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Kinder kriegen : Wir brauchen einen Familismus!

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Kinderfrage: An dieser Klippe tickt die Uhr, eine große Entscheidung will getroffen werden Bild: dpa

Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen? Nein, aber zahlreiche Ängste halten Frauen davon ab. Wir brauchen einen neuen Feminismus. Besser noch: einen Familismus.

          Woher kommt die tiefe Verunsicherung, die Panik von uns gut ausgebildeten Frauen, dass ich mein selbstbestimmtes Leben, meine Freiheit verlieren könnte, wenn ich ein Kind bekomme? Seit jedes Rollenmodell verhandelbar und damit die Lage einfach komplizierter geworden ist in Beziehungen und in der Gesellschaft, vervielfältigen sich unsere Ängste.

          Wir scannen, innerlich hochgerüstet, alles um uns herum auf Gefahren ab. Und was sehen wir da? Todmüde Eltern-Zombies, die über Büroflure schleichen. Eingetaktete Leben, jede Minute ist durchgeplant. Schlaflosigkeit, Ehekrisen, Trennungen. Es wimmelt nur so von Alleinerziehenden. Wo Kinder sind – da stehen die Eltern ständig unter Strom, sind immer in Eile. Kino, Sport, was Trinken gehen? Frag noch mal in fünf Jahren nach.

          Eine Emanzipation ins Erwachsenwerden

          Es ist noch nicht lang her, da war ich genau so ein Zombie im Flur. Ich finde es nachvollziehbar, dass einem bei der Beobachtung dieser Realitäten die Lust an einem solchen Leben vergeht.

          Aber was liegt der Abwehr wirklich zugrunde? Antonia Baum hat ihre Ängste zum Ausdruck gebracht, und das finde ich gut. Denn, alles in allem, geht es bei dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von Kindern Ja oder Nein, vor allem um tiefsitzende Ängste und eine daher notwendige neue Emanzipationsbewegung – eine Emanzipation von unseren Ängsten. Eine Emanzipation ins Erwachsenwerden hinein.

          Guter Rat ist hier billig. Vor allem, wenn er von berufstätigen Eltern kommt – oder auch von einem Mann (wie etwa die Antwort von Stefan Schulz auf Antonia Baum). Für Männer geht es auch um das Suchen und Finden einer neuen Männlichkeit – aber sie stehen nicht so unter Druck, nicht so an der Kante dieser seltsamen Kinderfrage-Klippe. An dieser Klippe tickt die Uhr, man muss für den eigenen Lebensweg eine große Entscheidung treffen, eine mit unabsehbaren Folgen.

          Die Angstverstärker sind alte Krokodile

          Bisher hat es für uns Frauen ganz gut geklappt, im Beruflichen haben wir einiges erreicht, den vielfältigen Möglichkeiten haben wir uns gestellt. Durch Bildung, Leistung, unseren unbedingten Arbeitseinsatz hatten wir alles eigentlich ganz gut im Griff. Das Gefühl von Verunsicherung konnte nicht überhandnehmen. Wir haben gelernt, dass wir das Optimum geben können, dafür auch eine Menge zurückbekommen. Aber hier, an der Klippe, gibt es kein Optimum, es gibt keine best practice.

          Egal, was ich mache, da oben, wie ich mich entscheide – ob ich mich von der Klippe zurückziehe oder abspringe –, ich mache erst einmal einen Fehler. Ich gehe ein unkalkulierbares Risiko ein. Die Angstverstärker wurden in der Debatte längst lokalisiert. Das sind so alte Krokodile wie das sogenannte Neue Biedermeier, das längst überholt geglaubte Rollenmodell: Die Frau bleibt mit Kind zu Hause, der Mann geht schnell wieder Vollzeit arbeiten, da er im Durchschnitt auch immer noch 22 Prozent mehr als die Frau verdient.

          Diese Männer wurden jetzt gerade Dinosaurier-Dads genannt. Eine Spezies, kurz vorm Aussterben noch mal wiederbelebt. Im Teich unterhalb der Klippe schwimmen noch ein paar andere Überbleibsel vorvergangener Zeiten: immer noch fehlende qualifizierte Kinderbetreuung, eine robust familienfeindliche Anwesenheitskultur in Unternehmen, das Ehegattensplitting.

          Der Nährboden heißt Verunsicherung

          Daneben ein paar Gegenwartszutaten: die Ausindividualisierung und Versingelung unserer Gesellschaft, brüchige Familienstrukturen, aber auch das typisch deutsche Phänomen, dass Rassehunde im Park zuweilen mehr Achtung und Liebe bei Passanten auslösen als Kinder. Ein frauentypisches, gefräßiges Krokodil schwimmt da noch: der Glaube, alles perfekt machen zu müssen. Alles – und am besten gleichzeitig – auf die Reihe kriegen zu müssen. Perfektionswünsche, genau wie alle Rationalisierungs- oder Funktionalisierungsstrategien haben ihren Nährboden in der Verunsicherung.

          Hier kann ein Kreislauf ansetzen: Aus diesem Verunsicherungsgefühl halten auch gutausgebildete Frauen nach einem Dinosaurier-Dad Ausschau, nach einem Mann, der in der Berufswelt ganz gut klarkommt und also Geld nach Hause bringt. Ihn umgibt noch die Aura einer sichereren Bank, quasi einer Sparkasse. In so einer Konstellation besiegelt die Frau, bekommt sie Kinder, aber für einige Jahre ihr Schicksal als Hausfrau oder Teilzeitmutter. Auch, wenn sie immer zum Gegenteil erzogen worden ist. Uns ist beigebracht worden: Sei nie von Männern abhängig. Gehe deinen Weg, verdiene dein Geld!

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