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Karikaturenstreit Zu Besuch bei Abu Laban

13.03.2006 ·  Am Anfang war das Dossier. Der dänische Imam Abu Laban hatte eine Delegation damit zu einem großen Koran-Gelehrten geschickt. Die Welle der Gewalt hat er nicht gewollt. Ein Bericht aus dem Herzen des Karikaturenstreits.

Von Michael Hanfeld, Kopenhagen
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Im Land des Propheten wohnt der Imam am Rande des Gewerbegebiets. Dorthevajg 45. Es ist eine zugige Ecke, links Wohnblöcke, die Straße runter Baustoffhöfe und Autoverwerter. Um das „Zentrum für Integration“, das Abu Laban leitet, fegt der Wind. Die Moschee im Hinterhof erkennt man von außen nicht als Gotteshaus. Der gelbe Klinkerbau war einmal ein Weinlager. Am Eingang gibt es drei Klingeln, kein Namensschild, die Tür ist angelehnt. Abu Labans Kontor ist im ersten Stock des Vorderhauses, ein paar bärtige junge Männer führen uns zu einem Besprechungsraum.

Abu Laban empfängt nebenan eine Studentengruppe. In unserem Zimmer warten zwei junge Leute aus Sri Lanka. Bei ihnen gab es erst kürzlich die erste Demonstration gegen die Mohammed-Karikaturen; friedlich, wie sie betonen. Jetzt wollen sie von dem berühmten Imam aus Kopenhagen wissen, was es mit den Karikaturen auf sich hat. Abu Labans Protest hat die Welt umrundet. 150.000 Exemplare Auflage hat die dänische „Jyllands-Posten“, jetzt ist sie die berühmteste Zeitung der Welt.

„ Wir wollen einen intellektuellen Diskurs“

Abu Laban ist ein untersetzter Mann, sein Blick ist freundlich, sein Händedruck fest. Der Einundsechzigjährige ist stolzer Vater von fünf Töchtern und zwei Söhnen, und er ist zum ersten Mal Großvater geworden. Geboren wurde er 1946 in Palästina, kurz vor der Gründung Israels, seine Frau stammt aus Damaskus. Aufgewachsen in Ägypten, hat er als Ingenieur für eine Ölfirma gearbeitet, Prediger war er zunächst nebenbei. 1984, da war er Imam in Nigeria, fragten ihn Freunde, ob er nach Dänemark kommen wolle. Die Gemeinde in Kopenhagen brauchte einen Imam. Abu Laban kam, predigte und kümmerte sich, wie er sagt, um die Integration seiner Leute. „Wir sind dänische Staatsbürger“, sagt er immer wieder. „Ich bin froh, daß ich in einer Demokratie lebe.“ In einer Demokratie, in der Meinungsfreiheit herrscht, wie in fast keinem arabischen Land.

Die Demokratie, die Meinungsfreiheit, der sich Abu Laban erfreut, hat Grenzen. Sie endet, wo die Beleidigung des Islams und erst recht die des Propheten beginnt. Die beiden jungen Leute aus Sri Lanka bekommen das schnell zu spüren. Sie haben darauf hingewiesen, daß es Stimmen gebe, die ihn, Abu Laban, für die Gewalt in der arabischen Welt verantwortlich machten, die bei den Protesten gegen die Karikaturen mehr als hundert Tote forderte, die meisten davon in Nigeria. Ob sie ihn beleidigen wollten? „Wir verdammen die Gewalt, wir sind froh, daß es in Dänemark und in Europa keine gewalttätigen Proteste gibt. Botschaften zu erstürmen, das ist nicht unser Ziel. Wir wollen einen intellektuellen Diskurs. Die Regierung muß mit uns reden. Wir lassen uns nicht länger wie Kindergartenkinder behandeln.“ Der eben noch gemütlich scheinende Imam ist aus der Haut gefahren.

