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Kardinal Walter Brandmüller : Das Christentum hechelt nicht nach Applaus

„Im Evangelium ist der große Abfall prognostiziert“: Kardinal Walter Brandmüller Bild: Jan Roeder

Kann denn Liebe Sünde sein? Und wenn ja, wer mag es glauben? Der Streit um das Schreiben „Amoris laetitia“ schwelt weltweit – auch, weil Papst Franziskus weiter schweigt.

          Herr Kardinal, es geht im Moment hoch her in der katholischen Kirche. Der Papst wird von den einen der Häresie verdächtigt, von den anderen als lutherischer Reformer gefeiert. Stein des Anstoßes sind Fragen der Sexualmoral, wie sie in dem päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ über Ehe und Familie angesprochen werden. Die Debatte wird weltweit zum Teil sehr heftig und grundsätzlich geführt, da steht die eine Bischofskonferenz gegen die andere, wenn es etwa um die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten geht. Aus säkularer Perspektive interessiert zunächst einmal, wie man im 21. Jahrhundert überhaupt noch darauf kommen kann, das Sexualleben normieren zu wollen, sofern die Partner untereinander Einvernehmen erzielt haben.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wir sollten, meine ich, da zunächst diese grundsätzliche Frage stellen: Was ist Religion? Was versteht ein Katholik unter Religion? Religion im heutigen Verständnis ist für viele ein lediglich psychologisches, soziokulturelles Phänomen. Religion ist nach katholischem Verständnis aber gerade kein Produkt des menschlichen Geistes, kein Versuch der Existenzerhellung mit Hilfe philosophischer Reflexion. Religion ist die Antwort des Menschen auf einen von außen an ihn herankommenden Anruf. Und damit ist die Frage nach Gott gestellt, nach dem Schöpfer, ohne den es den Menschen nicht gäbe. Dieser Gott hat sich, so das Selbstverständnis des Christentums als Offenbarungsreligion, dem Menschen zu erkennen gegeben. Und zwar, indem er selbst sich auf die Ebene begeben hat, auf der der Mensch anzutreffen ist. Gott ist nach allgemein christlicher Überzeugung in Jesus von Nazareth Mensch geworden, in die Geschichte eingetreten, um den Menschen zu begegnen und seine definitive Selbstmitteilung zu vollziehen. Die Antwort des Menschen auf diese Selbstmitteilung des Schöpfers ist Religion, die natürlich dann auch die Lebensweise prägt.

          Aber da beginnt doch der Streit. Gott spricht, wenn man seine Existenz unterstellt, nicht eindeutig. Offenbarung hat es, da es um Sprache geht, mit Interpretation zu tun. Gibt es nicht eben deshalb verschiedene theologische Schulen? Tatsächlich scheint uns die Problematik, um die es hier geht, weit über Fragen der Sexualmoral hinauszugehen. Geht es nicht im Kern um die Frage, mit welchen Gründen jemand – eine Institution, ein einzelner Mensch – beanspruchen kann, verbindlich im Namen Gottes sprechen zu können? Und könnte es nicht sein, dass diese uralte religionskritische Frage jetzt erstmals auch innerhalb des Papsttums aufbricht, weswegen ein Schreiben wie „Amoris laetitia“ dann gleichsam vorsätzlich unscharf gehalten ist?

          Zunächst einmal gibt es ja eine naturrechtliche Basis, auf der sich auch Ehe, Liebe, Familie wahrnehmen lassen.

          Wobei die Berufung auf Naturrecht ja die Frage nur verschiebt: Wer interpretiert es mit welchen Gründen?

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