israeli namens Yuval Aviv-Abayov mit einem aufstrebenden kanadischen Journalisten namens George Jonas zu einem gemeinsamen Buchprojekt zusammen. Aviv behauptete, ein gerade erst aus dem Dienst ausgeschiedener Mossad-Killer zu sein, der eine Geschichte zu erzählen habe. Und damit begann das Spiel.

Vergeltung auf Befehl?

Der Bestseller, der aus dieser Zusammenarbeit hervorging, trug den Titel „Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team“ (in der deutschen Ausgabe: „Die Rache ist unser“) und beschrieb in allen Einzelheiten, wie Israel auf das Massaker von München reagiert hatte. Demnach rief die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir den Mossad-Chef General Zvi Zamir zu sich und gab ihm den Befehl, Vergeltung zu üben und alle an der Aktion direkt oder indirekt beteiligten PLO-Aktivisten zu töten. Aus der Sicht der von Aviv beschriebenen Figur mit Decknamen „Avner“ erzählt, schien die Darstellung des Buches gut zu den Zeitungsberichten über die Liquidierung der an der Ermordung der israelischen Sportler beteiligten Mitglieder des Schwarzen September durch israelische Agenten zu passen. Jedenfalls wurde das Buch zur Grundlage eines erfolgreichen HBO-Films mit dem Titel „Sword of Gideon“.

Doch einige Jahre später kam die Wahrheit über das Buch ans Licht, als Yuval Aviv und George Jonas wegen der Honorare für den HBO-Film von einer dritten Partei vor einem New Yorker Gericht verklagt wurden. Aus den Gerichtsakten und unseren eigenen Nachforschungen geht hervor, daß Aviv niemals dem Mossad oder einem anderen israelischen Geheimdienst angehörte. Er scheiterte schon in der Grundausbildung der israelischen Streitkräfte. Einer geheimdienstlichen Tätigkeit kam er niemals näher als in seiner Stellung als einfacher Wachmann der israelischen Fluggesellschaft El Al in New York Anfang der siebziger Jahre. Die gemeinsam mit George Jonas fabrizierte Geschichte war offensichtlich reine Erfindung. Eine Stellungnahme zu diesen Vorwürfen verweigerte Aviv.

Durch reale Ereignisse inspiriert

Wie ist es da möglich, daß Steven Spielberg, Tony Kushner und ihre ehemalige Produzentin Kathleen Kennedy sich entschlossen, die von Jonas und Aviv erfundene Geschichte noch einmal aufzuwerten, indem sie das Buch als Quelle für ihren Film „München“ zitieren? Im Juli letzten Jahres, als wir von den Dreharbeiten erfuhren, traten wir an die Produktionsfirma heran, um Genaueres zu erfahren. Spielbergs PR-Maschine bestritt damals jegliche Verbindung zu Jonas und Aviv. Doch im Vorspann heißt es, der Film sei durch reale Ereignisse inspiriert worden, und der Abspann verweist ausdrücklich auf das Buch von Jonas.

Mehr als dreißig Jahre waren seit dem Beginn dieses tödlichen Katz-und-Maus-Spiels vergangen, und Beteiligte auf beiden Seiten waren durchaus bereit, darüber zu sprechen. Doch niemand nahm Kontakt zu den Menschen auf, die über die geheimen Vorgänge Bescheid wissen. Bei Zvi Zamir, der als ehemaliger Mossad-Chef den Mythos in weniger als einer Stunde hätte zerpflücken können, klingelte niemals das Telefon. „Niemand aus dem Produktionsteam ist an mich herangetreten, und man hat mir den Film auch nicht vorab gezeigt“, erzählte uns Zvi Zamir, der zur Zeit der Geiselnahme in München Chef des Mossad war und die nachfolgenden Liquidierungsaktionen aus diversen Hauptquartieren in Europa leitete. „Ich bin ja bereit, mir eine Eintrittskarte zu kaufen, damit Spielberg auch an mir verdient“, fügte er sarkastisch hinzu. „Ich glaube, Spielberg interessiert sich hauptsächlich dafür, wie er mit dem Film Geld verdienen kann, und nicht für die historische Wahrheit.“

Keine Anfrage an den Mossad-Chef

Auch Mike Harari, der damalige Leiter der Mossad-Abteilung, der die Führung der Geheimkommandos oblag, erhielt keine Anfrage von Spielbergs Team. Die Familien der elf ermordeten Sportler waren gleichfalls sehr enttäuscht, daß niemand von Spielbergs Leuten Kontakt mit ihnen aufnahm. Selbst Mohammed Daoud, der ehemalige Chef des Schwarzen September, der gemeinhin als führender Kopf bei der Planung der Münchener Geiselnahme gilt, war äußerst erstaunt, daß niemand mit ihm sprechen wollte.

Während Ross seinen Charme bei der jüdischen Gemeinde in Amerika und den Medien spielen ließ, nahmen Spielberg und seine Produzenten Premierminister Ariel Scharons Berater Eyal Arad, einen brillanten, aber recht aggressiven PR-Mann, in ihre Dienste. Es ist interessant, daß Arad vor fünf Jahren vom damaligen Mossad-Chef Efraim Halevy als externer Berater angeheuert wurde, als der Geheimdienst erstmals in seiner Geschichte beschloß, Nachwuchs über Anzeigen in der Presse zu rekrutieren. Doch der Versuch, eine Vorführung des Films für ehemalige Mossad-Mitarbeiter zu organisieren, schlug fehl. Die Universal Studios verlegten die israelische Premiere des in ihrem Verleih befindlichen Films auf Ende Januar, so daß Arad mehr Zeit hat als Ross, das israelische Publikum davon zu überzeugen, daß „Munich“ gut für das Image Israels ist.

