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Veröffentlicht: 05.05.2009, 10:25 Uhr

Zukunft des Kapitalismus (2) Modell Deutschland

Der Kapitalismus hat nicht versagt. Aus den in seiner Existenz unvermeidlichen Krisen ziehen wir mehr Gewinn als Verlust. Karen Horn vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln in unserer neuen Serie über die Zukunft des Kapitalismus.

von Karen Horn
© REUTERS Er gab den Startschuss für die Marktwirtschaft: Ludwig Erhard, porträtiert von Bernhard Buffet

„Diese Krise zählt zu den unvermeidbaren. Nicht der geringste Abstrich ist zulässig von den drei Hauptsätzen der einzig treffenden Diagnose: Es lebt sich gut am Vesuv. Leider bricht er gelegentlich aus. Aber niemand weiß, wann.“ So brachte kürzlich ein früheres Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung den aktuellen Tatbestand auf den Punkt. Bezeichnenderweise kommen die „drei Hauptsätze“ ohne die Worte „Kapitalismus“, „Marktwirtschaft“, „Wettbewerb“ oder auch nur „System“ aus. Der Vesuv, das sind wir Menschen selbst.

Was sich da als krisenanfällig erweist und gelegentlich ausbricht, das ist nämlich nicht irgendein System in all seiner Abstraktion. Der Vesuv, das ist mitnichten die freie Marktwirtschaft, wie man heute von Kritikern aller denkbaren Schattierungen immer wieder hören muss. Auch nicht der Kapitalismus, jenseits jeder klassenkämpferischen Terminologie schlicht und wohl verstanden als eine Wirtschaftsform, die zukunftsgerichtet durch Kapitalbildung, also Sparen und Investieren, auf Wohlstandsmehrung zielt - ein ökonomisches Miteinander, das sich in freiwilligen Austauschbeziehungen auf der Basis von Privateigentum an den Produktionsmitteln konkretisiert.

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Neoliberalismus ist nicht einseitig

Der Vesuv, das ist noch nicht einmal die unhistorisch so bezeichnete „neoliberale Ideologie“. Die wahre neoliberale Schule aus den dreißiger Jahren versteigt sich gerade nicht zur Heiligsprechung der individuellen Gier und der kollektiven Regellosigkeit. Sie entwirft einen Ordnungsrahmen, der die Grundwerte der Freiheit und Gerechtigkeit, der Verantwortung und Solidarität auch in der Wirtschaft harmonisch zu verbinden erlaubt. Neoliberalismus ist eben nicht einseitig - und deswegen auch nicht ideologisch. Ideologisch ist es, wenn beispielsweise Bischof Wolfgang Huber das Wort „Grundwerte“ mit einem Bann belegt. Die Begründung: Der „Wert“ als relativer, sich in der derzeitigen Krise selbst entäußernder ökonomistischer Begriff passe nicht zu dem Schönen, Wahren, Guten, das uns heilig sein sollte.

Wenn Ludwig Erhard, der noch weitgehend unumstritten verehrte politische Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft, einst schrieb, „je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch“, dann machte ihn dies nicht zum verantwortungslosen Prediger eines „marktliberalen Kults“. Wer für freie Märkte wirbt, meint schließlich nicht regellose Märkte. Wer für freie Märkte wirbt, will Märkte, die effizient funktionieren - auf dass die Erhardsche Formel vom „Wohlstand für alle“ Wirklichkeit werde.

Zustimmung nur im Nachhinein

Der Erfolg hat der Sozialen Marktwirtschaft recht gegeben. Der materielle Aufschwung, den Deutschland in und seit den fünfziger Jahren erlebt hat, brachte auch breite Zustimmung zu diesem Wirtschaftssystem, das als deutscher Sonderweg in der Welt begriffen und gehegt wurde. Doch man täusche sich nicht - diese Zustimmung aufgrund der Nützlichkeit des Systems hat es stets nur im Nachhinein gegeben. Als Ludwig Erhard 1948 den Startschuss für die Marktwirtschaft gab, indem er die Preiskontrollen abschaffte, ritt er keineswegs auf einer Welle der allgemeinen Begeisterung, weder bei den Alliierten noch in den Parteien und der Bevölkerung. Als sich dann nicht nur die Regale füllten, sondern auch die Preise stiegen, eskalierte der öffentliche Protest, der in einem Generalstreik kulminierte.

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