Dies ist viel, viel schlimmer

Im Kopenhagener Regierungsviertel, in einem Tagungshaus des Außenministeriums am Hafen, wird am nächsten Morgen auch gepredigt. In dem ehemaligen Speichergebäude an der Strandgade 27b mit Blick aufs Wasser hat Tareq al Suweidan, Chef des in Kuweit ansässigen Satellitensenders „Al Resalah“ (Die Botschaft), seinen Auftritt. Die Botschaft für heute lautet: Ihr habt die ganze muslimische Welt beleidigt. Ihr habt den Glauben von anderthalb Milliarden Menschen in den Dreck gezogen. Ihr habt euch am Propheten vergangen. Hättet ihr meine Mutter beleidigt, wäre das schlimm. Doch dies ist viel, viel schlimmer. Eure Regierung hat versagt. Tut etwas dagegen. Wir erwarten eine offizielle Entschuldigung eures Premierministers. Sonst wird der Boykott niemals enden.

Al Suweidan ist lauter geworden als Abu Laban, und es ist die Frage, ob der Imam, der den Karikaturenstreit in die Welt tragen ließ, so schneidig aufgetreten wäre. Ihn hat man nicht zu der „Dialog-Konferenz“ eingeladen (siehe auch: Karikaturenstreit: Auf einer Konferenz schlagen die Wogen hoch). Das dänische Außenministerium und das Dänische Institut für Internationale Politische Studien (DIIS) haben auf den arabischen Fernsehprediger Amr Khaled gesetzt, der als aufgeklärt und gemäßigt gilt und mit seinen Shows auf dem Sender Iqraa eine riesige Gemeinde in der arabischen Welt und in Europa begeistert. Seine Organisation namens „Life Makers“ tut Gutes und redet darüber, erklärt, wie man als Muslim leben soll, und glaubt an die eine muslimische Nation, die Umma.

Das Dossier des Imam

Amr Khaled ist so etwas wie der Johannes B. Kerner der islamischen Welt. Doch es läuft nicht gut für ihn an diesem Morgen. Der schicke Hardliner aus Kuweit stiehlt ihm die Show. Nach der Pressekonferenz stürzen sich die Kamerateams auf al Suweidan. Amr Khaled steht daneben, die Hände in den Taschen seines grauen Anzugs, und trippelt mit den Füßen. Nach seiner netten Einleitung, die vom Wert des Dialogs um des Dialogs willen handelte, hat er blitzschnell umgestellt und wiederholt, was der Senderchef al Suweidan vorgelegt hatte. Daß die beiden sich für diesen Tag noch etwas Besonderes ausgedacht haben, ahnt keiner der überrumpelten Dänen. Sie haben nichts zu sagen, Khaled und al Suweidan haben eine Agenda. Sie wurden in der arabischen Welt heftig kritisiert, weil sie nach Kopenhagen gingen. Jetzt reden sie Tacheles.

Bei Abu Laban gibt es Instantkaffee, Tee, Wasser und Limonade. Er kramt das Dossier hervor, mit dem er im Dezember eine fünfköpfige Delegation losgeschickt hat. Die „Akte zu den Bildern des Propheten Mohammed“ enthält nicht nur die Zeichnungen aus der „Jyllands-Posten“. Es gibt eine weitere Seite aus einer anderen Zeitung, die Darstellungen versammelt, die den Islam herabwürdigen. Das Foto des Mannes mit Schweinenase und Schweineohren ist auch dabei, von dem wir wissen, daß es mit Mohammed nichts zu tun hat. Es zeigt einen Mann, der in Südfrankreich auf einer Landwirtschaftsmesse an einem Schweine-Quiek-Wettbewerb teilgenommen hatte (siehe auch: Die Herkunft des angeblichen Mohammed-Bildes). Doch bei seiner Organisation sei dieses Bild gemeinsam mit einem Schmähbrief angekommen, sagt Abu Laban - der Prophet Mohammed als Schwein. Deshalb liege es der Akte bei. Die nächste Seite des Dossiers zeigt einen gebückten Mann, der von einem Hund bestiegen wird.

Verurteilung des Al-Azhar-Gelehrten

Die Muslime aus Kopenhagen sind mit dem Papier zunächst nach Kairo und dann nach Beirut gereist. Abu Laban selbst war nicht dabei. Ihm ging es, wie er sagt, um eine Verurteilung der Karikaturen durch den Großscheich Mohammed Sajjd Tantawi, den obersten Gelehrten der Al-Azhar-Universität, dessen Auslegung des Korans, dessen Stellungnahmen zu allen Lebensfragen der Gläubigen von großem Gewicht sind. Sechs Tage waren Abu Labans Leute in Kairo, und sie bekamen, was sie wollten: die Verurteilung der Karikaturen.