Eine Reihe von Fragen

Bei den Leuten vom Geheimdienst blieb Arads Werben erfolglos. Bei den Familien der Opfer war er dagegen erfolgreicher. Er konnte zwei führenden Vertretern der Angehörigen, Ilana Romano, der Witwe des Gewichthebers Yosef Romano, und Ankie Spitzer, der Witwe des Fechttrainers Andrei Spitzer, den Film vorführen, und sie lobten das Werk als sensibel und respektvoll. Doch die Familien der Opfer bilden keine monolithische Gruppe. Sie streiten über eine Reihe von Fragen, darunter die Form des Gedenkens, die Entschädigung und die Verantwortung der bundesdeutschen Regierung. Romano und Spitzer haben sich als führende Persönlichkeiten profiliert. Vor zwei Jahren konnten sie den deutschen Staat dazu bewegen, den Familien eine Entschädigung zu zahlen, allerdings ohne ein Schuldeingeständnis wegen der gescheiterten Rettungsaktion der bayerischen Polizei.

Wenn Spielberg sich die Mühe gemacht hätte, an das Büro des israelischen Ministerpräsidenten heranzutreten, wäre ihm wahrscheinlich ein roter Teppich ausgerollt worden. Dort hätte man dem Mossad-Chef befohlen, den an der Operation beteiligten oder damit vertrauten Agenten die Anweisung zu erteilen, mit Spielberg zusammenzuarbeiten und ihn innerhalb gewisser Grenzen mit Auskünften, Anekdoten und Ratschlägen zu versorgen.

Jede Verbindung zu Israel vermieden

Zamir hätte mit Spielberg gesprochen. Und vielleicht wäre sogar der öffentlichkeitsscheue Mike Harari bereit gewesen, mit ihm zusammenzutreffen. Doch Spielberg und Kushner entschlossen sich, jede Verbindung zu Israel zu vermeiden. Unter all den Möglichkeiten, sich das Wissen der Experten innerhalb wie außerhalb der Geheimdienste nutzbar zu machen, entschieden sie sich für Jonas und Aviv.

Befragt, ob der Film nicht ein Problem mit der historischen Wahrheit habe, verteidigte Arad erwartungsgemäß Spielbergs Entscheidungen. „Kushner und Spielberg sind kreative Künstler. Sie haben einen Thriller geschaffen, der nach künstlerischen Gesichtspunkten beurteilt werden sollte. Der Film ist ein Kunstwerk, und er sollte genau so betrachtet und beurteilt werden wie der Monolog des Antonius in Shakespeares Julius Cäsar.“ Arad behauptet, der Film nehme nicht Stellung zu der Frage, „ob das Buch von Jonas der Wahrheit entspricht oder ob Yuval Aviv ein Lügner und Betrüger ist“. Er selbst gibt auf Nachfrage an, er neige „zu der in israelischen Militärkreisen herrschenden Ansicht, wonach all das Avivs fieberndem Gehirn entsprungen ist“. Als Kunstwerk könne der Film dennoch wahr sein.

Der historischen Wahrheit verpflichtet?

Wie man erwarten konnte, sind die Reaktionen auf den Film bislang hauptsächlich emotionaler Natur. Manche finden ihn ausgewogen, während andere meinen, er sympathisiere zu sehr mit der einen oder der anderen Seite. Avi Dichter, der ehemalige Leiter des Sicherheitsdienstes Shin Bet, der heute eine wichtige Rolle in der von Premierminister Scharon neu gegründeten Kadima-Partei spielt, hat den Film gesehen und meint, die Mossad-Agenten und einige Aspekte der Geheimdiensttätigkeit seien unzutreffend dargestellt. Doch am meisten stört ihn, daß diese gänzlich fiktive Darstellung angesichts der Wirkungsmacht der Hollywoodfilme schon bald als gültige und endgültige historische Darstellung gelten könnte. Der Film wirft die schwierige Frage auf, ob ein Kunstwerk, das reale historische Persönlichkeiten wie die israelische Premierministerin Golda Meir porträtiert und dies auch noch durch den Einbau historischen Filmmaterials unterstreicht, nicht auch der historischen Wahrheit verpflichtet ist.

Wir meinen, die Antwort lautet ja. Der Regisseur, der so historische Werke wie „Schindlers Liste“ geschaffen hat, verhält sich wie ein junger Journalist, der auf eine großartige Story stößt und beschließt, sie um jeden Preis auszuschlachten, statt uns mit Wahrheit und Fakten zu verwirren.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Yossi Melman hat sich als Journalist der israelischen Tageszeitung „Ha'aretz“ auf Geheimdienstfragen spezialisiert. Steven Hartov ist Herausgeber der Zeitschrift „Special Operations Report“.

Quelle: F.A.Z., 06.01.2006, Nr. 5 / Seite 31
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