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Kaschmir Die Katastrophen in der Katastrophe

02.11.2005 ·  Warten auf Hilfe: In Kaschmir multipliziert sich die Zahl der Erdbebenopfer durch die gesellschaftlich-politische Situation. Erst war die Natur des Menschen schlimmster Feind, nun sind es wieder die Menschen selbst.

Von Martin Kämpchen, Santiniketan
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Gerade erst war das Erdbeben im pakistanisch beherrschten Teil von Kaschmir aus den Tagesnachrichten in Deutschland herausgerutscht, da kam die Nachricht von den Terroranschlägen in Delhi. Die Märkte, auf denen die Bomben explodierten, waren dicht bevölkert von Einkäufern, die sich für die bevorstehenden Festtage versorgten.

Das hinduistische „Fest der Lichter“, Diwali, am Dienstag und „Id“, der Abschluß des muslimischen Fastenmonats, der einige Tage später gefeiert wird, hätten den beiden Religionsgemeinschaften die Gelegenheit geben können, ihre Festtagsfreude zu teilen. Doch die Anschläge erinnern die Bevölkerung an die grimmige Tatsache hinduistisch-muslimischer Spannungen.

Die Anschläge dürfen nicht von Kaschmir ablenken

Als Ende 2001 das indische Parlament von aus Pakistan stammenden Terroristen angegriffen wurde, hätte dies beinahe zu einem Krieg geführt. Auch diesmal befürchtete man Gewaltausbrüche gegen Muslime in Delhi und anderen Städten. Massive Polizeipräsenz sollte hier einschüchternd wirken. Die Anschläge, vermuten viele, stehen in Zusammenhang mit dem Versuch einer Zusammenarbeit der beiden Länder in der geteilten Provinz Kaschmir. Dort können die Folgen des Erdbebens nur gemeinsam bewältigt werden. Bisher fehlt jedoch jeder Beweis, daß die Täter vom pakistanischen Staat geschützt wurden.

Die pakistanische Presse zeigt Erleichterung, daß Indien die Zusammenarbeit nicht aufgekündigt hat. Denn die Bombenanschläge dürfen nicht von der menschlichen Katastrophe in Kaschmir ablenken. Hier handelt es sich nicht um eine bloße Naturkatastrophe; die Zahl der Erdbebenopfer multipliziert sich tragischerweise durch die gesellschaftlich-politische Situation.

Hartes Leben im Himalaja

Kaschmir ist Teil des längsten und höchsten Gebirgszuges der Welt. Schutzmaßnahmen gegen Erdbeben wären für eine der ärmsten Regionen Asiens Luxus. Wer einmal im Himalaja gewandert ist, hat eine Vorstellung von den harten Lebensbedingungen, die dort herrschen. Viele Dörfer sind im Winter vier bis sechs Monate lang von der Außenwelt abgeschnitten. Die Menschen müssen sich in der milden Jahreszeit mit Essensvorräten und mit Brennmaterial eindecken, um bis zum Frühjahr zu überleben.

Großfamilien hausen in Blockhütten rund um einen Ofen und haben im Grunde nichts zu tun, als Geräte und Kleider zu flicken und sich Geschichten zu erzählen. Die Luft ist verraucht, ein Bad undenkbar, die Nahrung eintönig: es ist ein armseliges Leben am Existenzminimum. Eine Versorgungsnotlage wie die jetzige bringt nicht nur die unmittelbar betroffenen Familien, deren Häuser zerstört sind, in höchste Bedrängnis, sondern die gesamte Bergbevölkerung. Da es kaum Kommunikation von Dorf zu Dorf gibt, bleibt das Leid jedoch größtenteils verborgen.

Einfallstor für Invasionen - und für Handel und Kultur

In Kaschmir kommt das Jahrzehnte andauernde Leid durch den Terrorismus hinzu, Auswirkung der Teilung in einen pakistanisch und einen indisch beherrschten Teil. Beide Länder beanspruchen das gesamte Kaschmir, vor allem weil die Region, der Übertritt von der nordindischen Gangesebene zu Afghanistan und Kleinasien, geopolitisch von höchster Bedeutung ist. Sie war Einfallstor der Invasionen, die der indische Subkontinent erlebt hat, durch sie strömten aber ebenso Händler, Kulturen und Religionen ein.

