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Lagerfeld über Antisemitismus : Er spricht Tacheles

Karl Lagerfeld Bild: LANGSDO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mit seinen Bemerkungen über Flüchtlinge in Deutschland und die Kanzlerin hat Karl Lagerfeld in ein Wespennest gestochen. Die Empörung ist groß. Doch man sollte den Grund seiner „ungeheuerlichen“ Einlassung beachten. Ein Kommentar.

          Karl Lagerfeld ist wahrscheinlich der bekannteste Deutsche, der in Frankreich lebt. Er kennt die Befindlichkeiten in beiden Ländern, und deshalb sind seine Medienauftritte manchmal ganz besonders aufschlussreich. Es ist nicht immer alles hochintelligent, was Lagerfeld so sagt. An Selbstvertrauen und Stilbewusstsein fehlt es ihm kaum je. Aber nie nimmt er ein Blatt vor den Mund. Seit Ende September allerdings geht Zar Karl leicht geknickt durch das Leben. Lagerfeld schämt sich – er schämt sich für Deutschland, und er schämt sich für sich selbst. Der Grund seiner Scham ist die deutsche Schande: der Einzug der AfD ins Parlament.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Lagerfeld schämt sich, wie sich kaum je ein Franzose für den Front National und die Le Pens geschämt hat. Am Tag der Wahl hatte er einen „Wutanfall“. Von dessen Heftigkeit bekamen die Franzosen am Wochenende in einer Fernsehsendung einen kleinen Nachgeschmack. Die Diskussion wurde im Umfeld des zweiten Jahrestags der Pariser Attentate ausgestrahlt. Für die neue deutsche Schande machte Lagerfeld eine Schuldige aus, die Kanzlerin, die sich in der Griechenland-Krise als Rabenmutter gebärdet habe und sich mit der Aufnahme der Flüchtlinge ein gutes Gewissen erkaufen wollte. Darin sieht er den Grund für die Erfolge der AfD. Mit den Flüchtlingen aber seien „die schlimmsten Feinde der Juden“, die Deutschland vor ein paar Jahrzehnten millionenfach ermordet hat, gekommen.

          Lagerfeld war bewusst, er hatte auch davor gewarnt, dass er „etwas Ungeheuerliches“ sagen würde. Die von ihm gegeißelte Flüchtlingspolitik hatte in Frankreich für Zustimmung, Bewunderung, Ablehnung gesorgt – aber das Deutschlandbild der Franzosen verändert. Die „eiserne Kanzlerin“ wurde zur „heiligen Mutti“. Lagerfeld illustrierte seine Kritik mit einem Beispiel: Freunde hätten einen Syrer aufgenommen, der ihnen nach vier Tagen erklärte, die beste deutsche Erfindung der Geschichte sei der Holocaust gewesen. Vielleicht wollte er seinen Gastgebern ja nur etwas Nettes sagen. Aber natürlich haben sie ihn rausgeworfen.

          Lagerfelds Exempel hat in Frankreich einen Sturm der Empörung ausgelöst, der sich wie üblich auf die verkürzte Quintessenz kapriziert: (Muslimische) Flüchtlinge hassen Juden. Lagerfeld stach in ein Wespennest, denn der Antisemitismus in den Banlieues und breiten islamischen Kreisen ist zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Elisabeth Badinter hat ihn in dieser Zeitung beklagt. Wie explosiv die Lage ist, zeigen die Hunderte von Beschwerden, die bei der staatlichen Medienaufsicht CSA eingingen. Der CSA wird Lagerfelds Aussagen prüfen. Dabei gebührte ihm der deutsch-französische Journalistenpreis. Dessen Jury sollte ihm – nach Alfred Grosser, Daniel Cohn-Bendit, Volker Schlöndorff – den „Medienpreis“ für prominente Vermittler verleihen und ihn mit seinen Verdiensten um die deutsch-französische Meinungsfreiheit begründen.

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