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Kindergärten Die wahre Bildungsmisere

15.09.2005 ·  Wer im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar ist, so die fragwürdige Politik der Hansestadt Bremen, der darf sich um den Nachwuchs im Kindergarten kümmern: Dieses Beispiel darf nicht Schule machen.

Von Sandra Kegel
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Was sind uns unsere Kinder wert? Diese Frage muß sich eine Gesellschaft stellen, in der Kindergartenkinder seit einiger Zeit von Sozialhilfeempfängern ohne nachgewiesene Eignung und Neigung betreut werden.

Wer im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar ist, so die fragwürdige Politik der Hansestadt Bremen, der wird auf den Nachwuchs losgelassen, und zwar auf die Allerkleinsten - in der irrigen Annahme, kleine Kinder bedürften keiner fachgerechten Betreuung. Dabei sagt uns heute auch die Hirnforschung, was der Volksmund mit Hans und Hänschen immer schon wußte: daß die Einflüsse in den ersten Lebensjahren über die Entwicklung eines Menschen entscheiden.

„Zum Üben“ an die Kitafront

Je nach Bundesland müssen Erzieherinnen - zu 97 Prozent handelt es sich laut Bundesagentur für Arbeit tatsächlich um Frauen - eine vier- bis fünfjährige Ausbildung absolvieren, um für die Herausforderungen ihres Berufs gewappnet zu sein. Die Arbeitslosen in Bremen hingegen, die womöglich jahrelang keiner geregelten Beschäftigung nachgingen, werden „zum Üben“ sofort an die Kitafront geschickt und nebenher an zwei Tagen in der Woche zum Kinderpfleger geschult.

In der Hierarchie der pädagogischen Berufe kommt hierzulande ganz unten die Kindergärtnerin und ganz oben der Professor. Die höchstqualifizierten Universitätslehrer werden von allen Pflichten zum Umgang mit jungen Leuten entlastet und müssen sich noch nicht einmal mit Habilitanden beschäftigen. Insofern muß man das Bremer Modell, wonach für die Kleinsten die Schlechtestqualifizierten gut genug sind, wenigstens konsequent nennen. Ihm liegt aber ein hierzulande gängiges Mißverständnis zugrunde. Die Wahrheit ist: Je jünger die Kinder sind, desto komplexer sind die Lernprozesse und desto besser müssen die Erzieher ausgebildet sein. In Deutschland wird das Gegenteil praktiziert: Je jünger die Kinder sind, desto niedriger ist das Niveau und oft auch die Qualität der Ausbildung.

Entweder Erzieher oder Lehrer

Deutschland ist heute neben Österreich und Malta das einzige Land der westlichen Welt, das für seine Erzieher kein Hochschulstudium vorsieht. In der ersten wichtigen Lernphase sind die Lehrer am wenigsten kompetent. Während andere Länder zwischen Erziehung und Bildung auch sprachlich nicht unterscheiden - das englische „education“ etwa bedeutet beides - ist man bei uns entweder Erzieher oder Lehrer; als ob auf der Schule nicht mehr erzogen und im Kindergarten noch nichts gelehrt würde.

Finanziell gesehen stehen deutsche Erzieher in Europa nicht einmal schlecht da. Ihr Verdienst, der sich nach Bundesangestelltentarif richtet, liegt im europäischen Vergleich im vorderen Bereich. Kinderpfleger, die in Krippen und Kindertagesstätten beschäftigt sind, verdienen im Monat zwischen 1498 und 2093 Euro brutto. Etwas mehr erhalten die hierarchisch höher angesiedelten Erzieher: zwischen 1716 und 2914 Euro - das entspricht etwa dem Gehalt einer ausgebildeten Pflegekraft im Krankenhaus. Wer eine Kindertagesstätte leitet, kann es auf ein Bruttogehalt von 2173 bis 3690 Euro bringen. Ein Grundschullehrer hingegen verdient schon beim Berufseinstieg mindestens 2559 Euro im Monat.