Nach mehreren Kriegen entlang der Line of Control (LoC), die das pakistanische und das indische Kaschmir durchschneidet, haben sich die Regierungen der beiden Länder 2003 auf einen Waffenstillstand geeinigt, der zunehmend sicherer wurde, je mehr Friedenswillen die Politiker zeigten und je mehr Erschöpfung die Zivilbevölkerung nach jahrzehntelangem Terrorismus, der weit mehr Menschenleben gefordert hat als das Erdbeben.

In Delhi sind die Erbeben-Opfer weit entfernt

Sowohl in Indien wie in Pakistan war nach dem Erdbeben sogleich von einem Gottesgericht die Rede; eine höhere Macht habe Terroristen und unnachgiebige Politiker strafen wollen. Ähnliches erlebte Indien im vergangenen Dezember, als der Tsunami die südöstliche Küste verwüstete. Die bösartige Meinung, daß sich das kaschmirische „Gottesgericht“ gegen die Muslime wende, schürt erneut die hinduistisch-islamische Animosität. In Kaschmir leben überwiegend Muslime, wobei jenen im indischen Teil der Ruf anhängt, sie würden sich eher gen Pakistan orientieren.

Mit Erdbeben, Terrorismus und bald einsetzender Winterkälte nicht genug, müssen die Opfer nun auch die feindselige Stimmung gegen den Islam, die durch die Terroranschläge in Delhi Auftrieb erhielt, abwehren. Nach dem Tsunami war die Hilfsbereitschaft groß. Zeitungen und große Handelshäuser richteten Spendenfonds ein, viele indische Beamte verzichteten für einen Tag auf ihr Gehalt. Als diesmal unmittelbar hinter der Grenze die Erde bebte, blieben solche Gesten der Hilfsbereitschaft weitgehend aus. Nur eine große indische Zeitung, der „Indian Express“, sammelte für die Opfer. Zu jener Zeit beging Nordindien seine wichtigsten Hindu-Feste, Dassera und Durga-Puja, die mit öffentlichem Gepränge, Theateraufführungen und Gottesdiensten vor den lehmgeformten Gottheiten in aufwendig geschmückten Zelten gefeiert werden. Ungern ließ man sich in der ausgelassenen Festtagsfreude stören.

Dabei wäre es eine ideale Gelegenheit gewesen, Friedenswillen und Einigkeit über Religions- und Staatsgrenzen hinaus zu zeigen. Das indische Volk ist durchaus zu großzügigem Handeln und zur Einigkeit zu bewegen - wenn es sich mit den Notleidenden identifiziert. Diese Identifikation jedoch blieb aus. Betroffenheit zeigte sich im wesentlichen in der Frage, wie erdbebengefährdet denn indische Städte seien. Ausläufer des Bebens waren bis nach Delhi spürbar gewesen. Man stellte mit Entsetzen fest, daß die meisten Hochhäuser dort einem ähnlichen Beben nicht standhalten würden.

Zwischen Hilfsbereitschaft und Argwohn

Die indische Regierung sah nach dem Erdbeben die Chance, mit unkonventionell-großzügigen Hilfsmaßnahmen die geopolitische Lage der Region nachhaltig zu beeinflussen. Schon in den letzten zwei Jahren wurden die politischen Annäherungen zwischen Indien und Pakistan durch sogenannte vertrauensbildende Maßnahmen unterstützt. Man wollte, daß sich die beiden kaschmirischen Volksteile treffen konnten, daß sich getrennte Familien wiedersahen. Auf diese Weise ließ sich vermitteln, welche Vorteile eine politische Einigung für die Bevölkerung hätte. Hilfe für die Erdbebenopfer wurde sofort als vertrauensbildende Maßnahme erkannt.

Inzwischen sind die Meinungen strikt geteilt, ob es den beiden Regierungen tatsächlich gelungen ist, über ihr jahrzehntelanges gegenseitiges Mißtrauen, ihr argwöhnisches Sicherheitsbedürfnis hinauszuwachsen. Eine indische Zeitung meldete sogar, die pakistanische Regierung habe die ersten beiden entscheidenden Tage nach dem Erdbeben damit verbracht, Soldaten an die LoC zu schicken, weil sie befürchtete, Indien werde die Zerstörung dazu nutzen, in den von Pakistan beherrschten Teil Kaschmirs einzumarschieren.

