http://www.faz.net/-gqz-rzgo

Karikaturenstreit : Grass kritisiert Karikaturen als gezielte Provokation

  • Aktualisiert am

Schwere Vorwürfe gegen „Jyllands-Posten”: Günter Grass Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in „Jyllands-Posten“ scharf kritisiert. Er nannte die dänische Zeitung „rechtsradikal und fremdenfeindlich“.

          Der deutsche Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ scharf kritisiert. „Es war eine bewußte und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes“, sagte der Schriftsteller in einem Interview mit der spanischen Zeitung „El País“ (Donnerstag-Ausgabe). Den Blattmachern sei bekannt gewesen, daß die Darstellung Allahs oder Mohammeds in der islamischen Welt verboten sei. „Sie haben aber weitergemacht, weil sie rechtsradikal und fremdenfeindlich sind.“

          Von den gewalttätigen Reaktionen zeigte sich der 78jährige Autor wenig überrascht. Es sei die fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Aktion des Westens, angefangen von der Invasion in den Irak, die gegen internationales Recht verstoßen habe. Dem Westen warf Grass in der Debatte über die Karikaturen hinsichtlich der Verweise auf die Presse- und Meinungsfreiheit Selbstgefälligkeit und Arroganz vor. Die Zeitungen lebten von den Anzeigen und müßten auf gewisse wirtschaftlichen Kräfte Rücksicht nehmen. Die Presse sei Bestandteil großer Gruppen, die die öffentliche Meinung monopolisierten. Der Westen könne sich nicht weiter hinter dem Recht auf freie Meinungsäußerung verschanzen.

          „Woher nimmt der Westen diese Arroganz?“

          „Woher nimmt der Westen diese Arroganz, vorzugeben, was gemacht werden muß und was nicht?“, fragte Grass. Die Zukunft wird seiner Ansicht nach weiter explosiv sein. Die Wunden nicht nur in den arabischen sondern auch in den armen Ländern seien sehr tief. Der Westen scheine nicht in der Lage, diese Staaten als gleichberechtigte Partner anzuerkennen. Nach den Worten des Autors läßt sich über alles reden, solange dem Gegenüber die Toleranz entgegengebracht wird, die man für sich selbst beansprucht.

          Ähnlich äußerte sich in „El País“ der portugiesische Literatur- Nobelpreisträger José Saramago. Er warf den Autoren der Karikaturen Verantwortungslosigkeit vor. „Hätte der Zeichner mit den Bildern seinen Chef lächerlich gemacht, wäre er vermutlich tags darauf entlassen worden.“ Es gehe nicht darum, Selbstzensur auszuüben, sondern gesunden Menschenverstand walten zu lassen, meinte der 83jährige Schriftsteller.

          Dänischer Pen-Club steht nur sehr bedingt hinter „Jyllands-Posten“

          Der dänische Pen-Club hat sich derweil nur mit starken Vorbehalten hinter die wegen ihrer zwölf Mohammed-Karikaturen von Muslimen in aller Welt angegriffene Zeitung gestellt. In einer an diesem Donnerstag in Kopenhagen veröffentlichten Erklärung lobte der Pen-Club die „solide und gut begründete Verteidigung der Meinungsfreiheit“ durch den zuständigen Feuilletonchef der „Jyllands-Posten“, Flemming Rose.

          Gleichzeitig sei man aber der Überzeugung, daß „Meinungsfreiheit auch verantwortungsvoll wahrgenommen werden müsse, wodurch sich die Verbreitung von Rassismus sowie die Beleidigung und Verhöhnung religiöser Minderheiten verbietet“. Weiter hieß es in der Erklärung: „Einige von uns sind wegen der Veröffentlichung der Karikaturen in JP auch besorgt, weil wir meinen, daß viele Muslime JP zu Recht als feindselig und dämonisierend gegenüber ihnen als Minderheit empfinden.“

          Weitere Themen

          Es wird zu viel gemeint

          Neue Schweizer Rundfunkchefin : Es wird zu viel gemeint

          Nathalie Wappler wurde einstimmig zur neuen Direktorin des Schweizer Radio und Fernsehens (SFR) gewählt. Bevor sie ihren Job antritt, macht sie schon einmal eine politische Ansage, die gut ankommt.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Bloß keine russischen Verhältnisse

          November 1918 : Bloß keine russischen Verhältnisse

          Wie Friedrich Ebert die revolutionäre Energie in Deutschland kanalisierte: Robert Gerwarth deutet in seinem neuen Buch den gesellschaftspolitischen Umsturz im November 1918.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Alice Weidel lehnt einen Rücktritt wegen der illegalen Spenden ab.

          Geld aus der Schweiz : Weidel bezahlte Wahlkämpfer mit Spende

          Alice Weidels Sprecher bestätigt die bewusste Verwendung des Geldes. Die illegale Spende soll für die Finanzierung von Facebook-Likes und für einen Medienanwalt genutzt worden sein.
          Italiens Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio geht in der Haushaltspolitik auf Konfrontationskurs mit der EU.

          Schuldenstreit mit der EU : Italien bleibt stur

          Die italienische Regierung weicht nicht von ihrer Haushaltspolitik ab. Nach Ablauf einer Frist am Dienstagabend droht Rom nun ein Verfahren der EU-Kommission.

          Brexit-Verhandler einigen sich : „Der weiße Rauch steigt auf“

          In den Verhandlungen um ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU haben die Unterhändler einen wichtigen Durchbruch erzielt. Während EVP-Chef Weber den Verhandlungserfolg feiert, äußert Boris Johnson scharfe Kritik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.