Die Note „unzureichend“

Wer den Kindergarten reformieren möchte, setzt bei der fachlichen Verbesserung der Erzieher an, da ihr Ausbildungsniveau unmittelbar mit der Qualität des Lernens zusammenhängt. „Es gibt keine politische Rechtfertigung dafür, daß wir die Erzieherausbildung in Deutschland so niedrig gestaltet haben“, äußert der Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, Wassilios Fthenakis, im Gespräch mit dieser Zeitung. Und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris erteilte der deutschen Erzieherausbildung in ihrer Kindergarten-Studie des Jahres 2004 die Note „unzureichend“. Deutschland gebe außerdem im internationalen Vergleich zu wenig Geld für seine Kindergärten aus. Wir investieren 0,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts in den Elementarbereich. Laut OECD müßte es doppelt so viel sein. Frankreichs Kinder erhalten immerhin 0,.75 Prozent des BIP, also gut 3,5 Milliarden Euro mehr. Vor allem aber bemängelte die OECD die Qualitätsanforderungen an die Kitas als „anspruchslos“. Weder in der Wissenschaft noch in der Politik genössen frühkindliche Bildung und Erziehung jene Beachtung, die ihnen in anderen Ländern zukomme.

„Wir haben uns in der Vergangenheit zu sehr auf die Schulen konzentriert“, gesteht auch die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger, weshalb Hessen und Bayern unter der Leitung von Wassilios Fthenakis einen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von null bis zehn Jahren entworfen hat, der in Bayern schon umgesetzt und in Hessen seit September an fünfundvierzig Kindergärten und Grundschulen erprobt wird. Darin bekennen sich die Länder zum frühen Lernen. Bildung beginnt nicht erst mit der Einschulung, heißt es dort, sondern „Kinder lernen von Geburt an“. Und da sie zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten auf ihre Umwelt besonders angewiesen sind, sollen Kindergärten künftig mehr bieten als Spiel und Spaß.

Warum ist die Sonne gelb?

Und Kinder wollen lernen. Es geht also keineswegs darum, sie zu überfordern - sondern darum, ihnen gerecht zu werden. Weil Kinder enorm wißbegierig sind und tausend Fragen haben: Warum kann ein Flugzeug fliegen? Warum fließt Wasser nicht von unten nach oben? Warum ist die Sonne gelb, der Himmel blau? Wer ihnen darauf antworten kann, befriedigt nicht nur ihre Neugier, sondern leistet Bildungsarbeit in einem kindgerechten Sinn. „Viele Kindergärten arbeiten schon heute im Sinne des neuen Bildungsplans“, sagt Claudia Horn, die Leiterin des evangelischen Kindergartens Epiphanias im Frankfurter Nordend, „aber jetzt haben wir erstmals ein Instrumentarium in der Hand, nach dem wir uns richten und orientieren können“. Bisher war die Evaluation von pädagogischer Arbeit im Elementarbereich nicht vorgesehen.

Länder und Kommunen waren eher darauf bedacht, daß die Kindergärten die offiziellen Betreuungsschlüssel einhielten und die Toiletten im korrekten Abstand zueinander standen. Was die Kinder in den durchschnittlich siebenhundert Tagen ihres Kita-Daseins lernten, interessierte kaum jemanden. Daß der Bildungsauftrag für Vorschulkinder so lange vernachlässigt wurde, ist umso unverständlicher, als der Kindergarten eine Erfindung aus Deutschland ist. Als Friedrich Wilhelm August Fröbel 1840 den ersten Kindergarten der Welt eröffnete, stand dahinter nichts anderes als der Gedanke, Bildung und Erziehung zu verbinden. Das wird heute in der ganzen Welt praktiziert - außer in Deutschland, wie Wassilios Fthenakis kritisiert: „Hier wurde die internationale Entwicklung frühkindlicher Pädagogik der letzten dreißig Jahre nicht berücksichtigt.“ Statt dessen wird mit dem sogenannten Situationsansatz gearbeitet, einer Formel aus den siebziger Jahren, die das selbstbestimmte Lernen der Kinder in den Vordergrund stellt. Der Sachverständigenrat der Hans-Böckler-Stiftung kritisierte schon vor Jahren, daß dieser Ansatz die pädagogische Beliebigkeit befördere.