Während die Inder den Opfern sofort Hilfe anboten, zögerten die Pakistaner, nahmen sie schließlich, aber nur unter gewissen Bedingungen, an, steckten wieder zurück, warteten auf offizielle Bestätigungen; dann warteten indische Stellen auf genaue Pläne und Regeln - kurz, ein Wirrwarr von widersprüchlichen Aktionen entstand, in dem Hilfsbereitschaft mit Argwohn, Not mit militärischen Bedürfnissen rang. Diese Phase ist noch nicht überwunden. Es bleibt unklar, ob die Not die Menschen dauerhaft verbinden wird oder ob sie den Terroristen in Kaschmir und in den Städten neue Gelegenheit gibt, Haß und Sezessionswünsche zu schüren.

Eine „Luftbrücke wie in Berlin“

Sowohl die pakistanische wie die indische Presse nennen den Irrsinn beim Namen, riesige Militärausgaben zur gegenseitigen Verteidigung zu bewilligen, während es doch jetzt vor allem auf den gemeinsamen Willen zum Wiederaufbau ankommt. Der Himalaja-Winter steht unmittelbar bevor; in zwei bis drei Wochen werden die Straßen verschneit und nicht mehr passierbar sein. Zeltstädte, die bisher nur etwa zwanzigtausend der rund zwei Millionen obdachlosen Menschen aufgenommen haben, müßten in Windeseile aufgebaut werden. Das bedeutet, daß sämtliche politischen und militärischen Rücksichten beiseite gefegt und alle Kräfte für die Erhaltung von Menschenleben, also für die Koordination von Hilfsmaßnahmen, gesammelt werden.

Man fordert zum Beispiel eine „Luftbrücke wie in Berlin“ nach dem Krieg als einzige Rettung. Schon ahnt man, daß weitere zigtausend Menschen durch Hunger, Kälte und Krankheiten umkommen werden. Wer verhindert diese vermeidbare Katastrophe? Die wohlhabenderen Bevölkerungsteile ziehen inzwischen hinunter in die Städte der Ebene, die Armen haben keine Wahl, als in den Bergen auszuharren.

Terroristen könnten die Gunst der Stunde nutzen

Die Armeen beider Länder sind am besten dafür geeignet, die Lebensrettungsmaßnahmen zu leiten und zu koordinieren. Doch darf indisches Militär natürlich nicht auf pakistanisch kontrolliertem Boden operieren. Zwar ist die LoC schon durchlässiger geworden; Telefonleitungen wurden eingerichtet, und der grenznahen Bevölkerung ist es erlaubt, Verwandte jenseits der Grenze zu besuchen und sich gegenseitig zu helfen. Gerade wurde beschlossen, daß die LoC an fünf Stellen geöffnet wird, damit die Opfer versorgt werden können.

Hilfsorganisationen dürfen nun auch die von pakistanischer Seite schwer zugänglichen Dörfer zu Land und aus der Luft über indisches Gebiet ansteuern. Aber die Furcht, daß Terroristen die Situation ausbeuten könnten, macht Kontrolle und damit eine weitere Behinderung zügiger Hilfe notwendig. Die pakistanische Regierung muß effektiv und sichtbar in Gestalt ihrer Armee und der Hilfsorganisationen handeln, sonst treiben Not und Unzufriedenheit den Terroristen zahlreiche neue Kandidaten zu.

Jetzt sind wieder Menschen des Menschen schlimmster Feind

Kurz nach dem Erdbeben hatten muslimische Terroristenverbände zwar einen Ausstand erklärt. Doch inzwischen schlagen sie sich offenbar demonstrativ auf die Seite der leidenden Bevölkerung, indem sie Hilfsmaßnahmen leiten, wo kein Militär vorhanden ist, um auf diese Weise Sympathien zu gewinnen und der Vermutung entgegenzuwirken, ihre Lager und Kader seien vom Erdbeben zerstört worden.

Nie ist es angesichts dieser menschlich verwickelten Situation schwieriger gewesen, gezielt und befriedigend zu helfen. Nachdem zuerst die Natur des Menschen schlimmster Feind war, sind es nun die Menschen selbst.

Quelle: F.A.Z., 02.11.2005, Nr. 255 / Seite 41
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