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Jüdisches Leben in Kiew : „Die Welt macht sich mehr Sorgen um uns als wir selbst“

  • -Aktualisiert am

„Wir fühlen uns als Teil der ukrainischen Gesellschaft“: Viele Juden nahmen darum auch an den Protesten auf dem Maidan teil Bild: Yulia Serdyukova

Hohe Vertreter der jüdischen Gemeinschaften in der Ukraine können keinen zunehmenden Antisemitismus in ihrem Land erkennen. Aber wer streut derartige Gerüchte und aus welchen Gründen?

          Um zu erklären, warum er die Meldungen über den wachsenden Antisemitismus in seinem Land für ausgemachten Unsinn hält, empfängt Leonid Finberg noch lange nach Feierabend. Im Kellerbüro des Zentrums für die Erforschung der Geschichte und Kultur der osteuropäischen Juden in Kiews historischer Unterstadt Podil sind die Schreibtische längst verlassen. Finberg leitet das Zentrum und ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Konföderation der Ukraine. Derzeit lässt er Hunderte Teilnehmer des Majdan befragen, um herauszufinden, wie sich die Protestbewegung gegen Viktor Janukowitsch in kürzester Zeit organisieren konnte. Der Sohn des Institutsleiters war unter denen, die Barrikadenkämpfer mit Medikamenten versorgt haben.

          Als Finberg anhebt zu erzählen, dass es auf dem Majdan keinen Antisemitismus gegeben habe, kommt Josef Zissels zur Tür herein, der Vorsitzende des Vereins Jüdischer Gemeinden und Organisationen in der Ukraine und stellvertretender Vorsitzender des World Jewish Congress. Zissels lauscht ein wenig und winkt dann ab. „Mir scheint, die ganze Welt interessiert sich mehr für unsere Probleme als wir selbst“, sagt er und verschwindet. Zissels kommt gerade aus Berlin, wo er im Menschenrechtsausschuss des Bundestags berichtete, dass die jüdische Gemeinde sowohl unter der vorherigen, als auch unter der jetzigen ukrainischen Regierung kaum Probleme habe.

          Immer weniger antisemitische Zwischenfälle

          In jedem Land der Welt, wo Juden lebten, gebe es natürlich Antisemitismus, sagt Finberg. Mal kämen Briefe mit wüsten Beschimpfungen, mal werde ein Hakenkreuz an eine Synagoge geschmiert oder Randalierer werfen auf jüdischen Friedhöfen Grabsteine um. Tätliche Angriffe auf Juden gebe es in der Ukraine selten - und es sei oft schwer festzustellen, ob ein Überfall tatsächlich einen antisemitischen Hintergrund hatte. In den vergangenen Jahren gab es nach Finbergs und Zissels Angaben immer weniger solcher Zwischenfälle, 2013 vielleicht ein gutes Dutzend. In manchen westlichen Ländern Europas seien im selben Zeitraum Hunderte Fälle mehr registriert worden.

          Die ukrainische Gesellschaft sei viel toleranter geworden, berichtet Finberg. Er spricht von einem wachsenden Interesse an jüdischer Kultur und von Solidarität unter den ukrainischen Intellektuellen im ukrainischen Patriotismus - ungeachtet ihrer Herkunft. Die 300 000 Juden im Land seien Teil der Gesellschaft, und als solcher hätten sie selbstverständlich auch an der Protestbewegung teilgenommen. Drei Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren unter den von Scharfschützen getöteten Demonstranten.

          Provokationen von russischer Seite?

          Dass er dieser Tage ständig nach dem angeblich grassierenden Antisemitismus gefragt wird, kann Finberg sich nur dadurch erklären, dass Russland das Thema auf die Tagesordnung gesetzt habe. In der Ukraine trieben Neonazis, Nationalisten, Faschisten und Antisemiten ihr Unwesen, sagte der russische Präsident Wladimir Putin kürzlich. Er unterstellt der Interimsregierung der Ukraine, in seiner Wahrnehmung Putschisten, von Radikalen durchsetzt zu sein. Die Regierung verweist allerdings darauf, dass drei der nach Janukowitschs Sturz neu eingesetzten Gouverneure jüdische Wurzeln hätten, genau wie der für die Regionen zuständige stellvertretende Regierungschef Wladimir Grojsman.

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