Dramatische soziale Veränderungen

Was die Bildungspolitiker zum Handeln veranlaßt hat, ist die Erkenntnis, daß die Erzieher, selbst wenn sie Außerordentliches leisten, von den Herausforderungen, die heute an die Institution Kindergarten gestellt werden, oft genug überfordert werden. Die Lebensform Familie unterliegt dramatischen sozialen Veränderungen. So nimmt die Zahl der Alleinerziehenden kontinuierlich zu, und seit 1965 hat sich der Anteil der Kinder, die von der Sozialhilfe abhängen, um das Sechzehnfache erhöht. Für viele gesellschaftliche Fehlentwicklungen, von der Ausländerisolation bis zur Pisa-Misere, wird das Fundament im Kindergarten bereitet. Kitas in Städten wie Berlin, Frankfurt oder Offenbach haben sich längst zu kulturellen Schmerztiegeln entwickelt. Aber wenn schon die Zivilgesellschaft und der Verfassungsschutz mit Multikultultur regelmäßig überfordert sind - wie kann da eine siebzehnjährige Realschülerin ohne Hilfestellung die Probleme meistern, die in einer Sechs-Nationen-Kita auftreten?

Das alles soll sich mit den neuen Bildungsplänen ändern. Fthenakis stellt sich den idealen Kindergarten der Zukunft als eine „kreative Werkstatt“ vor, in der die Kinder auf diese Welt, deren Abläufe heute in so hohem Maße diskontinuierlich wirken, vorbereitet werden. Konkrete Vorgaben, wie man sich das in der Praxis vorzustellen hat, gibt die gut hundertseitige Programmschrift, die auf der Webseite des hessischen Sozialministeriums zugänglich ist, nicht. Und doch bedeutet es nichts weniger als eine Revolution im Sandkasten - die bisher größte Veränderung in der Geschichte der Institution Kindergarten. Landauf, landab werden Erzieher auf Fortbildungen geschickt. Allein in Hessen gibt es heute fünf Mal mehr Schulungsangebote als früher. Auch bieten einige Hochschulen wie die Evangelischen Hochschulen Hannover und Freiburg oder die Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule seit letztem Jahr Studiengänge für frühkindliche Pädagogik an.

Die Sprache ist Fundament

Von einer verpflichtenden Akademisierung der Erzieher, wie sie auch Claudia Horn, selbst studierte Sozialpädagogin, favorisiert, sind Politiker wie Silke Lautenschläger indes nicht überzeugt. Ihr Augenmerk liegt auf der Umsetzung der Inhalte des Bildungsplans, der sich in Hessen besonders auf die Sprachförderung konzentriert: „Die Sprache ist Fundament für die soziale, schulische und berufliche Entwicklung.“ Umso erschreckender sind die Ergebnisse einer jüngst veranstalteten Sprachstanderhebung unter Vierjährigen in Hessen: Mehr als jedes zweite Kindergartenkind mit ausländischer Muttersprache ist demnach sprachauffällig. Aber auch mehr als jedes fünfte deutschsprachige Kind weist Defizite in seiner Muttersprache auf. Nur 4,2 Prozent der Kinder, die sich an dem Sprachtest beteiligten, wiesen eine abgeschlossene primäre Sprachbildung auf.

Neue Sprachprogramme von Bund und Ländern speziell für Kindergartenkinder sollen der wachsenden Sprachlosigkeit innerhalb der nächsten Generation entgegenwirken. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt: Wer nicht so früh wie möglich angesprochen wird, wird überall im Leben vor der Tür bleiben. Sollte das Sprecherziehungsprogramm scheitern, sind die Folgen für das Land kaum abzusehen. Wie aber erreicht man die acht Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen, die gar keinen Kindergarten besuchen? Aus den sozial schwächsten Familien in Deutschland bleibt laut OECD sogar jedes dritte Kind bis zur Grundschule daheim. Darauf haben die Bildungspolitiker in ihren neuen Plänen keine Antwort parat. Dabei benötigen diese Kinder die gezielte Förderung am dringendsten.

Quelle: F.A.Z., 15.09.2005, Nr. 215 / Seite 37
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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

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