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Jüdisches Leben in Kiew : „Die Welt macht sich mehr Sorgen um uns als wir selbst“

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Wasser auf die Mühlen der russischen Propaganda waren mehrere Überfälle auf Juden in Kiew seit Jahresbeginn. Anfang Januar verprügelten sechs Kerle einen aus Israel zugereisten gläubigen Juden nahe der Synagoge von Podil in der Nähe von Finbergs Institut. Eine Woche später griffen an derselben Stelle Unbekannte ein dreißig Jahre altes Mitglied der Gemeinde mit einem Messer an. Zuletzt wurde Mitte März der Rabbi Hollel Cohen in Kiew überfallen. In der südostukrainischen Großstadt Saporoschje schleuderten Unbekannte Ende Februar drei Brandsätze auf eine Synagoge, und in Simferopol, der Hauptstadt der Halbinsel Krim, wurde eine Synagoge beschmiert.

Leonid Finberg ist überzeugt, dass es sich bei diesen Zwischenfällen um von russischer Seite gesteuerte Provokationen handelt, die die Regierung der Ukraine diskreditieren und ein russisches Eingreifen angesichts marodierender Radikaler rechtfertigen sollen. Nach einem der Angriffe an der Synagoge von Podil hätten Gemeindemitglieder einen Verdächtigen zur Polizei gebracht, die ihn - noch zu Janukowitschs Zeiten - gleich wieder freiließ. „Offenbar hatte der den Segen der Macht“, sagt Finberg. Ähnlich äußerten sich Josef Zissels und viele andere ranghohe Vertreter der jüdischen Gemeinschaft der Ukraine. Der Vorsitzende des Gesamtukrainischen Jüdischen Kongresses, Wadim Rabinowitsch, nannte die jüngsten Äußerungen über Antisemitismus in der Ukraine „politische Spekulation“.

Ein altes Problem

Eine kleine Gruppe von politisch links stehenden ukrainischen Juden beurteilt die Situation offenbar anders und traf sich kürzlich mit Abgeordneten der Knesset in Jerusalem, um über die Gefahren des Rechtsextremismus zu beraten. Ihre Wortführerin, Miroslawa Berdnik, Mitglied des ukrainischen „Antifaschistischen Komitees“, sagte, wenn die Nazis nun schon im Parlament vertreten seien, dann habe ihr Anteil an der Gesellschaft das kritische Maß überschritten. Gegner der Ultranationalisten seien Angriffen ausgesetzt.

Es ist unbestritten, dass einige der Splittergruppen, aus denen sich während der Proteste das Bündnis „Rechter Sektor“ gebildet hat, zumindest in der Vergangenheit antisemitische Parolen verbreiteten. Auch vom Chef der an der Regierung beteiligten Swoboda-Partei Oleg Tjagnibok sind antisemitische Ausfälle bekannt. In einer Rede von 2004 sprach er von „Judenschweinen und sonstigem Gesindel“, was ein folgenloses Strafverfahren nach sich zog. Die Ukraine werde von einer „moskowitisch-jüdischen Mafia“ regiert, sagte Tjahnybok außerdem bei dieser Gelegenheit. Sein Parteifreund Igor Mischnitschenko, der vergangene Woche gewaltsam den Leiter der ukrainischen Fernsehgesellschaft zum Rücktritt zwingen wollte, hatte Ende 2012 die ukrainischstämmige Hollywoodschauspielerin Mila Kunis als „dreckige Jüdin“ bezeichnet.

Der „Rechte Sektor“ will mehr Toleranz

Von den drei neuen Ministers der Swoboda-Partei wurden allerdings bisher keine antisemitischen Aussagen gemeldet.

Zuletzt suchten sowohl Tjahnybok als auch der Führer des „Rechten Sektors“, Dmitrij Jarosch, auffällig die Nähe von israelischen Diplomaten und Journalisten und berichteten stolz von solchen Treffen. Jarosch, der inzwischen angekündigt hat, bei den Präsidentenwahlen kandidieren zu wollen, versicherte Ende Februar dem israelischen Botschafter in der Ukraine, dass seine Bewegung für eine in Nationalitätenfragen tolerante Politik eintrete.

Während des Gesprächs hob der politische Aktivist hervor, dass der „Rechte Sektor“ (der gerade angekündigt hat, eine Partei werden zu wollen) Antisemitismus nicht nur nicht unterstützte, sondern in Zukunft mit sämtlichen rechtlichen Mitteln bekämpfen werde.

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