Tantawis Stellungnahme ging an das ägyptische Außenministerium, und dieses übermittelte sie dem dänischen Botschafter. Mitte Oktober hatte sich die dänische Regierung geweigert, die Botschafter von elf islamischen Ländern zu empfangen, die eine Entschuldigung für die Karikaturen forderten. Was dann kam, Eklat, Unruhen, Plünderungen und Tote, damit will Abu Laban nichts zu tun haben. Doch ob er nicht wußte, was er tat? „Ich habe Politik im Blut“, sagt er

Er hatte „Jylands-Posten“ gewarnt

Folgt man ihm, dann hat die „Jyllands-Posten“ beträchtlichen Anteil an der Eskalation. Er habe über Mittelsmänner vor der Veröffentlichung der Zeichnungen gewarnt und nach dem Erscheinen der Karikaturen am 30.September versucht, die Zeitung davon zu überzeugen, gemeinsam mit dänischen Universitäten ein „Mohammed-Seminar“ abzuhalten, sagt Abu Laban. Er traf Flemming Rose, den Kulturchef der „Jyllands-Posten“ und fand ihn ganz sympathisch, schrieb an die Regierung. Doch nichts geschah. Dann setzte er seine Karikaturen-Truppe in Marsch.

Die „Jyllands-Posten“ will sich im Augenblick leider zu der Angelegenheit nicht äußern. Ihr Chefredakteur Carsten Juste hat jedoch Ende Januar erklärt, er bedauere die Folgen des Karikaturenstreits, doch stehe er zur Veröffentlichung. Am Tag zuvor habe der Redakteur Flemming Rose, der die Idee mit den Karikaturen hatte, auf dem arabischen Nachrichtenkanal Al Dschazira ebenfalls bedauert, daß man mit den Zeichnungen Muslime verletzt habe. Sein Bedauern wurde, wie „Jyllands-Posten“ mitteilt, von Al Dschazira nicht ins Arabische übersetzt.

Unterricht, Aufklärung, Forschung und Lehre

Wer genau hinhört, hinsieht und einen echten Dialog will, müßte eigentlich erkennen, daß die Entschuldigung längst da ist. Doch Abu Laban, Tareq al Suweidan und Amr Khaled wollen mehr. Die Dialog-Tagung, auf der fünfzig ausgewählte junge Leute aus der arabischen Welt und aus Dänemark als aufgeklärtes Vorzeigepublikum dienen und einem vorkommen wie das Kanonenfutter im Kampf der Kulturen, endet nämlich mit einem Coup und einem Eklat: Al Suweidan und Amr Khaled fordern die dänische Regierung in einer Resolution auf, den Islam in den Lehrplan der dänischen Schulen aufzunehmen, aufklärende Sendungen ins Fernsehen und ins Radio und entsprechende Artikel in die Zeitungen zu bringen und ein islamwissenschaftliches Institut in Kopenhagen zu gründen. Abgesprochen ist das mit niemandem, nicht mit den jungen Leuten, die sich in kleinen Gruppen auf dieses Ereignis vorbereitet haben, und schon gar nicht mit dem dänischen Bischof Karsten Nissen.

Abu Laban hat uns lange aus seinem Leben erzählt. Er wirkt nicht wie jemand, dem an Eskalation gelegen ist. Ein Journalist aus Japan setzt sich an unseren Tisch, das nächste Gespräch wartet. Der Imam beginnt lang und breit zu erzählen, der Japaner malt kleine Kästchen in seinen Notizblock. Am Abend darauf gibt es die nächste Debatte mit den Gesandten aus dem Nahen Osten. Die Zeitung „Politiken“, die zum selben Verlag wie die „Jyllands-Posten“ gehört, hat eingeladen. Wir verlassen die Versammlung, als wir Tareq al Suweidan rufen hören: Wollt ihr meine Mutter beleidigen? Abu Laban ist auch hier nicht geladen. Doch er ist überall dabei. „Wir schreiben Geschichte“, hat er uns zum Abschied gesagt.

Quelle: F.A.Z., 13.03.2006, Nr. 61 / Seite 37
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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